Nackerte Tatsachen

Wie die Bilder gezwungen werden zu lügen : Die Zeitschrift „Cicero“ illustriert einen Anti-68er-Text Götz Alys mit den Popos der Kommune 1 und anderen, die sie der NS-Freikörperbewegung zuschreibt

VON ANDREAS FANIZADEH

Bild 1: Fünf athletische Männer posieren nackt auf einer Wiese, die Rücken den Betrachtern zugewandt. Kurze Haare, abstehende Ohren, Köpfe und Arme theatralisch in die Höhe gerenkt, kleine futuristisch anmutende Kugeln in der Luft über ihren Köpfen und, so behauptet es die Bildtitelung der Zeitschrift Cicero, aus der NS-Freikörperbewegung von 1938. Sportlich, männlich und mythisch überhöht stehen die Figuren da. Die Kugeln scheinen in die Ferne zu entschweben.

Die Aufnahme stammt – anders als der „Cicero“ suggeriert – von 1924

Bild 2: Vier Männer, drei Frauen und ein Kind stützen sich mit dem Armen an eine Wand, nackt, den Betrachtern ebenfalls rückwärts zugewandt. Links an der Wand ein Waschbecken, rechts das kleine Kind, das sich zur Kamera umdreht. Die Erwachsenen haben lange Mähnen, ihre Nacken und Gesichter sind nach vorn gebeugt. Die Beine gespreizt. Zwischen den untrainiert wirkenden Beinen der Männer baumeln die antiautoritären Hodensäcke. Die Nackerten stehen in einem geschlossenen Raum, blicken auf Wand oder Boden. Der nackte Mensch, eine Verhaftungsszene? Wir erfahren es nicht. Die Titelung der Cicero-Redaktion besagt, das Bild stammt aus dem Jahre 1968. 1938 und 1968, zwei Bilder ein Vergleich.

Nur, was will uns der Cicero damit sagen? Die Nackten von 1938 seien die Nackten von 1968; Kommune 1 gleich NS-Freikörperbewegung? Lesen wir zur Aufklärung doch kurz in den begleitenden Artikel „Unser Kampf 1968“ von Cicero-Autor Götz Aly hinein. „Es entsprach purer ahistorischer Einbildung“, schreibt Aly, „als Dutschke im Februar 1968 in der Evangelischen Akademie Bad Boll verkündete: ‚Dass Bürgersöhnchen und elitäre Gruppen der Gesellschaft anfangen, ihr Elitedasein und die verinnerlichten Mechanismen der elitären Haltung zu beseitigen, ist etwas historisch Neues in Deutschland, und das sollte gesehen werden.‘ “ Dutschkes Kritik von 1968, so Aly, seine Forderung nach einer Öffnung und Demokratisierung des damals elitären westdeutschen Hochschulsystems, entspräche in Wort und Tat den Bestrebungen der Nazistudentenschaft von 1938.

Eine sehr steile These, denkt man und liest dann weiter, mit welcher Begründung Aly versucht, Dutschke in die ungebrochene Analogie zum Nationalsozialismus zu bringen. Das geht laut Aly über NS-Propagandaleiter Joseph Goebbels, denn der hätte wie Dutschke auch den „neuen Menschen schaffen“ wollen und sich deswegen ebenfalls „mit der Staatsgewalt“ angelegt. Aly schreibt: „Ähnlich wie später Dutschke forderte Goebbels sein akademisches Publikum zur Bildung revolutionärer Bewusstseingruppen auf, zur Agitation in der Aktion“, um dann Goebbels in direkter Rede zu zitieren: „Einer muss anfangen! Stürzen Sie die alten Altäre um! Rotten Sie den alten Menschen in Ihrem Hirn und Herzen aus! Nehmen Sie die Axt in die Hand und zertrümmern Sie die Lüge einer alten falschen Welt! Machen Sie Revolution in sich! Das Ende wird der neue Mensch sein!“

Soweit Goebbels mit der Axt und nach Aly. Aber was hat das jetzt mit Dutschke zu tun? Vielleicht sind sich die beiden so ähnlich wie die Ansichten der Cicero-Nackerten von „1968“ und „1938“? Das Bild, welches der Cicero 1968 zuordnet, ist übrigens tatsächlich im Juni 1967 aufgenommen worden. Der Fotograf Thomas Hesterberg hat es gemacht. Es entstand nach dem Schahbesuch. Die Kommune wollte ihre Haltung als nackten Protest auf die repressive Stimmung in Westdeutschland und die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten in Westberlin verstanden wissen. Nun gut, der Cicero hat das Bild nur um ein Jahr falsch datiert und in einen anderen Zusammenhang gestellt.

Müssen wir so kleinlich sein? Vielleicht schon. Denn die Recherche zu dem zweiten Cicero-Bild, den angeblichen NS-Nackten von „1938“, ergibt auch eine völlig andere Szenerie. Die Aufnahme stammt nämlich – anders als der Cicero suggeriert – von 1924. Es ist ein Szenenbild aus Wilhelm Pragers Film „Wege zu Kraft und Schönheit“, was die Redaktion verschweigt. Pragers Film wurde nach Angaben des Deutschen Filminstitut in den Zwanzigerjahren ein Welterfolg. Der Regisseur wollte damals die „Wiedergeburt des Körpers aus der Antike“ darstellen. Zuvor hatte Prager das Märchen „Der kleine Muck“ von Wilhelm Hauff verfilmt. Als Biologist der alten Schule drehte er ansonsten am liebsten Tierfilme, dies auch während und nach der Nazidiktatur. Schwerlich dürfte er dem ästhetischen Ideal von Dutschke, Kommune 1 oder 68er-Bewegung entsprochen haben.

Bleiben am Ende also zwei nackerte Cicero-Bilder, deren Einsatz ähnlich haltlos ist wie Alys Dutschke/Goebbels-Vergleiche.