Der Weltgeist schwimmt im Elbwasser

„Hölle Hamburg“, ein schamanistisch-revolutionärer Film von Peter Ott und Ted Gaier, hat heute Premiere im Arsenal

Einen vielsprachigen Film haben Peter Ott und Ted Gaier gedreht: das babylonische Durcheinander einer Hafenarbeitermeute. Einer redet russisch, eine französisch, und alles Wichtige wird in einem Phantasie-Hamburgisch palavert, das Anklänge des Friesischen mit den Geheimsprachen verbindet, die Kinder sich ausdenken. Interessanterweise starren aber nur die Zuschauer auf eventuell erforderliche Untertitel. Die Matrosen verstehen blind die jeweils andere Sprache. Dies soll nicht ihre einzige wunderliche Fähigkeit bleiben.

Die Freelance-Dokufilmerin Vera macht einen Beitrag für einen Themenabend zur Welt der Hafenlogistik im 21. Jahrhundert. Sie möchte analytisch arbeiten, ihr blöder Boss fordert Gesichter und Emotionen. Einzelne, die sich verkaufen wollen und kaufen lassen und schließlich überflüssig liegen bleiben, so eine Diagnose von „Hölle Hamburg“, sind das Einzige, was noch läuft. Es geht nicht mehr um Sachen. Das „fühlt sich falsch an“, weiß Vera. Da lernt sie eine Truppe kennen, in der der Einzelne sich ganz der Sache unterordnet. Wo Sätze fallen wie „Dein Weg mag richtig sein, wenn es nicht der unsere ist, ist er falsch.“ Und wo alle tun, was der Zellenleiter sagt.

Auf dem von seinen Reedern aufgegebenen Billigflaggen-Schrottschiff „Rheinland“, Heimathafen Monrovia, existiert eine Zelle der ominösen internationalen revolutionären Seeleute-Vereinigung „ISH“, deren Mitglieder Ausweise besitzen, auf die ungelenk-expressionistische Kartoffeldruck-Hammer-und-Sichel-Signets gestempelt sind und die sich in bizarren Ritualen der „reflektorischen Erregung“ hingeben. Sie stehen schamanistisch mit einem kommunistischen Weltgeist in Verbindung, einer objektiven historischen Instanz, die irgendwo, vielleicht unter dem schmutzigen Elbwasser, in das die Kamera immer wieder eintaucht, eine eigene Zeitzone zu betreiben scheint. Ihr Ziel ist es, Waffen und andere Unterstützungsgüter in die Zentren revolutionärer Unruhe zu schmuggeln.

Vera gerät in eines der schamanistischen Rituale und wird zur Agitprop-Leiterin, die sie für ihre Genossen immer schon gewesen ist. Die reflektorische Erregung kommt über sie. Die Genossen decodieren die Botschaft der Wellen und gedenken der Toten, indem sie aus der von ihrer Wasserverdrängung verursachten Oberflächenkräuselung deren Mitteilungen, ja die Person selbst rekonstruieren. Es gibt – als Alternative zur kapitalistischen Emotionsscheiße – eine Welt des Objektiven, des Realen, so die linkskittlerianische Idee, und die liegt in der Materie der Medien. Das (Lacan’sche) Reale und die historische Realität gehören zusammen. Wasser ist eine hypergenaue Kommunikationsmaterie, man muss nur den Schlüssel haben, sie zu lesen. Der Zellenleiter hat diesen Schlüssel.

„Hölle Hamburg“ springt zwischen der phantastischen Geschichte der kommunistischen Kybernetiker und der alltäglichen Medienarbeit der alleinerziehenden Filmemacherin, die einem trüben Emotionshändler zuarbeiten muss. Doch man sieht auch die Ergebnisse ihrer Arbeit: Interviews mit echten Hafenfunktionären. Da wird „Hölle Hamburg“ kurz zum Dokumentarfilm, bevor er ins nächste Elektro-Clash-Voodoo-Ritual umschaltet, wo das Nervensystem einer vergessenen weltrevolutionären Verschwörung wiederbelebt wird. Im Wechsel der Darstellungsextreme werden zielsicher die üblichen Weltanschauungen eines Themenabends vermieden.