Die Sehnsucht des Milliardärs

Bill Gates hat sich ein Smarthouse gebaut und Clemens Schick reißt dessen Wände ein. „Windows“ heißt der Soloabend, mit dem er in den Sophiensälen gastiert. Der Software-Mogul wurde zu seiner wichtigsten Rolle

Das Haus, von dem in „Windows“ die Rede ist, hat eine Terrasse mit Blick aufs Meer und einen Zentralcomputer, der Meerblicke speichern kann. Vom Eintauchen ins Wasser träumt sein Bewohner, von Salz im Haar, Sand an den Füßen, aber dann ist der Traum plötzlich vorbei – vielleicht sind unterschiedliche Profile des Benutzers in seinem Hausprogramm in Konflikt geraten. Oder der Bewohner, der sein Leben digital zu regulieren versucht, hat mit Abstürzen zu kämpfen. Reales und Virtuelles geraten jedenfalls ziemlich durcheinander.

Das Haus gibt es natürlich gar nicht. Wenn Clemens Schick seinen Soloabend „Windows oder müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen?“ spielt, hat er nicht mehr als einen Tisch und einen Stuhl. Vielleicht ist er auch gar nicht Bill Gates, sondern nur ein Nerd, der sich in die Rolle des Software-Moguls phantasiert. Der Schauspieler springt in alle Rollen hinein und wieder hinaus. Armrudernd verbildlicht er des Milliardärs Sehnsucht nach Sinnlichkeit und kommentiert im nächsten Moment seine Unbeliebtheit. Denn natürlich ist die grassierende Windows-Angst das Unterfutter dieses Abends.

Der 35-jährige Clemens Schick ist in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen. In den „Drei Schwestern“, die an der Schaubühne laufen, sieht man ihn als pflichtbewussten Werschinin, der für die Arbeit seine Mascha sitzen lässt. Schick gehörte vier Jahre zum Ensemble des Schauspiel Hannover. Im Frühjahr wird er in der TV-Anwaltskanzlei-Serie „Unschuldig“ agieren; und dann ist da noch die Rolle im letzten James Bond, die ihm eine ziemliche Aufmerksamkeit eingebracht hat.

Dennoch kann man Bill Gates getrost als seine wichtigste Rolle bezeichnen. Er tut es selbst, kann sich in der Rolle Freiheiten herausnehmen, seine eigene Stimmung einfließen lassen und sein eigener Herr sein. Vor fast vier Jahren entstand der Abend in Hannover. Der Publizist Mathias Greffrath hatte einen langen Text vorgelegt und dem Schauspieler wie dem Regisseur Elias Perrig freie Hand gelassen. „Greffrath hat Gedanken gegeben, zu denen ich mich verhalten kann“, sagt Schick. „Und ich verhalte mich dazu mit meinem Körper, meiner Art und meiner Sprache. So bringe ich mich ein. Politischer kann ich auf der Bühne nicht werden.“

Kein Wunder, dass das Filmgeschäft ihn für die miesen Charaktere entdeckt hat

Aus diesem Geist heraus konnte man Schick auch schon als einen „Richard III.“ sehen, der alles in sich aufgesogen hatte: die Kulturkritik Agambens, Baudrillard, rigoroses kindliches Weltverbesserertum. Triebhaft, existenzradikal, mit Hang zum Absoluten spielte Schick diese Rolle. Er ist kein Schauspieler, der auf der Bühne seine Lebensthemen bearbeitet, aber ein ihm eigentümliches Ganz-oder-gar-nicht floss mit ein. Nicht zuletzt auch wütende Selbstbehauptung, weil die Proben damals nicht so liefen, wie er es sich als Schauspieler wünschte.

Schick gehört nicht zu der Spezies Schauspieler, die sich auf der Bühne mit dem Hirn den Körpern der anderen nähert. Lieber packt er seine Rollen körperlich an, versucht sich Texten sinnlich zu nähern und sie zu durchdringen. Er braucht dafür Regisseure, die ihm einen Rahmen lassen. An der alten Schaubühne spielte er noch unter Edith Clevers Regie in „Elektra“. Streng sei es da gewesen und fast traumatisch, auf Proben gefragt zu werden, was er mit seinem kleinen Finger mache.

Schick hat sehr blaue Augen, mit denen er alleine ein Kraftfeld erzeugen kann. Je nach Stimmung ist das auch ein stechender Blick, den man nicht gerade Sympathieträgern zurechnet. Kein Wunder, dass das Filmgeschäft ihn für die miesen Charaktere entdeckt hat. Er gehörte noch zum Hannoveraner Ensemble, als er das Angebot annahm, im James Bond mitzuspielen. In „Casino Royale“ sieht man ihn ziemlich oft im Bild. Dass ihm dort eine eigene Geschichte verwehrt bleibt, wusste Schick von Anfang an. „Darum geht es nicht. Aufgabe war ganz klar, den Bösen noch bedrohlicher erscheinen zu lassen.“

Zur Film-Kostümprobe hatte er damals ein Foto von sich mitgebracht aus der Zeit, als er knapp zwanzig war und einen rasierten Glatzkopf hatte. In dieser Phase lebte er ein halbes Jahr im Kloster, um nach der eigenen Berufung zu suchen. Das Asketische und Harte tauchten ausgerechnet als Kratt im Bond-Film wieder auf.

Aber als Schauspieler weiß er nur zu gut, was er am Ende in „Windows“ so lässig sagt: „that’s one side of it“. Sich auf eine Seite zu begeben, gelingt umso besser, wenn man auch die andere Seite gut kennt und sie subversiv einfließen lässt. Aus dieser Spannung zaubert er in „Windows“ seinen eigenen Abend. Wenn dieses Solo auch im leeren Raum spielt, so spürt man unterschwellig doch Schicks Energie: Wenn es nötig wäre, würde er auch durch Wände gehen.