Von Penetranz und Petra Kelly

Die Frauen-, Friedens- und Ökologie-Aktivistin Eva Quistorp ist wieder da: Mit ihrer „Berliner Erklärung“ hat sie im Internet früher als große Friedensorganisationen hunderte gegen den drohenden Irakkrieg mobilisiert. Porträt einer Getriebenen

„Ich erzähle Ihnen etwas von Franz, aber es ist schwer zu verstehen.“ – „Für einen Idioten wie mich, meinen Sie.“ – „Man kann sehr gescheit sein und es doch nicht verstehen. Franz saß mit seinen Gefährten an einem Feuer, und die Flammen ergriffen seinen Mantel. Die Gefährten löschten die Flamme. Und was sagte Franz? Warum habt Ihr dem Bruder Feuer nicht erlaubt, den Mantel zu verzehren?“ – „Das ist wirklich …“ – „Verrückt, nicht wahr?“

(aus: „Bruder Feuer“ von Luise Rinser)

„Au, jetzt singt sie wieder!“, sagt der junge Friedensdemonstrant und lacht seine Freundin an. Nach einem Knarzen ist etwas verzerrt aus dem Lautsprecherwagen der „Montagsdemonstration“ vor der Humboldt-Universität die Stimme Eva Quistorps zu hören. Es ist ein Winterabend und dunkel, die Organisatorin der Friedensdemonstration ist im Gewühl nicht zu sehen, man hört sie nur. „We shall overcome“, singt sie, und zwar in so etwas wie der zweiten Stimme zu diesem amerikanischen Bürgerrechtssong. Kaum jemand stimmt mit ein. Eben hat Eva Quistorp noch geredet: gegen den drohenden Krieg im Irak, für Druck auf den Diktator Saddam Hussein, über die Gefahr für die Demokratie in den USA. Dann darf ein Vertreter von Pax Christi reden. Jetzt ist Eva Quistorp zu sehen, eingehüllt in eine Europaflagge, sie hält sein Mikrofon. Die 57-jährige ergreift wieder das Wort, sagt, dass man doch zur Musik von „Yellow Submarine“ von den Beatles auch singen könne: „We are all Europe-e-e-e-e-ans.“ Oder „Berlusconi: no no no!“ Da muss sie selber lachen.

Es ist einfach, über Eva Quistorp zu lächeln, vielleicht weiß sie das auch: Als sich der Demonstrationszug zum Brandenburger Tor in Gang setzt, singt sie immer wieder, lacht, lässt ihre Stimme Achterbahn fahren – das hat etwas Selbstironisches, Clowneskes, Verwirrendes. Als trete eine Frau in die Öffentlichkeit, der es völlig egal ist, wie sie ankommt, was andere von ihr halten. Der es um die Sache geht, um nichts anderes.

Eva Quistorp glüht. Seit Herbst hat sie wochenlang am Computer gehangen, hat E-Mails geschrieben in die ganze Welt. Mit der von ihr und anderen Frauen initiierten „Berliner Erklärung“ hat sie früher und klarer als viele andere Großorganisationen Menschen gegen den drohenden Krieg aktiviert: unermüdlich, bis zur eigenen Erschöpfung, wie sie sagt – und man glaubt es ihr sofort. Namhafte Persönlichkeiten hat sie abgeklappert, sie haben die Erklärung mit unterschrieben, Friedrich Schorlemmer etwa oder Erhard Eppler.

Davon erzählt sie auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Friedensappells im Abgeordnetenhaus vor ein paar Wochen. Sie hat wallende bunte Kleider an, die man das letzte Mal auf den Friedensdemos der Achtzigerjahre gesehen hat. Sie redet klug, vielleicht etwas viel. Da wagt ein Journalist des Evangelischen Pressedienstes vorsichtig anzumerken, dass er 1.000 Unterschriften nach dieser relativ langen Vorbereitungszeit nicht besonders viel finde. Eva Quistorp ist sichtlich beleidigt, kämpft um ihre Fassung, schnauzt den Journalisten fast an. Sie habe ja keinen Medienapparat hinter sich, der ihr helfe. Zudem stünden hinter vielen Unterschriften wichtige Institutionen. Der Journalist schweigt bedröppelt. Er hat es nicht böse gemeint.

Eva Quistorp meint es auch nicht böse – doch wenn man sich umhört in der linken Szene (und alle, wirklich alle kennen sie dort), hört man viel Böses, besser: Bitteres über sie. Sicher, sagt eine Frauenaktivistin, die sie seit Jahren kennt: Sie habe große Verdienste in der Frauenpolitik seit den 70er-Jahren. Eva Quistorp sei eine „gestandene Linke“ mit guten Ideen, vielen Kontakten. „Aber man kann mit ihr nicht zusammenarbeiten.“ Sie sei viel zu selbstbezogen, sehe sich, ja dränge sich in die „Verliererposition“, was oft zu einer „Selffulfilling Prophecy“ werde. Sie gehöre zu den „Getriebenen“, die ein „empfindliches Selbstbewusstsein“ mit Wortschwall zu übertünchen suchten. Einerseits polarisiere sie, sagt eine andere Frau aus der Frauenbewegung, andererseits sei Eva Quistorp eine Art „Integrationsfigur“: Sie habe Ideen, die Welt zu verbessern. Doch die Art dieser „menschlich unglaublich komplizierten Frau“ habe ihre Karriere zerstört.

Wie das? Hinweise darauf gibt ein langjähriger Beobachter der Szene, der sie „eigentlich ganz nett“ findet: Eva Quistorp, sagt er, sei eine „total moralische Person – und überhaupt nicht doof“. Sie habe als eine der Ersten in der Linken die Friedens- mit der Frauenfrage verknüpft. Nie habe sie Marxismus-Leninismus-Phrasen gedroschen und in einer Zeit, die nur in Abstrakta sprach, über Gefühle gesprochen: „Das war damals progressiv.“ Alles Persönliche sei bei ihr politisch, und über persönliche Begegnungen komme sie zur Politik. Eva Quistorp sei „überhaupt kein theoretischer Mensch“, müsse immer „was losmachen“. Sie entstamme einem „schwer erträglichen protestantischen Milieu“, sei „sehr religiös“, „sicher musisch“, aber leider eine „vollkommen humorlose Person“. Er kenne niemanden, der sie länger als zehn Minuten aushalte. Das liege daran, dass sie so „hyperpräsent“ und „penetrant“ sei. Ähnlich wie Petra Kelly.

Der Vergleich mit der grünen Urmutter kommt fast immer im Zusammenhang mit Eva Quistorp – auch sie nennt den Namen häufig. Wir treffen die Frauen-, Friedens- und Ökologie-Aktivistin in einem etwas vergilbten Oma-Café im Herzen des alten Westberlin. Ihr Zuhause wolle sie nicht zeigen, das sei zu unaufgeräumt und zu eng mit dem Flügel und den Büchern überall. Zum Beleg hat sie ein Foto von sich und ihrer Wohnung mitgebracht. Auch ein paar Bücher, die sie geschrieben hat: Zum Thema „Grüne und Religion“ etwa. Natürlich kennt der Fotograf Eva Quistorp, natürlich kennt sie ihn und spricht ihn stets an, wenn es um die DDR geht. Weil er dort aufgewachsen ist.

Eva Quistorp erzählt von ihrer Familie am Niederrhein, ihrem Vater, der Pfarrer und Mitglied der „bekennenden Kirche“ war. Von ihrer Mutter, von der sie das musische Talent habe. Mit ausladenden Bewegungen berichtet sie von ihrer Zeit in der APO in Berlin, der Friedens-, Antiatom- und Frauenbewegung. Sie war im Bundesvorstand der Grünen, machte Politik mit Rudi Dutschke, Petra Kelly, Joseph Beuys – ihre Erinnerungen hören sich an wie das „Who is who“ der linksalternativen Szene der vergangenen drei Jahrzehnte. Doch der Bruch kam, als sie 1992 in Brüssel als Europa-Abgeordnete der Grünen für eine Verteidigung Sarajevos durch UNO-Truppen eintrat – eine Abkehr vom reinen Pazifismus, früher als Joschka Fischer, radikaler auch. Von einer zweiten Kandidatur zum Europaparlament sei sie „weggemobbt“ worden, und alle, die sie länger kennen, bestätigen dies. Das Mobbing hatte Folgen. Eine Politikerpension hat sie nicht, sie muss mit wenig Geld auskommen. Als „frei schaffende Autorin und Moderatorin“ verdiene sie etwas Geld, sagt sie.

Literaturprofessorin hätte sie werden können, betont Eva Quistorp, aber das habe sie nicht gewollt, da die Universitäten in der Nazizeit versagt hätten. Gymnasiallehrerin für Deutsch, Religion und Politik war sie – aber mit dem Konformitätsdruck auf die Schüler und auf sie selbst ist sie nicht zurecht gekommen. Eigentlich sei sie „weiter Europapolitikerin“, eine „Radikaldemokratin“ wie Petra Kelly. Auch der, sagt Quistorp, sei es immer darum gegangen, keine „normale Politikerin“ zu sein, immer den Kontakt zu Basisgruppen zu halten, dort politisch aktiv zu sein. War Eva Quistorp zu gut für die Politik? Oder zu naiv?

Drei Stunden sitzen wir nun schon im Café. Es ist anregend, mit Eva Quistorp zu reden, sie denkt schnell, weiß viel, hat viel erlebt. Auch wenn sie bei jeder Frage abschweift und man am Ende, wenn es gut läuft, gerade mal die Hälfte der Fragen hat stellen können, die man sich vorgenommen hatte. „Eva Quistorp ist inhaltlich immer unkorrumpiert geblieben – was nicht wenig anstrengend ist für die, die sich im Laufe der Zeit aus beruflichen, persönlichen oder politischen Gründen stromlinienförmiger präsentiert haben“, sagt die Feministin Halina Bendkowski – eine der wenigen übrigens, die bei Zitaten über Eva Quistorp namentlich genannt werden wollen. „Sie hat eine Penetranz wie Petra Kelly – und das sage ich ohne negative Konnotation“, fügt sie hinzu: „Ich habe ein Herz für eine gewisse Penetranz. Denn die, die sich nicht so einsetzen wie etwa Eva Quistorp, wissen meist nicht, wie qualvoll dieser Einsatz auch für einen selbst sein kann.“ Wir müssen das Gespräch im Café beenden, alle sind ein wenig erschöpft. Sie hätte so gern einen Garten, sagt Eva Quistorp noch, und Kinder liebe sie. Doch für Kinder habe sie nie die Zeit gehabt, die sie für nötig erachte. Es ist ein herrlicher Wintertag, Eva Quistorp strahlt mit der Sonne um die Wette.

„Und wenn für Franz Feuer, Wasser, Erde Brüder und Schwestern sind, so sind ihm alle Menschen Geschwister, die er liebt.“ – „Gut. Aber die Geschichte mit dem Feuer ist doch verrückt.“ – „Haben Sie jemals geliebt?“