Eine Plotmaschine, die auf der Stelle rast

Jacques Doillon ist mit seinem Film „Le premier venu“ eine Art Mini-Rohmer gelungen: nur ohne Paris. Auch der kleine Mann von der Atlantikküste kann crazy und verwirrt sein

Zwei banale Provinztypen. Der eine ist etwas roher, sprunghafter, ungeduldiger. Der andere denkt auch mal zwei Züge voraus. Der erste wird kriminell, der zweite landet bei der Polizei. Eigentlich unterscheidet sie nichts als das Gesetz. Bis die Geheimwaffe des französischen Kinos auftaucht: die geheimnisvolle Frau – bindungslos, klassenlos und frei im doppelten Sinne. Sie kann machen was sie will, aber irgendwie ist sie auch zu haben. Oder auch nicht.

Clémentine Beaugrand gibt diese Figur, die sie von Jeanne Moreau, Emmanuelle Seigner und vielen anderen geerbt hat, in einer beeindruckenden und modernisierten Form. Sie ist nicht passiv und verführerisch, sondern verbreitet ihre Rätsel durch hektische Aktivität. Am Anfang glänzt sie durch philosophische Aperçus über die innere Schönheit äußerlich eher verkorkster Typen, dann durch den provokanten Plan, den ersten Besten lieben zu wollen, der ihr begegnet.

Die Pariserin folgt daher dem Kleinganoven, dem sie allerdings eine Vergewaltigung vorwirft, in sein Kaff und redet auf ihn ein. Mehr Worte als in den vier folgenden Tagen hat der Mann wahrscheinlich sein ganzes Leben nicht gehört. Sie initiiert Verbrechen und Verwicklungen, mit denen sie aber nichts zu tun haben will, meint stets das Gegenteil von dem, was sie sagt, und tut das Gegenteil von dem, was sie gerade angekündigt hat. Das Leben wäre denn auch zu langweilig, wenn eine bereits formulierte Idee auch noch realisiert würde.

Im Unterschied zu klassischen Konstellationen des französischen Kinos sind die beiden Typen in Jacques Doillons „Le premier venu“ aber genauso. Der Flic kann sich nicht entscheiden, ob er als Privatmann oder Amtsperson an den Verwirrungen teilnehmen will, der Kleingangster wechselt pro Minute dreimal die Strategie. Sex und Gewalt werden als Möglichkeiten angespielt, wenn das Gespräch ins Stocken kommt. Aber richtig hart kommt keiner drauf, nur hastig, bissig, pistolenwedelnd.

Vor der Kulisse eines traulichen Küstenkaffs entwickeln die drei ein sinnloses Hochtempo, eine Plotmaschine, die auf der Stelle rast. Entschlüsse sind so konsequenzarm wie bei Animationsfiguren, und dennoch ist die ganze Zeit klar, worum es geht und wer was von wem will. Am Ende finden – ach, das sag ich lieber nicht.

Jacques Doillon ist so was wie eine Rohmer-Miniatur ohne Paris, Cafés und Hochkultur gelungen: Auch der kleine Mann von der Atlantikküste kann bis zum Anschlag crazy, verwirrt und verbraten sein, komplex und verknallt wie zehn Jahrgänge Lyzeumsschülerinnen. Erst recht, wenn eine schöne Pariserin ihm das in exemplarisch gelungene Lektionen nachhaltig vorführt. So schwer ist die Lebensregel dieser mythischen Pariserinnen ja auch nicht zu verstehen: Wenn du in eine aussichtslose und gespannte Situation gerätst, versuche um jeden Preis, Spannung und Intensität zu steigern. Keine Angst vor der Katastrophe, die kommt eh nie, oder wenn sie kommt, dann bringt sie die Lösung. Für die anregende Hektik muss man einen etwas altmodischen Gender-Plot in Kauf nehmen.