Leben bei Leffers am Brill

Kunst an der Rolltreppe: Die Ausstellung „Prototypisieren“ bringt neues Leben in alte Kaufhaushallen. Die queere Partyszene nutzt die Gelegenheit und feiert mit

Seit gestern steht das ehemalige Leffers-Gebäude am Brill nicht mehr leer – zumindest für ein Wochenende. Eine Messe im unkoventionellsten Sinne dieses Titels findet dort statt. Die Organisatorinnen: Das Bremer Frauen.Kultur.Labor Thealit. Zu sehen sind Prototypen, mehr oder weniger neue Ideen aus Kunst und Wissenschaft. Die Exponate reichen von Skulpturen über architektonische Modelle bis zu einem Klitoris-Kunststoffmodell.

„Unsere Ausstellung ist mehr eine Parodie auf die Veranstaltungsform Messe als eine Verkaufsveranstaltung selbst“, sagt Andrea Sick, künstlerische Leiterin des Thealit und eine der Kuratorinnnen von „Prototypisieren“. Mit der Ausstellung wolle das Labor darauf aufmerksam machen, wie Prototypen immer mehr Einzug in Kunst und Wissenschaft hielten. „Nicht mehr nur in der Wirtschaft muss man seine Idee verkaufen“, sagt Sick. Auch KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen müssten immer mehr auf die kommerzielle Verwertbarkeit ihrer Ideen achten.

Die Räumlichkeit für die Schau der Prototypen sind von Thealit mit Bedacht gewählt. „Natürlich lagen zunächst die Messehallen nahe, die waren aber schlicht zu teuer.“ Als nächstes sei ihr direkt das alte Leffers-Kaufhaus in den Sinn gekommen, an dem sie jeden Tag mit der Bahn vorbeifahre. „Das Haus hat eine ganz eigene Geschichte“, sagt die Kuratorin. Der Kontext Kaufhaus und die Tatsache, dass es nur als solches in den Köpfen der Bremer verankert ist, bilde einen idealen Rahmen für eine vermeintliche Verkaufsveranstaltung wie eine Messe. Deshalb stünden auch noch die Umkleidekabinen und an der ehemaligen Leffers-Kasse befindet sich die Information. „Auch die alte Durchsageanlage werden wir benutzen“, sagt Sick. Zahlen muss das Thealit für das ganze nur die Nebenkosten. Eine feste Miete verlangt der Besitzer, eine auswärtige Immobilienfirma, nicht. Gefördert wird das Messe-Projekt vom Bremer Kulturressort, dem Bundesministerium für Frauen, der Heinrich Böll Stiftung und dem Institut für Auslandsbeziehungen.

Die Prototypen, die in der Ausstellung zu sehen sind, drängen sich nicht alle zur tatsächlichen Massenproduktion auf. „Wir ironisieren das Ganze natürlich stark“, sagt Sick. Zu sehen ist unter anderem eine mit künstlicher Intelligenz ausgestattete virtuelle „Marilyn“. Zu ihr sagt ihre Schöpferin, die Künstlerin Sandra Becker: „Ich will zeigen, wie widersinnig es ist, einen prototypischen Menschen mit dem Computer zu erzeugen.“ Dabei werde vorgegangen, als designe man die Karosse eines Autos. „Das ist wirklich absurd“, sagt Becker.

Auch neu sind die Ideen für die vorgestellten Objekte nicht immer. Wirklich neu sei eben kaum etwas, sagt Sick. „Wir wollen auch über diesen Begriff diskutieren.“ Besonders deutlich macht das die Künstlerin Brigitte Dunkel. Sie zeigt ihre Neugestaltung eines Arbeiterklubs, der 1925 vom russischen Künstler Alexander Rodtschenko erdacht wurde. Dunkel hat den Plan, ihre Sitzecke in Ausstellungsräume möglichst vieler Museen zu bringen. „Die Leute sollen endlich wieder – im Museum – über Kunst reden“, sagt sie.

Mit dem Konzept Zwischennutzung – kurzzeitige Nutzung leerstehender Gebäude und Flächen – und dem Thema innovative Ideen, steht das Thealit jedoch momentan nicht alleine. Zwischennutzung ist seit längerer Zeit der Rettungsanker des Bauressorts für leerstehende Flächen und Gebäude. Für den Bereich Überseestadt hat es sogar die Agentur „Landlotsen“ eingesetzt, die Kontakte zwischen Besitzern und potentiellen Zwischennutzern macht. „Wir sind allerdings ganz allein auf die Idee gekommen“, sagt Sick. Ob sie aber nicht zugeben müsse,dass sich ein bisschen zu viel mit Innovation beschäftigt werde im Moment, wo im Wagenfeld-Haus auch eine Ausstellung zu dem Thema stattfindet? „Uns geht es darum, den allgemeinen Innovationsglauben künstlerisch aufzubrechen. Das unterscheidet uns sicher stark von der Ausstellung, die im Moment im Wagenfeld-Haus läuft“, sagt Sick.

Das Wilhelm-Wagenfeld-Haus zeigt zur Zeit in Kooperation mit dem Bremer Design Zentrum die Ausstellung „Sprünge“, die vor allem Investoren für innovative Design-Ideen begeistern will. Auch der dominierende weibliche Fokus unterscheidet die Thealit-Ausstellung von der im Wagenfeld-Haus. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Ausstellerinnen weiblich, männliche Kuratoren gibt es nicht. Viele Exponate leiten den Blick in die Gender-Perspektive. Allen voran das Modell einer Klitoris, das mit im Hintergrund abgespielten Tönen orgastischer Kontraktionen präsentiert wird. „Wir kümmern uns eben darum, dass Frauen dazu kommen, selbstbewusst eigene Projekte anzugehen und zu präsentieren“, sagt Sick. Die Künstlerin, die das Kliotoris-Modell erstellte, steht ebenfalls voll hinter ihrer künstlerischen Aussage: „Es wird sich – auch in der Forschung – immer noch zu wenig mit der Klitoris beschäftigt“, sagt Christina Goestl. Kaum jemand wisse, wie sie aussieht, ihr Modell sei also mit Sicherheit ein Prototyp. Ebenfalls mit Prototypen im Bereich Geschlecht beschäftigt sich die Party, die heute Nacht oberhalb der Ausstellung stattfindet. Unter dem Titel „Frau Müller, Storno, bitte“ feiert die queere-Szene das Spiel mit den Geschlechterrollen dort, wo zu Leffers-Zeiten Männer- und Frauenabteilung streng getrennt waren.