Alltag in der Aufbauwüste

FOTOGRAFIE Cecil F.S. Newman kam 1945 mit den Pioniertruppen der Britischen Armee in die deutsche Hauptstadt. Der Soldat und Ingenieur, der an der Planung und Wiederherstellung der Infrastruktur beteiligt war, dokumentierte die Trümmer, die Menschen und die ersten Schritte des Wiederaufbaus in schönen, sachlichen Stadtporträts

War das Berlin des Jahres 1945 eine Trümmerlandschaft, ein Ort, an dem sich nach all den Bomben, dem Tod und Elend die Menschen und die Stadt nur langsam erholten? Im kollektiven Bildgedächtnis spiegelt eine Vielzahl von Fotografien diese Seite der Erinnerung. Nach der sogenannten „Stunde Null“ und in den Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Berlin ein Muster, eine Geometrie an Zerstörung. Der Stadtgrundriss lag verschüttet unter Steinbergen und totem NS-Kriegsgerät. Die Bilder erzählen Geschichten von einem Unort, von Bewohnern und Soldaten der Roten Armee als sehr verschieden Agierende im Spiel des Überlebens.

■ Fotograf, Soldat, Ingenieur: Cecil F.S. Newman wurde 1914 in Lisburn (Nordirland) geboren, er starb 1984 in Belfast. Newman war verheiratet und hatte drei Kinder. Nach seiner Ausbildung an der Technischen Hochschule in Belfast zum Ingenieur arbeitete Newman unter anderem im Stadtplanungsamt. Bei Kriegsbeginn wurde er als Bombenentschärfer in Belfast eingesetzt und 1943 als Soldat nach Gibraltar versetzt.

■ 1945 kam Newamn als Major mit den Royal Engineers nach Berlin und war an der Wiederherstellung der zerstörten Infrastruktur beteiligt, bis er unter Hans Scharoun den Wiederaufbau der Hauptstadt mitgestaltete.

■ Newman fotografierte 1945 und 1946 die zerstörte Stadt, den Alltag der Berliner und die Menschen in den Nachkriegstagen. 1946 kehrte er zurück nach Belfast.

■ 2011 übergab Newmans Tochter sein fotografisches Werk (rund 1.500 Fotos) an das Stadtmuseum Berlin. Sein Nachlass wird jetzt erstmals vorgestellt. (rola)

Timofej Melnik hat solche Motive eingefangen. Es sind Fotoreportagen von einer Stadt, die kaputt ist, deren Menschen kaputt sind. Die Sieger triumphieren auf den Ruinen. Im gleichen Bewusstsein entstand Jewgeni Chaldejs weltberühmte Serie über die Totenlandschaft rund um Hitlers Bunker nach der Kapitulation. Chaldejs heroisches Hammer-und-Sichel-Foto auf dem Reichstag gilt bis dato als die ikonografische Chiffre für den Untergang Berlins und des Nazi-Reichs.

Betrachtet man dagegen die Fotografien von Cecil F.S. Newman, fragt man sich intuitiv, welche Empfindungen und Gefühle diese Bilder hervorgebracht haben. Die Aufnahmen, die Newman gemacht hat, vergegenwärtigen eine andere Historie der unmittelbaren Nachkriegszeit: Berlin scheint sich in diesen Stadtporträts mit einem schier unglaublichen Tempo von der Steinwüste- in eine Aufbauwüste zu verwandeln. Brücken und Straßen werden erneuert, Baumaterial beschafft. Man ist dabei Panzer auszuschlachten, Schulen und Häuser werden gebaut. Die Stadt ist laut, manchmal schon beängstigend lebendig – man denkt an den Satz vom „Aufbauwunder als Verdrängungsleistung“.

Bei Newman rumpelt 1945 die Trambahn, viele Straßen sind vom Schutt befreit. Dazwischen schuften die Trümmerfrauen in den Bombenresten. Sie und ihre Kinder sind Newmans Heroen des modernen Lebens, etwa wenn sie wie klassische Statuen auf den Ruinen posieren oder in Untersicht in wunderbaren Porträts abgelichtet sind. Schaut her, das sind die Helden, nicht die Soldaten!, meint Newman.

Wie viele Soldaten damals hat Cecil Newman seine Armeezeit mit dem Fotoapparat festgehalten. Aber im Unterschied zu jenen Schnappschüssen sind seine Aufnahmen professionell und sie folgen einem Konzept. Es ist ein journalistischer und klarer, oft technischer und pragmatischer Blick, den der Fotograf zwischen 1945 und dem Frühjahr 1946 in Schwarz-Weiß und in Farbe auf die Stadt und ihre Bewohner richtet. „Als Newman 1945 mit den Royal Engeneers nach Berlin kam und mit der Aufgabe des Wiederaufbaus betraut war, stellte er sich und seiner Kamera die Frage: Was geschieht jetzt mit der Stadt? Wie sieht der Alltag der Berliner aus? Newmans Themen sind die Stadt, die Topographie, die Infrastruktur, die Menschen“, betont Ines Hahn, Leiterin der fotografischen Abteilung der Stiftung Stadtmuseum und Kuratorin der Newman-Schau.

Was richtig ist, Newman hat wenig komponiert. Bedingt durch seine Funktion und seine Bekanntschaft mit Berliner Stadtplanern – darunter Baustadtrat Hans Scharoun – reflektieren die Fotos viele Arbeitsprozesse oder Monumente. Dem Nordiren waren Berliner Wahrzeichen ebenso wichtig wie die Alltagsszenen. Wie aus touristischer Perspektive knipste er das Brandenburger Tor, die Gedächtniskirche oder den Alexanderplatz, deren Reste sich visuell grell und wie Berge aus den Tälern aus Schutt und Asche herausheben.

Nicht das Ende, sondern das Bestehende, das wieder Aufzubauende ist Newmans ästhetisches Leitmotiv. Er ist ein Dokumentarist der ersten Lebenszeichen, des frühen Nachkriegsaufbaus in Berlin. 1.500 Fotos jener Tage hat er hinterlassen.

■ „Berlin 1945/46 – Fotografien von Cecil F.S. Newman“ – unter diesem Titel ist die Ausstellung vom 17. 07. 2015 bis 25. 10. 2015 im Märkischen Museum, Am Köllnischen Park 5 zu sehen; geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Informationen: www.stadtmuseum.de

■ Im Nicolai Verlag Berlin erscheint zur Ausstellung ein gleichnamiger Bildband; www.nicolai-verlag.de

■ Die Fotos von Cecil F.S. Newman stellte die Stiftung Stadtmuseum Berlin der taz dankenswerter Weise vorab und exklusiv zur Verfügung. (rola)

Eigentlich hätte Newman auf Deutschland anders regieren können: weniger empfindsam, weniger sympathisch – mit mehr Rachegelüsten im Herzen. Newman hatte Bombennächte in Nordirland und England hinter sich. Er war Soldat, ein „Tommy“, der gegen die Nazis kämpfte. „Newman war ein offener, aufgeschlossener Typ, von Beruf Ingenieur, der etwas Deutsch sprach und dieses Land kennen lernen wollte“, sagt Hahn.

Dennoch erscheint Berlin im Spiegel Newmans nicht mit seinem ganzen Gesicht, in Vollkommenheit. Gezeigt werden die Ansichten hauptsächlich der Westsektoren. Nur ein paar Mal hat sich Newman in den Ostsektor gewagt. Was schade ist, traf er doch dort auf spannende Motive. Die politischen Konflikte, die Propaganda, der frühe Kalte Krieg im sich spaltenden Berlin fehlen. Newman waren die anderen Zeugnisse wichtiger.