Rhetorik der Hygiene

Sauberkeit für Stuttgart: Dominik Wesselys Doku „Die Blume der Hausfrau“ begleitet fünf Staubsauger-Vertreter

Nächstes Jahr wird er 70 Jahre alt, der „Kobold“. 1929 ist der wahrscheinlich berühmteste elektrische Handstaubsauger Deutschlands aus einer Not heraus geboren worden: Als der Absatzmarkt für Grammophone einbrach, baute der „Vorwerk“-Chefingenieur Engelbert Gorissen den Motor des Plattenspieler-Vorläufers einfach in das Unterdruck-Reinigungsgerät, das damals für die meisten noch unbezahlbar war. Der Verkauf lief denn auch trotz des im Vergleich moderaten Preises schleppend an, bis ein Sohn des Firmengründers ein Jahr später die zündende Idee hatte: Der Direktvertrieb.

Bis heute wird die Marke „Vorwerk Kobold“ ausschließlich im Haustürgeschäft verkauft: Ungebeten klingeln, die Hausfrau in ein Gespräch verwickeln und ihr eines der teuren Geräte oder zumindest Zubehör aufschwatzen. Da macht die Rhetorik der Sauberkeit aus einem schlichten Staubwedelaufsatz schon mal die „Blume der Hausfrau“. Regisseur Dominik Wessely hat für sein gleichnamiges Doku-Drama fünf von Vorwerks „Fachberatern“ bei ihren Touren durch die Wohnzimmer in Deutschlands Putz-Mekka Stuttgart begleitet. Herausgekommen ist einer der lustigsten Filme der letzten Jahre und gleichzeitig eine beklemmende Sozialstudie.

Denn jeder der von der unerbittlichen Motivationsstrategie zu Höchstleistungen angestachelten Klinkenputzer ist zwar ein Schauspieltalent und die Situationen voller gewollter und unfreiwilliger Komik („Grüß Gott, mein Name isch Widule, wie Ichle, nur wie Dule.“), zugleich aber scheint stets das ausgebeutete Trostlose durch: wenn deutlich wird, dass der Vertreterbesuch der Einsamen als Kommunikationssurrogat dient, der Staubsaugerbesitz die soziale Integration substituiert; dass nicht nur die „Kunden“ hier die Opfer sind.