Gut aussehen ist wichtig

Leben in Kreuzberg ist wie Playstation, sagt der Tiger von Kreuzberg. Er muss es wissen, schließlich kennt er hier jeden. Im Netz schon länger unterwegs, trat er im Theater Engelbrot live vor seine Fans

VON DETLEF KUHLBRODT

Der Tiger von Kreuzberg ist groß. Man kennt ihn auch schon in Hamburg und München, wo er selbst niemals war, aber sein Name war schon da. Seine Tage verbringt er in Tigerland, Kreuzberg. Die Gegend, die früher 36 hieß. Tiger ist 26 und sieht super aus: weiße Nike-Airmax, Jogginghose, Kapuzenpullover, Mütze. Wer ihn sieht, meint vielleicht, er stehe hier nur so herum und tue nichts. In Wirklichkeit ist er auf Arbeit. Kontrolliert die Gegend, guckt hierhin und dorthin, sieht alles.

Tiger ist der Manager der Straße. Gibt Mädchen- und Abziehtipps oder wie man zum guten Opfer wird – Abziehen ist ja Teamwork –, erklärt den Tigerstyle, spricht über Knast und Hartz IV und wie man gucken oder besser nicht gucken sollte in Kreuzberg. Oft wird Tiger auch zum Schlichten gerufen, wenn’s Stress gibt. Er hat ein gutes Herz, aber man sollte ihn nicht reizen, denn Tiger ist hart und gut im Boxen.

Seit 2006 sind die Geschichten vom Tiger als Videoclips im Netz. Auf Youtube und diversen anderen Internetseiten. Manche Episoden – wie die übers Abziehen oder die über die Kreuzberger Pitbullmeisterschaften – haben auch mehrere Teile.

Im Kreuzberg seiner Filme kennt er alle Leute und jeder kennt ihn. Macht Fußballwetten im Wettbüro, vermittelt Kunden und Waren, die KGPA („Konkret-guter-Preis-Ahmet“) über seine vielen Cousins in allen Branchen besorgt. Er gibt Kredit als Chef der Tigerbank, die am Erkelenzdamm steht und immer aufhat. Vor allem aber erzählt der Tiger sehr komische Geschichten: von Orhan-Utang, den man hier (wie Tarzan) mit lautem „OUUUU“ ruft, wenn Not am Mann und die Polizei gerade in Zehlendorf ist, um sich um ein Kätzchen mit Schluckauf zu kümmern. Von Elektro-Erhan, Feuerwehr-Ali, von U-Bahn-Umut, und wie der Aufpasser bei Drogengeschäften am U-Bahnhof Kottbusser Tor ums Leben kam. Eine U-Bahn überrollte ihn. „Und dann war von U-Bahn-Umut nur noch sein Name übrig. Körper weg. Traurige Geschichte, aber is Kreuzberg, da gibt’s auch traurige Geschichten, weißu.“

„Leben in Kreuzberg is wie Playstation, weißu“, sagt Tiger, und das Kreuzberg, von dem er berichtet, ist ein anderes als das Kreuzberg, das in den späten Siebzigern und Achtzigern als Besetzer- und Autonomenhochburg bekannt wurde. Rückblickend wirkt dieses Kreuzbergbild doch sehr deutsch, weil Migranten, wenn überhaupt, dann nur am Rande vorkamen.

Eigentlich sei die Figur des Tigers viel älter als die Clips, sagt Murat Ünal, der die semidokumentarische Kamera führt, wenn Tiger jede Woche durch die Gegend läuft und das Leben erklärt. Teils haben die beiden Freunde die Texte der einzelnen Folgen vorgeschrieben; teils improvisiert Tiger auch auf Stichwort.

Angefangen haben sie im November 2005. „Zunächst haben wir gedreht, um Produktionsfirmen oder TV-Stationen etwas anzubieten. Die haben sich jedoch für die Geschichte nicht interessiert.“ Weil zu der Zeit gerade Youtube aufkam, stellten sie die ein bis vierminütigen Clips einfach ins Netz, um zu sehen, ob die Leute darauf reagieren.

Sie reagierten. Die Tigergeschichten wurden teils 300.000-mal angeklickt.

Acht Monate nach dem Start fragte Radio Multikulti an, ob sie die Geschichten nicht auch fürs Radio machen könnten. Seitdem läuft der Tiger jede Woche auch im Radio. Vor kurzem gab es sogar eine ganze Tigernacht, in der Tiger u. a. den Kreuzberger Bezirksbürgermeister interviewte. Auch eine Internetfirma unterstützt die beiden. Mittlerweile ist Tiger jedenfalls sehr berühmt. „Neulich haben wir sogar eine E-Mail von einer Klasse aus Westdeutschland bekommen. Die sind dann extra nach Kreuzberg gefahren, um zu sehen: Wo stand KGPA? Wo ist U-Bahn-Umut umgekommen? Das macht uns stolz.“

Im letzten Jahr zeigte dann ein Freund eine Tiger-Folge auf einer Kurzfilmnacht des Moabiter Theaters Engelbrot. „Das kam dann so gut an, dass sie uns gefragt haben, ob wir nicht Lust hätten, so was auch für die Bühne machen.“ Am letzten Samstag hatte der Tiger dann im schönen Engelbrot seine Bühnenpremiere. Die Vorstellung war ausverkauft. Das Publikum sehr schön gemischt. Der Anteil der Besucher mit migrantischem Hintergrund war viel größer als etwa im HAU, in den Sophiensälen oder in der Volksbühne. Die meisten waren sehr schick angezogen. Gut auszusehen ist wichtig, wie der Tiger nicht müde wird in seinen kleinen Videoclips immer wieder zu betonen. Der Tiger präsentierte also ein buntes Potpourri.

Die Videos sind ein bisschen tougher; auf der – notwendigerweise langsameren – Bühne kommen die poetischen Elemente der Tigersprache besser zum Tragen. Wenn er über Frauen mit Abitur zum Beispiel sagt, sie hätten zu viele Bücher gelesen, deshalb seien zu viele Buchstaben im Kopf, die erst mal ausgeschüttet werden müssen. Deshalb quatschen sie immer so viel und nach einer halben Stunde Quatschen müssen sie dann wieder atmen oder auf Klo. Das nächste Mal wird der Tiger wieder am 16. Mai im Engelbrot zu sehen sein.

Reich werden der Tiger und sein Kameramann nicht, aber leben können sie inzwischen von der Tigergeschichte. Alles läuft super. „Seit ein paar Tagen hab ich so ein Kribbeln im Bauch. Ich bin verliebt. Ich bin verliebt zur Zeit in mein Leben. Ist Wahnsinn“, sagt Murat Ünal, der trotz Abitur und BWL-Studium den Tiger, wie nicht nur die Migrantenjugendlichen aller Schichten, in sich trägt.

Und es wird weitergehen. Das Drehbuch für einen Tiger-Spielfilm ist schon geschrieben.

Der Tiger ist zu erleben auf: www.tiger030.de/youtube, www.tigerberlin.unddu.de/ Radio Multikulti jeden Donnerstag 10.20 Uhr