Bildungsrevolution am Montagmorgen

KITA Raed Saleh und Franziska Giffey verschenken Plüschteddys und fordern mehr Gehalt für Erzieher

Raed Saleh ist etwas spät dran, beinahe muss die Spatzengruppe in der Kita Reuterstraße in Neukölln ihren Morgenkreis ohne den Fraktionschef der Berliner SPD beginnen. Doch dann ist er da, verteilt gemeinsam mit Parteikollegin und Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) gut gelaunt Plüschteddys – und alleine die Tatsache, dass der Fraktionschef sich den Montagmorgen genau dafür freigehalten hat, ist natürlich ein Statement: Die nächste Landtagswahl ist schließlich schon 2016 – und bei der SPD, soll es wohl heißen, steht das Thema Kita ziemlich weit oben auf der Agenda.

Und so nickt der Fraktionschef also zustimmend, als Kita-Leiterin Sabrina Kluge über volle Wartelisten und fehlende BewerberInnen auf freie Erzieherstellen klagt – „In vielen Köpfen ist Neukölln eine Horrorvision“ – und nutzt den von einem Aktionsbündnis organisierten „Tag der Kinderbetreuung“ ansonsten dazu, gleich mal die Saleh’sche „Bildungsrevolution“ auszurufen.

Eine schrittweise Anhebung des Betreuungsschlüssels müsse her, sagt Saleh – derzeit ist Berlin im Krippenbereich mit 6,6 Kindern pro ErzieherIn Schlusslicht im Bundesvergleich. Besser bezahlt möchte er die ErzieherInnen außerdem sehen, für den aktuellen Streik der Beschäftigten an kommunalen Kindertagesstätten – Berlin ist davon allerdings nicht betroffen (taz berichtete) – hat er Verständnis: „Das ist ein Hilferuf!“

„Qualität und Gebührenfreiheit, das geht beides“

SPD-FRAKTIONSCHEF RAED SALEH

Auch die Kita-Leitungen will Saleh gestärkt sehen: Bisher dürfen sie sich erst ab einer Betriebsgröße von 120 Kindern aus der täglichen Betreuungsarbeit rausnehmen, diese Schwelle will der Fraktionschef absenken. Und natürlich, auch das von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) begonnene Kita-Ausbauprogramm – 19.000 zusätzliche Plätze bis Ende der Legislaturperiode – müsse fortgesetzt werden.

So weit, so einvernehmlich mit Bezirksbürgermeisterin Giffey. Erst als der Fraktionschef auf seine Vision von der „gebührenfreien Kita“ zu sprechen bekommt, gerät ihr das Lächeln dann doch ein wenig schief. Bereits im April waren die damals noch designierte Bezirksbürgermeisterin und der Fraktionschef über die Frage nach gebührenfreien Krippenplätzen für unter Dreijährige aneinandergeraten. „Ich bin schon der Auffassung, dass Menschen, die gut verdienen, auch einen Beitrag leisten können“, hatte Giffey gesagt.

Jetzt schaut sie etwas angestrengt, als Saleh sich in der Kita Reuterstraße in Rage redet über die „Strafsteuer“ Kitagebühr. 40 Millionen Euro Elternbeiträge würden durch die Beitragsfreiheit wegfallen und durch Mittel aus dem Landeshaushalt ersetzt werden müssen. Kein Problem, meint Saleh, man müsse eben nur Geld in die Hand nehmen wollen. „Bildung kann, darf und muss uns etwas kosten. Qualität und Gebührenfreiheit, das geht beides.“ – „Ihr Wort in Gottes Ohr“, meint Giffey trocken.

Auch beim Berliner Kitabündnis, einem Zusammenschluss von Elternvertretungen, Gewerkschaften und Kita-Verbänden, ist man skeptisch über Salehs Vorstoß: „Das hat aus unserer Sicht erst mal überhaupt keine Priorität“, sagt Bernd Spatz. Maximal vier Kinder pro ErzieherIn im Krippenbereich, mehr Geld für den Kitaplatzausbau und gestärkte Kita-Leitungen – das seien die drängenden Themen, die man diskutieren müsse.

Kita-Leiterin Sabrina Kluge sieht das ähnlich: 210 Plätze hat die Kita des landeseigenen Trägers Kindertagesstätten SüdOst eigentlich, nur 196 kann Kluge derzeit besetzen – weil es schwer sei, qualifiziertes Personal zu finden. Und die vier Kinder pro BetreuerIn, die das Kitabündnis fordert? „Für uns wären schon vier Betreuer in einer Gruppe mit 20 Kindern eine Wunschvorstellung.“ Auch baulich würde man gerne etwas verändern, etwa direkte Zugänge zum Garten schaffen oder mehr Abstellfläche für Kinderwagen schaffen. „Dafür gibt es aber keine Fördergelder.“ Manchmal sind es offenbar auch schon Kleinigkeiten, die zu viel kosten. ANNA KLÖPPER