Hast du etwas Zeit für mich?

FLÜCHTLINGSHILFE Viele Flüchtlinge warten Monate oder Jahre auf einen Bescheid, ob sie bleiben können. Diese Wartezeit lässt sich nutzen. Bürgerinitiativen und Vereine helfen

VON ALEXANDRA BRECHLIN

„Stellen Sie sich vor: Sie kommen in ein Ihnen fremdes Land. Sie kennen weder die Kultur noch die Sprache, und plötzlich müssen Sie alles wissen“, sagt Marina Naprushkina von der Bürgerinitiative Neue Nachbarschaft in Moabit. So erklärt sie die Situation der 11.500 Flüchtlinge, die bis zum Jahresende in Berlin erwartet werden. „Viele Flüchtlinge wissen nicht, wo sie einen Kindergartenplatz anmelden müssen. Sie wissen nichts von den Möglichkeiten oder Freizeitangeboten, wie Sport in Vereinen, die ihnen auch als Flüchtlingen in Berlin geboten werden.“

■ Wer sich näher zu den Spendenmöglichkeiten in seinem Bezirk, in ganz Berlin oder dem Brandenburger Umland informieren will, findet eine Übersicht über Bürgerinitiativen und Vereine über den Berliner Flüchtlingsrat: www.fluechtlingsrat-berlin.de/links.php#Regional

■ Für Sachspenden direkt an die Flüchtlingseime wendet man sich an Frau Leiding von der zentralen Kontakt- und Auskunftsstelle des Lageso: E-Mail: karin.leiding@lageso.berlin.de,Telefon: (030) 9 02 29-10 01 (ab)

Eigentlich ist Marina Naprushkina Künstlerin. Ihre Installationen und Bilder beschäftigen sich mit den Machtstrukturen und Propaganda. Jetzt aber sitzt sie im Café der Organisation SOS-Kinderdorf in Moabit und stellt Fragen wie diese in den Raum: Was kann man für die Flüchtlinge in Berlin tun? Was brauchen sie wirklich?

Viele Menschen wollen helfen. Doch die Zahl der Bürgerinitiativen und Hilfsgemeinschaften ist groß und unübersichtlich. Im Internet sind derzeit 17 Anwohnerinitiativen in Berlin gelistet. Nicht alle von ihnen sind eingetragene Vereine. Nicht wenige Leute schließen sich einfach locker zusammen, um zu helfen. Hinzu kommen Beratungsstellen wie Asyl in der Kirche e. V. in der Heilig-Kreuz-Kirche, verschiedene Diakonien, die Caritas und Beratungsstellen für Personen, die Opfer von Misshandlung und Folter wurden – insbesondere für Frauen.

Vermittler für 40 Heime

Eine erste Anlaufstelle für jeden, der helfen will, ist das Landesgesundheitsamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Für rund 40 Flüchtlingsheime in Berlin vermittelt das Lageso Spenden. Wer hier anruft, bekommt die Adressen umliegender Heime seines Wohnortes mitgeteilt und kann dort seine Spenden selbst abgeben. Denn über Lieferautos oder eine Sammelstelle verfügt das Lageso nicht. Trotzdem sei die Spendenbereitschaft vor allem in den letzten Monaten stetig gestiegen, sagt eine Mitarbeiterin der Behörde. Gebraucht werde alles – von der Zahnbürste bis hin zu Bettwäsche und zum Spielzeug.

Marina Naprushkina von der Neuen Nachbarschaft weiß, wo die Not am größten ist: „Es geht weniger um gespendete Dinge, eigentlich ist es viel wichtiger, Zeit zu spenden.“ Die junge Künstlerin erklärt, was sie meint: Es dauert lange, bis über einen Asylantrag entschieden wird. Wird er positiv beschieden, so Marina Naprushkina, „bist du dann plötzlich ein vollwertiges Mitglied in einer dir völlig fremden Gesellschaft. Du lebst hier seit vielleicht zwei Jahren, aber hattest nicht die Möglichkeit für eine Integration. Und plötzlich darfst du bleiben. Aber wie willst du zwei Jahre aufholen?“

Hier setzt die Arbeit der Bürgerinitiative Neue Nachbarschaft an. Als ehrenamtliche Mitarbeiter begleiten sie die Asylbewerber zu Behörden, veranstalten Deutschkurse, organisieren Kindergartenplätze, versuchen die Kinder in der Schule unterzubringen oder Praktikumsplätze und Arbeitsstellen zu finden. Es gibt Kinderkino, kleine Weihnachtsfeste, und alle zwei Wochen kochen die Asylbewerber landestypische Gerichte und laden dazu die Bürger aus ihrer Nachbarschaft ein. Dann sitzen alle an einem Tisch, unterhalten sich und können voneinander lernen.

Dass es großen Nachholbedarf bei der Integration von Flüchtlingen gibt, findet auch Stephan Jung von Hellersdorf hilft e. V. Sachspenden zum Beispiel nimmt der Verein eigentlich nicht mehr an. „Wenn wir welche bekommen, dann leiten wir sie an andere Hilfsorganisationen weiter“, erklärt Jung. „Aber uns ist es wichtig, dass sich die Flüchtlinge bei uns willkommen geheißen fühlen. Viele von ihnen haben schlimme Dinge erlebt, kommen nun in ein fremdes Land und werden dazu verdammt, nichts zu tun. Darum ist es wichtig, etwas für sie zu tun.“

Hellersdorf hilft e. V. hat deshalb eine Begegnungsstätte für Menschen – wie sie es nennen – „mit“ und „ohne“ Fluchterfahrung gegründet. Im Ladenlokal wollen sie einen geschützten Raum für Geflüchtete, aber auch Anwohnerinnen und Anwohnern aus dem gesamten Bezirk schaffen. „Das Ziel ist, den noch leeren Raum gemeinsam mit den Geflüchteten und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern mit Ideen und Projekten zu füllen“, erklärt Stephan Jung weiter. Es soll zu einer Stätte der Selbstorganisation, des Empowerments und der Begegnung werden.

„Es geht weniger um Dinge, eigentlich ist es viel wichtiger, Zeit zu spenden“

MARIA NAPRUSHKINA, AKTIVISTIN
Deutschkurse im Angebot

Während die Neue Nachbarschaft sich ganz ohne Geldspenden finanzieren will, um so unabhängig wie möglich zu bleiben, geht Hellersdorf hilft e. V. anders vor. Ihre Veranstaltungen wie Filmabende, Strickkurse oder eine Kooperation mit der Volkshochschule, die Deutschkurse anbietet, finanzieren sie sich durch Mitgliederbeiträge und Spenden von Fördermitgliedschaften.

Bürgerinitiativen, Einrichtungen wie das Lageso, Vereine, Kirchengemeinden – sie alle haben unterschiedliche Wege gefunden, um Flüchtlinge nach ihren Möglichkeiten zu unterstützen. Einig sind sich doch alle in einem Punkt: Flüchtlinge brauchen Integration, und Integration braucht Zeit. Und das im Sinne von „sich Zeit nehmen“.