Ein partout merkwürdiger Film

Mit einer Kampagne zu Logos und Tieren sind die jungen, schönen Menschen der CC-Agentur beschäftigt: In „After Effect“, dem ersten langen Film von Stephan Geene und b_books, schildert die Szene der Kreativen sich selbst als exotisches Wesen

Ein großes, helles Loftbüro in Berlin, toller Blick auf die Stadt aus dem 17. Stock irgendwo im Westen. Bei CC, Carl Celler Culture, arbeiten junge, schöne Menschen und sagen so Sätze. „Das mit Puma, das klappt übrigens nicht.“ „Dieser Art Content, den wir hier produzieren, ist in jeder Art und Weise international.“ Merkwürdig wenig hektisch ist die Atmosphäre, sehr bewusst artikulieren die Menschen diese Agenturdeppensätze, die Kamera nimmt sich Zeit, lange in interessante Gesichter zu schauen, die Kreativarbeiter nehmen sich Zeit, sinnierend herumzusitzen. Irgendetwas stimmt nicht.

Rena Yazka ist gerade aus Barcelona angekommen, sie scheint ein Branchenstar zu sein und soll eine Kampagne entwickeln zum Thema Logos und Tiere. Kai Starel ist eines der Fotomodels, aus denen sie Tiere machen will. Während sie anscheinend mit ihrem Projekt vorankommt, steht man auf Vernissagen und Konferenzen herum, arbeitet vielleicht, Kai ist irgendwie widerspenstig, Rena sitzt komisch auf dem Flur rum, eventuell verlieben sich die beiden, am Ende hat Rena einen Film fertig, den man nicht zu sehen bekommt, und Kai die Polizei am Hals. Regisseur und Drehbuchautor Stephan Geene sagt: „Es geht schon darum, wie viel Mehrdeutigkeit man in einem Film vertragen kann.“

„After Effect“ ist der erste Langfilm von Stephan Geene. Und die erste b_books-Filmproduktion, die es regulär ins Kino schafft. Zur Erinnerung: B_books existiert als Buchladen in Kreuzberg seit 1994, Stephan Geene war Mitbegründer, b_books ist seit 1998 auch Verlag, mit „bbooksz av“ seit 2002 Filmproduktionsfirma, außerdem Netzwerkknotenpunkt für diverse Akademikerinnen, Künstler, Dandys, Reader-Herausgeberinnen, Symposiumsplaner, Hänger, Gender-Aktivistinnen und Theorieaficionados. Manchmal etwas exklusiv in der Außenwirkung, aber in der Energieentfaltung immer bewundernswert und in der Erschließung von Projektfördertöpfen zum Glück inzwischen geübt.

Filmischen Output gibt es aus b_books-Kreisen, seitdem die Künstlerin Judith Hopf zusammen mit Stephan Geene 1999 im Rahmen des „Mille Plateaus“-Kongresses an der Volksbühne Melvilles „Bartleby“ verfilmte. Es folgte 2002 der Geene/Hopf-Kurzfilm „Bei mir zu dir“, danach wuchs sich die Serie „Le Ping Pong d’amour“ zu einem Riesending aus. Der als „Team Pingpong“ verfasste bbooks-inner-circle spielte hier in bislang drei „Soap vérité“-Staffeln eine Wohngemeinschaft, die sich in Berlin, Paris, Damaskus, Kamerun und Guadeloupe mit dem Geldverdienen und Sich-Binden abrackert.

Diese zehrende Form von kollektivem „Sich-Verschwenden nach dem Prinzip des Einfach-mal-Machens“ löste bei Stephan Geene die Lust aus, ein neues Filmprojekt „überlegter anzugehen, sich neuen Fremdheiten auszusetzen“. Er schrieb also ganz allein ein Drehbuch und fragte die bis dato bbooks-fremden Sabine Timoteo (u. a. „Gespenster“, „Der freie Wille“) als Hauptdarstellerin und Volker Sattel („Stadt des Lichts“) als Kameramann an. Beide sagten zu, das Filmboard Berlin-Brandenburg gab Geld. Und Stephan Geene schrieb zwei Jahre lang, wuppte parallel dazu in Maastricht das Uni-Projekt „Avantgarde Film Biopolitics“, erzählte Studenten über die „Strategien der Verlebendigung in Kunst und Film“. 2005 wurde „After Effect“ in 18 Tagen gedreht, danach in anderthalb Jahren geschnitten. Seit einem Jahr wartete der fertige Film quasi darauf, dass die neue Verleihsektion der Freunde der Deutschen Kinemathek, „arsenal experimental“, ins Leben gerufen würde, die ihn jetzt als ihre erste Amtshandlung ins Kino bringt.

„After Effect“ ist ein partout merkwürdiger und sehr schöner Film geworden. Ein Film, der verzaubert, irritiert und amüsiert, ein Film, dessen Plot-Inhaltsangabe nichts über ihn sagt, weil es ihm nicht um eine Story geht, sondern um die atmosphärisch dichte Insbildsetzung der vertrackten Arbeits- und Privatlebenszusammenhänge der Leute von heute. Ob man Kunst oder Kommerz, Ad-Busting oder Brand-Development, Profit oder Nonprofit, hinne oder Pause, Sex oder keinen Sex macht – es scheint egal in dieser so wie in Watte schwebend inszenierten Versuchsanordnung.

Und auch wenn man es sich manchmal wünscht: Diese ganzen beispielhaften immateriellen Arbeiter, deren Gesichter man aus dem Berliner Kulturleben gut kennt, bekommen von Stephan Geene nie auf den Sack. Sie dürfen ganz unbeschwert Autisten, Networker, Genies, Spinner, Jobkiller, Taktierer, Kindsköpfe und Kundendienstleister gleichzeitig sein. Der ruhige Brennglasblick von „After Effect“ ist kein urteilendes Instrument, sondern ein Affektfilter, der sozusagen eine gefühlte Analytik betreibt. Gefühlt also sind in „After Effect“ die Subjekte heute postpolitisch, melancholisch, immer on the job, auch im Nichtfunktionieren noch verwertend, aber auch so frei, sich von schrägen Hingezogenheiten mitreißen zu lassen oder völlig abstruse Ideen in die eigene Arbeit einzuspeisen. Zum Beispiel die, das Tier als einen Raum zu verstehen, dessen Wände aus Leder sind, auf Berührung reagieren und Tattoos haben. Branding-Tattoos allerdings.