Exzellente Trommelgruppe

PERKUSSION Elektrisierend: die Schlagzeuger Robyn Schulkowsky, Joey Baron und Christian Tschuggnall im Heimathafen Neukölln

Rhythmus ist immer. Der Herzschlag, dieser innere Taktgeber, muss einem zwar nicht unbedingt bewusst sein, erzeugt aber permanent einen natürlichen Beat, elementare Musik, die man mit sich herumträgt, ohne Kopfhörer zu benötigen.

Schlagzeugkonzerte, in denen ausschließlich Perkussionsinstrumente zu hören sind, erinnern an diesen körperlichen Ursprung von Musik. Der Rhythmus löst sich zugleich von biologischen Vorgaben, spielt mit dem Puls, erweitert ihn oder lenkt ihn um. Dabei hängt es an der Sensibilität der Musiker, ob aus diesem Spiel eine Virtuosen-Nabelschau oder lebendige Kommunikation mit dem Publikum wird. Letzteres konnte man beim Konzert der Schlagzeuger Robyn Schulkowsky, Joey Baron und Christian Tschuggnall am Montag im Heimathafen Neukölln aus nächster Nähe erleben.

Die technischen Details sind für die Musiker bloße Gestaltungsmittel, nie Selbstzweck

In der Mitte des Ballsaals hatten Schulkowsky und Baron ihre Schlagzeugsets, Trommeln, Pauken, Gongs und Alltagsgegenstände wie Backbleche versammelt, das Publikum saß im Kreis um sie herum, so dicht, dass man aus der ersten Reihe fast hätte mitspielen können. Auf dem oberen Rang war weiteres Schlagwerk aufgebaut, an dem Christian Tschuggnall, mit seinen 27 Jahren der eindeutig jüngste Interpret des Abends, das Geschehen unten im Saal ergänzte und den Raumklang als weiteren Resonanzkörper nutzte. „Wenn wir in einem so tollen Raum spielen, wollen wir auch mit ihm spielen“, lautete Schulkowskys erfrischend unakademische Auskunft, wie ihre übrigen Ansagen mit ansteckend freundlicher Lockerheit vorgebracht.

Robyn Schulkowsky gehört zu den wichtigsten Interpreten der Musik des 20. Jahrhunderts. Die US-Amerikanerin lebt seit Anfang der achtziger Jahre in Europa und war dort an Uraufführungen von Werken von Karlheinz Stockhausen bis Maurizio Kagel beteiligt, arbeitete mit Komponisten wie John Cage, Morton Feldman oder Iannis Xenakis zusammen. Ein Neue-Musik-Star, wenn man so möchte.

Ihr Kollege Joey Baron genießt einen exzellenten Ruf als hochvirtuoser Avantgarde-Jazz-Trommler, der auf einem konventionellen Schlagzeug mit durchaus unkonventionellen Mitteln den Klang gestaltet. Wenn er etwa gerade beide Hände zum Trommeln benötigt, drückt er auch schon mal mit dem Fuß auf seine Snaredrum, um die Tonhöhe zu verändern. Oder er stopft, anders als im Pop, Rock oder Jazz üblich, seine Bassdrum nicht mit Decken voll, damit sie schön trocken ploppt, sondern lässt sie frei schwingen und stimmt das Fell noch zusätzlich herab, um ihr ein langsam ausklingendes „Baouuum“ zu entlocken. Ein schlichter, aber großartiger Effekt.

Diese technischen Details sind für die Musiker allerdings bloße Gestaltungsmittel, nie Selbstzweck. Und sowohl Schulkowsky als auch Baron vergessen bei aller Virtuosität nie den Groove in ihrer Musik, sei es in Barons knochentrocken swingendem Solo oder dem mitreißenden Satz aus Schulkowskys Komposition „Armadillo“. Wie oft an diesem Abend spielen die beiden Schulkowskys Stück weitgehend mit bloßen Fingern, erzeugen einen durchgehenden Puls, aus dem sich die Akzente immer wieder neu herauslösen und verschieben. Das alles so zwingend, als wären ihre Töne syntaktisch geordnete Botschaften. Die Mitteilung kommt auch ohne Worte an. Am jubelt der – leider nur halb besetzte – Saal.