Die verratene Frau

Das Theater Osnabrück wagt die deutsche Erstaufführung von Brechts „Jüdin von Shimoda“ – und bietet dem didaktischen Übermaß die Stirn

Die Theaterwelt hat sich wieder mal selbst einen Skandal geschaffen, der am Samstag in die dritte – und wahrscheinlich letzte – Runde ging. Unerwartet wurde Osnabrück zum finalen Austragungsort eines Streites zwischen Berlin und Wien. Beide Theater rühmen sich mit der Uraufführung desselben Bertolt-Brecht-Stücks: „Die Judith von Shimoda“. Am Berliner Ensemble, kurz BE, war das Schauspiel 1997 zum ersten Mal präsentiert worden. Allerdings nur die fünf Szenen, die im Nachlass des Dichters gefunden wurden. Im Theater in der Josefstadt sahen vor gut einer Woche alle elf Teile das Licht der Bühne.

Osnabrück legte am Wochenende mit der deutschen Erstaufführung nach, während die Feuilletons über den Konflikt, den BE-Chef Claus Peymann vom Zaun gebrochen hat, die Köpfe schütteln. „Wer hat denn da geschlafen?“, frotzelte das Theaterurgestein und beansprucht den Titel „Uraufführung“ weiterhin für sein Haus. Dabei sind in der damaligen Version die Lücken im Text kaum zu übersehen. Vielmehr stellt sich die Frage, warum das Fragment seinerzeit in dem offensichtlich unvollständigen Zustand aufgeführt wurde.

Schließlich hatte der Germanist Hans Peter Neureuter bereits 1982 die Komplettfassung von Hella Wuolijokis Tochter bekommen. Die hatte auf Anraten des Regensburger Philologen im Sommerhaus der Mutter gesucht. Auf deren Landgut hatte Brecht 1940 / 41 im finnischen Exil mit der Autorin zusammen nicht nur an „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ gearbeitet, sondern auch die Judith-Geschichte geschrieben. Für Neureuter war durch Brechts Manuskript-Anmerkungen klar, dass Wuolijoki das Stück zu Ende geschrieben haben musste.

„Als ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass der Text im Sinne Brechts weitergeführt worden war“, erzählt Neureuter. Ein Jahr später, 1983, schickte er eine erste Probeedition an den Suhrkamp Verlag. Als die Judith am BE Premiere feierte, sind die Rechercheergebnisse aus Finnland wohl nicht bekannt gewesen, vermutet Neureuter und zuckt mit den Schultern. Denn Suhrkamp veröffentlichte erst 2006 – fast zehn Jahre nach der Uraufführung – das Stück in der vollständigen Länge.

Diese Hau-Ruck-Pädagogik der „Judith von Shimoda“ ist sogar für Brechtsche Verhältnisse nervig direkt

Für die Zusammenarbeit von Brecht und Wuolijoki diente ein historisches Stück des japanischen Dichters Yamamoto Yuzo aus dem Jahr 1929 als Vorlage. Der erzählt in seinem Stück die Geschichte der Geisha Okichi, die von hohen Beamten überredet wird, sich in den Dienst des amerikanischen Konsuls zu begeben. 1856 war es der amerikanischen Regierung gelungen, in dem seit über 250 Jahren abgeschotteten Land eine Vertretung zu eröffnen. Doch der Umgang mit Ausländern war den Einheimischen verboten und so konnte kein Dienstpersonal akquiriert werden.

Yuzo erzählt, wie der Amerikaner deshalb, und um die wirtschaftliche Öffnung Japans zu erzwingen, droht, die Stadt zu bombardieren. Okichi weiß genau, dass eine Anstellung beim Konsulat ihren Ruf ruiniert. Trotzdem folgt sie dem Befehl. Ihr gelingt es, die Einstellung des Konsuls über Japan zu ändern, der nun auf den Angriff verzichtet.

Brecht fühlte sich bei der Geschichte an die biblische Judith erinnert. Doch sein Vergleich hinkt gleich an mehreren Stellen. Die Hebräerin schlägt im Gegensatz zu Okichi selbst vor, in das Lager des Nebukadnezar-Generals Holofernes zu gehen, um dem Belagerer den Kopf abzuschlagen. Außerdem wird sie von ihrem Volk für die Tat lebenslang verehrt, „viele hätten sie gern zur Frau gehabt“. Während Judith bei den Feinden die Gesetze der Tora einhält, verstößt Okichi gegen die japanischen, weil sie dem Konsul die damals streng verbotene Kuhmilch besorgt. Zwar wird sie in Gesängen als Heldin verehrt, in der Realität aber als Ausländerhure verspottet.

Brecht wollte zeigen, wie mit Helden umgegangen wird – und holt dafür mit dem Zeigefinger ganz weit aus. Immer wieder kommentiert er in Zwischenspielen die Okichi-Szenen. Dafür lässt er einen Zeitungsmogul, einen Orientalisten, eine Journalistin und einen Dichter nach jeder von japanischen Akteuren aufgeführten Szene ihre Interpretation aufsagen. Brecht gibt dem Zuschauer damit keine Chance, eine eigene Sichtweise zu entwickeln. Diese Hau-Ruck-Pädagogik der „Judith von Shimoda“ ist sogar für Brechtsche Verhältnisse nervig direkt.

Der Osnabrücker Intendant Holger Schultze hat mit seiner Dramaturgin Patricia Nickel-Dönicke allerdings eine elegante Lösung gefunden. Sie haben das Logen-Publikum um die Journalistin und den Orientalisten gestrichen und deren Kommentare den die Okichi-Story aufführenden Schauspielern in den Mund gelegt. Die Reflexionen bleiben dadurch wesentlich enger an dem Geschehen um die Geisha, wirken intensiver und dramaturgisch dichter.

Das großartig agierende Osnabrücker Ensemble geht den Wechsel der Schauspielebenen präzise mit, ohne dass mit Licht oder Musik großartig Signale gesetzt werden müssen. Besonders Katharina Quast gelingt eine bewegende Okichi, die stets ihr Selbstbewusstsein aufrechterhält, und treibt die Figur stringent durch das Leid über den Spott bis in rasende Wut.

Schon in seiner Zeit als Oberspielleiter in Augsburg hatte Schultze von der Vervollständigung der Judith erfahren und sie seitdem nicht aus den Augen verloren. Als Lohn bekommt er nun die Ehre und die Aufmerksamkeit, die eine Brecht-Erstaufführung mit sich bringt, und konnte Nina Hagen als Komponistin für zwei Songs gewinnen. Letztlich meistert Osnabrück die Herausforderung gekonnt und muss sich im Streit zwischen Berlin und Wien nicht verstecken. Denn das kleine Theater hat mit dieser Inszenierung bewiesen, dass diese Judith nicht nur spielbar, sondern trotz aller didaktischen Mühen ein wichtiger Teil des Brecht’schen Oeuvres ist.