Gnadenhof „Hammels Hoffnung“

Besuch bei Gabriele Seydel in der Uckermark

VON GABRIELE GOETTLE

Gabriele Seydel, 1963 in Berlin (DDR) geboren, ist Heilpraktikerin und betreibt einen Gnadenhof in der Uckermark. Sie wuchs in der DDR auf, als Tochter eines Pfarrers und einer Lehrerin, die Berufsverbot hatte. Zur Pfarrstelle im kleinen Ort Zabelsdorf (Kirchenkreis Templin) gehörte auch ein schönes Pfarrhaus, umgeben von Wald und Wasser. Hier besuchte Gabriele Seydel die Grundschule, später die Polytechnische Oberschule in Gransee. Nach dem Abitur wurde ihr staatlicherseits das Medizinstudium als Tochter eines Pfarrers verwehrt. Sie studierte einige Semester Theologie und Sprachen, dann aber Wechsel zur Ausbildung als Krankenschwester. Arbeit in Neuruppin und Templin, abends lernte sie per Fernstudium. 1989 hat sie sich als eine der Ersten aus der DDR an der Freien Universität Berlin für ein Medizinstudium immatrikuliert. In den 90er Jahren starben ihre Eltern, sie musste Hals über Kopf das Pfarrhaus räumen. 2000 machte sie neben dem Medizinstudium ihren Heilpraktikerschein und schloss eine eineinhalbjährige Ausbildung in Ayurvedischer Heilkunst ab. 2002 nahm sie einen Kredit auf und kaufte einen heruntergekommenen Resthof in der Nähe von Templin, 2003 zog sie mit ihrem damaligen Freund auf den Hof und begann mit der Renovierung. 2005 gab sie ihr Medizinstudium auf. Seit 2008 bewirtschaftet sie den Hof alleine.

Der Regionalzug hält nur bedarfsweise in H. Außer mir steigt niemand aus oder ein. Während ich am Gleis eine Weile vergeblich darauf warte, abgeholt zu werden, komme ich mir vor wie Herr Thornhill, in der berühmten Maisfeldszene in Hitchcocks Film „Der unsichtbare Dritte“. Schon ist Motorengebrumm zu hören, gleich wird das Schädlingsbekämpfungsflugzeug im Tiefflug über mich hinwegrasen und mich in eine Giftwolke hüllen. Das Motorengeräusch stammt aber nur von einem Auto. Frau Seydel ist da, entschuldigt sich für die Verspätung, nimmt meinen Rollkoffer und trägt ihn beherzt über das Schotterbett der Gleise.

Nach der Ankunft auf ihrem Gehöft und einer kleinen Führung durch Haus und Hof, der mit alten Bäumen, Sträuchern und Hecken bewachsen ist, weiß ich, Frau Seydel ist Veganerin, hat kein Handy, kein TV, keinen PC und auch kein Internet. Einzig einen Festnetz-Telefonanschluss erlaubt sie sich. Sie ist streng zu sich in diesen Dingen. Es ist schon seltsam, in Deutschland gibt es zwei Pfarrerstöchter aus dem Kirchenkreis Templin, die verschiedener nicht sein könnten. Die eine heißt Merkel, ist Bundeskanzlerin und mächtig, die andere heißt Seydel, betreibt ihren kleinen Gnadenhof und ringt seit Jahren vergeblich um ihr Recht.

Wir sitzen unter einem alten Kastanienbaum, trinken Tee und essen Obstkuchen, in Form von belegtem veganen Tortenboden. Vor uns das große, lang gestreckte Wohnhaus. Es ist grau verputzt, zweistöckig mit Mansarden. Leicht könnte es eine kleine Gruppe von Leuten beherbergen, die sich aber zu Frau Seydels Leidwesen nicht zusammengefunden haben.

Für mich hat sie ein altrosafarbenes Gästezimmer vorbereitet und den Kachelofen befeuert für die Nacht. Auch andere Zimmer sind freundlich hergerichtet, in Erwartung von Gästen. Es gibt im Dachgeschoss sogar eine Sauna und im Erdgeschoss eine Badewanne mit Badeofen. Das Wasser muss allerdings von draußen mit einem Schlauch ins Badezimmer geleitet werden. Alles wirkt immer noch provisorisch, es gibt keine Elektroinstallation im Haus, keine Wasserleitungen. Infolgedessen auch kein WC, sondern nur ein recht romantisches, aber zugiges Plumpsklo, mit Aussicht auf die Ziegen.

Nahe bei Wald und Wasser

Einige große, stark beschädigte Stallgebäude mit steinernem Untergeschoss und eingebrochenem Dachstuhl stehen links des Wohnhauses, dahinter Ziegengehege. Zur anderen Seite wird das Haus seitlich begrenzt durch weitere Freigehege für Ziegen und durch ein schmales Stallgebäude aus Backstein. Davor ruht in einem Gehege aus Holzpfosten und Hasendraht, majestätisch wie Dürers Hase, ein großes grauweißes Kaninchen.

Während mich drei entrüstete Rügener Gänse mit funkelnden Augen fauchend umkreisen, beginnt Frau Seydel, mir ihre Geschichte zu erzählen: „Im Jahr 2002 suchte ich nach einem ruhigen, schönen und naturverbundenen Wohnort, in der Nähe von Wald und Wasser. Und weil ich damals noch im Studium der Medizin begriffen war, sollte der möglichst in der Nähe einer Bahnstation nach Berlin gelegen sein. Zufällig habe ich dann, bei einem sonntäglichen Ausflug hierher, diesen Resthof entdeckt. Da ich mir eine kleine Praxis als Heilpraktikerin aufbauen wollte und damals schon einige Tiere hatte – Katzen und Hühner – und gerne weitere Tiere wollte, kam mir die Art und Lage dieses Hofes und Grundstücks absolut ideal vor. Ebenso die Größe, es sind 1,5 Hektar. Den Hof umgaben damals zur West- und Südseite hin ca. 53 ha Grünland, seit vielen Jahren biologisch bewirtschaftet.

Obwohl der Hof lange Zeit leer stand und total verwahrlost war, die Türen und Öfen fehlten, die Wasserleitungen geborsten waren, die seitlichen Stallgebäude fast zusammenbrachen, alles voll war mit Müll, Autowracks und Schutt, habe ich ihn dann dennoch genommen. Entscheidend war, dass wir uns am Rande eines Biosphärenreservates befinden und in ökologisch bewirtschafteter Umgebung. 2003 bin ich eingezogen, eines der Zimmer im Haus war halbwegs in Ordnung.

Das alles hier ist sicher noch lange nicht vollkommen, aber es war ein weiter Weg bis jetzt. Viel Hilfe von Freunden war erforderlich … Wir haben damals zu zweit hier begonnen. Es sollte eigentlich eine Gruppe von 4 bis 6 Leuten werden, Leute, die sich gut verstehen und dann zum festen Stamm gehören. Aber dazu ist es leider bis jetzt nicht gekommen. Im Gegenteil. Ich hatte ja gehofft, dass wir, mein damaliger Freund und ich, uns das hier gemeinsam aufbauen. Aber um hier zu arbeiten und zu leben, da braucht es Hingabe. Er hatte leider eine andere Vision. Er ist Pfarrer von Beruf und sein Leben ist eben die Musik und nicht die Landwirtschaft. Er gibt Solo-Gitarrenkonzerte, spielt jiddische Lieder und auch Chansons …

Ja, jedenfalls bin ich seit 2008 alleine auf dem Hof. Es waren zwar Freunde und viele Helfer da, zum Beispiel vom WWOOF-Netzwerk, das vermittelt sozusagen ehrenamtliche Helfer für Ökohöfe. Manche blieben über Wochen und Monate – kommen auch immer mal wieder –, aber es fand sich bedauerlicherweise keiner, der hätte bleiben wollen. Aber die Hilfe war für mich sehr wertvoll. Das Wichtigste jedenfalls ist fertig geworden.

Sieben Ziegenausläufe habe ich, die mussten mit Unterstand und Zäunen auch erst mal errichtet werden. Pfosten und Zäune rund ums gesamte Grundstück ebenso und vieles mehr. Ich denke, dass man die Fortschritte auch sieht. Das ist eine Menge, wenn man bedenkt, dass nur wenig Mittel da waren. Es geht voran, besser gesagt, es ging voran.

Aber zurück zu meinen Anfängen hier: Wenn man in der freien Natur körperlich arbeitet, umgeben ist von hilfreichen Menschen und freundlichen Tieren, dann beginnt man andere Schwerpunkte zu setzen. Es entstand bei mir einfach ein krasser Widerspruch zur Schulmedizin oder überhaupt zu dem Wissen, das an der Uni in akademischer Form vermittelt wird. Auch zur Bedeutung, die auf bestimmte Herangehensweisen bei der Behandlung und Heilung von Kranken gelegt wird. Ganz zu schweigen, von solchen Praktiken, dass man Patienten röntgt, damit das Röntgengerät sich amortisiert! Ich wollte lieber naturheilkundlich arbeiten, mich mit Ernährungsfragen, mit Heil- und Wildkräutern beschäftigen und aus ganzem Herzen Heilpraktikerin sein. Ich entschloss mich dann, das Medizinstudium aufzugeben. Eineinhalb Jahre vor dem Abschluss – das klingt unvernünftig – aber ich wollte nicht mehr.

2005 habe ich mich exmatrikuliert und für einige Zeit in Templin eine Praxis als Heilpraktikerin aufgemacht. Mehr als 20 Euro die Stunde wollte ich nicht nehmen, aber die Miete war sehr hoch, da habe ich die Praxis dort wieder aufgegeben und mich entschlossen, hier zu behandeln. Es ist ja nicht weit, man kann sogar mit dem Fahrrad kommen, die Bahn verkehrt stündlich. Ich habe auch eine Firma gegründet, ‚Etashofer Wildkräuter‘. Inzwischen ist mein Land biozertifiziert, momentan ernte ich jede Menge Bärlauch, junge Brennnesseln gibt es viele, und natürlich Giersch, was ein wohlschmeckendes und gesundes Wild- und Heilkraut ist, mit viel Kalium, Vitamin C, Karotin und Eisen.

Jakob und Auguste

Ich hatte in der Zwischenzeit schon einige Gnadentiere übernommen. Es hatte sich dann auch rumgesprochen. Es kamen viele Hühner, alte Hühner, Kaninchen, Gänse, Ziegen. Die Gnadengänse, Jakob und Auguste, kamen 2004 aus Baden-Württemberg. Der Jakob war damals 8, jetzt ist er bereits 19 Jahre alt, nicht mehr gut zu Fuß und arthritisch, aber er ist immer noch der Herr über die Gänseschar. Ich habe damals die Auguste dann mal brüten lassen. Plötzlich hatte ich fünf Gänse. Inzwischen lege ich die Eier an den Feldrand für den Fuchs. Ich bin ja Veganerin, die Milch der Ziegen bekommt teils die Katze, teils verarbeite ich sie zu Quark, den ich an vegetarisch lebende Freunde verschenke.

Manchmal fragen mich Leute, wozu ich eigentlich ‚Nutztiere‘ halte, wenn ich ihre ‚Produkte‘ gar nicht verwende. Ich halte sie ja nicht als ‚Nutztiere‘, ich halte sie, um ihnen einen Tod als Schlachttier zu ersparen. Ihr ‚Nutzen‘, wenn man so will, besteht für mich darin, dass ich mich an ihnen erfreue, an ihrer Gegenwart, ihren Lautäußerungen, an ihrem Anblick und ihrer Zutraulichkeit. Und wenn sie mir helfen, zum Beispiel die Ziegen beim ‚Rasenmähen‘, die Gänse bei der Bewachung des Hofes, der Hahn durch Krähen am Morgen und die Katze, indem sie Mäuse fängt, schnurrt und mich wärmt im Winter, dann nehme ich das gerne und guten Gewissens in Anspruch.

„Ich glaube, meine Tiere wissen, dass ihnen von mir keine Gefahr droht“

GABRIELE SEYDEL

Ich glaube, meine Tiere wissen, dass ihnen von mir keine Gefahr droht. Wenn ich esse, dann esse ich Obst, Gemüse, Kräuter und Brot. Und von daher sind sie entspannt und wir erfreuen uns aneinander – gegenseitig. Das ist eigentlich meine Hauptintention, ich möchte, dass die Tiere – und auch den Menschen, die hier herkommen zur Behandlung oder als Besucher – sich wohlfühlen bei mir. Ich finde, das hat einen Sinn und es macht mir Freude. Freude machen mir aber auch gute Bücher und gute Gespräche, Essen mit Freunden und Spaziergänge in der Natur.“

Die Gänse haben sich inzwischen mit meiner Gegenwart abgefunden und schnäbeln abseits im Gras herum, behalten mich aber im Auge. Frau Seydel schenkt mir Tee nach und fährt fort: „Zurück zum Thema. Es kam dann irgendwann noch die Gnadenkatze hier aus der Umgebung dazu, sie war kahl und krank. Inzwischen ist sie auch schon 11 Jahre bei mir. Eines Tages kam das Gnadenkaninchen Adele, die habe ich freigekauft, weil ich nicht wollte, dass sie geschlachtet wird. Und es kam der Urbock Lothar, Stammvater einiger Ziegen auf diesem Hof. Der hatte seine Herde verloren und stand ganz alleine in Templin. Da habe ich mich seiner erbarmt und ihn zu mir genommen, zu den zwei Ziegen, die ich schon hatte. Damals war ich noch unwissend, ich kannte mich aus mit Hühnern und Katzen. Aber wie vermehrungsfreudig Ziegen sind, welch elementare Kräfte da wirken, im Herbst, wenn die Tage kürzer werden, das wusste ich nicht! Für Ziegen, die zum Bock wollen – und umgekehrt –, da gibt es eigentlich keinen Zaun, der diesem Ansturm der Begattungslust standhalten könnte. Jedenfalls hat Lothar, der Gnadenbock, obwohl schon alt, sich mit den Ziegen zusammengefunden. Auch ein Nachbarbock kam eines Tages ungebetenerweise. Fünf Monate tragen sie und im Frühjahr, wenn das erste Grün kommt und noch keine Fliegen unterwegs sind, dann werfen sie ihre Lämmer.

Und so ist – eher unerwartet – eine kleine Herde entstanden, eine Mischung aus Nachbarbock und Lothars Thüringer Waldziegen. Inzwischen weiß ich natürlich, was zu tun ist. Ich bin unentwegt am Zäune reparieren. Und auch sonst ist viel zu tun, manchmal, aber selten, wird ein Tier auch schon mal krank. Das behandle ich dann selbst, ich verstehe mich auch als Tierheilpraktikerin und behandle Tiere mit Erfolg naturheilkundlich.

Laufend werde ich um Unterbringung von Gnadentieren gebeten, ohne Ende. Aber die Grenze meiner Kapazitäten – platzmäßig und auch finanziell – sind erreicht. Momentan habe ich 33 Tiere, 19 Ziegen, 1 Katze, 8 Gänse, 4 Hühner. Ich bekomme großzügige Futterspenden, zum Beispiel alt gewordenes Brot vom Bioladen in Prenzlau. Viel bekomme ich auch von der Bio Company in Berlin. Da fahre ich einmal pro Woche hin und verkaufe in der Stadt auch zugleich meine Wildkräuter – ich finanziere ja meine Tiere und mich hauptsächlich vom Verkauf der Wildkräuter, die auf meinem Hof wachsen. Die Futterspenden sind sehr willkommen, sie bestehen aus angeschlagenem oder leicht schrumpeligem Gemüse und Obst aller Art, Kohlrabi- und Blumenkohlblättern. Auch was ich an Hafer und Heu füttere, das kaufe ich beim Bio-Bauern. Ich brauche jede Woche eine Rolle Heu zu 25 Euro und dann den Hafer …, es dürften so um 200 Euro reine Futterkosten im Monat sein. Aber das sind mir die Tiere wert, ich will sie ja nicht mit gespritztem Zeug oder Genmais füttern.

Die Ziegen bekommen auch noch Zweige von meinem Grundstück und im Sommer mähe ich natürlich frisches Grünfutter. Ich habe drüben im Ort noch ein kleines Feld, da will ich dieses Jahr Hafer für die Ziegen anbauen. Aber auch andere haben Hunger. Die Vögel kommen her und fressen Körner, ein Waschbär hat ‚mein‘ wildes Bienenvolk geraubt im Winter, es kommen Marder, die den Enten die Eier nachts unter dem Hintern wegklauen, und die Füchsin streift auch umher. Ich habe ziemliche Verluste an Hühnern zu beklagen. Worauf wir jetzt hier angeblich auch aufpassen müssen, das ist der Wolf. Er ist aus Polen eingewandert. Unlängst war eine Frau da, die beraten hat zum Thema Wolf und welche Vorkehrungen man treffen kann, ihrer Meinung nach. Mit Elektrozäunen möchte ich eigentlich gar nicht erst anfangen. Gesehen habe ich jedenfalls noch keinen.

Aber seit einiger Zeit kommen Tiere auf mein Grundstück, die ich hier früher nie gesehen habe. Die waren auf dem Grünland unterwegs und haben sich dort ihre Nahrung gesucht. Der Hof ist, wie gesagt, umgeben von Land, das sozusagen am Rande des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin liegt und über lange Jahre ökologisch bewirtschaftet wurde. Es war eine einzige große, blühende Wiese. Dieses riesige Feld war paradiesisch, eine Augenweide, mit Luzerne und Klee, voller Wiesenblumen, ein Paradies für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Käfer, Igel und andere Tiere. Es gab Feldlerchen und einen Kranichsammelplatz. Es lieferte dem Bauern Grünfutter und Heu, das schmackhaft war für die Tiere, voll mit gesunden Kräutern und Gräsern. Das ganze Land summte und duftete, es gab eine große Artenvielfalt und alles schien miteinander im Einklang zu sein.

Ein schwarzer Tag

Aber plötzlich, am 20. August 2012, es war ein Montag, änderte sich das mit einem Schlag. Es war ein windiger Tag, später regnete es auch noch stark. Dieser Tag war einer der schwärzesten in meinem Leben. Ich erwachte morgens und hörte ein Traktorengeräusch. Seltsam, dachte ich, was macht der? So gegen 9 Uhr entschloss ich mich, mal nachzusehen. Ich sah einen Trecker übers Feld fahren, der eine Substanz versprühte. Er zog sie in großen Schwaden hinter sich her. Es roch irgendwie süßlich, aber sehr unangenehm. Ich ging übers Feld zu dem Fahrer hin – habe mich dabei natürlich benetzt mit dem Zeug und es eingeatmet. Er stieg ab, kam zu mir runter und ich fragte ihn, was er da eigentlich macht. Und er sagte, na ja, er spritzt. Auf meine Frage, warum und was er spritzt, sagte er, also, das Feld wird jetzt konventionell bewirtschaftet, ich spritze Glyphosat. Ich habe ihn dann noch gefragt, weshalb man mich nicht vorher verständigt hat und habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass meine Tiere am Feldrand stehen. Und er meinte nur, na ja, ich bin ja schon einmal rum, gleich bin ich fertig.

Ich konnte damals noch nicht wirklich was anfangen mit diesem Namen, aber mir war natürlich sofort die Tragweite dieses Vorgangs klar. Später wusste ich dann, dass das Land mit dem Totalherbizid ‚Figaro‘, einem Glyphosatpräparat (Fa. Belchim Crop Protection, Zulassungsinhaber: Monsanto, Anm. G. G.), flächendeckend gespritzt worden war. Die Bauern nennen das ‚sauber machen‘. Eine Woche später war das Feld tot. Es verstummte. Ich war erschüttert, und konnte nicht begreifen, wie man ein Stück Land, das so lange Zeit biologisch bewirtschaftet worden war, quasi über Nacht und kalten Herzens vernichten kann. Nur weil sich was anderes mehr rentiert.

Am Telefon sagte der Bauer zu mir, es sei ihm egal, ob er bio oder konventionell wirtschaftet, es ginge ihm ums Geld. Bio, sagte er, ‚rechnet sich nicht‘. Anderes, wie zum Beispiel sogenannte Energiepflanzen usw., das rechnet sich anscheinend. Er sagte, wenn ich bereit sei, pro Hektar 800 Euro Ernteausfallkosten zu bezahlen, dann baut er auch wieder Klee an. Es wurde dann gebeiztes Saatgut ausgebracht und seither steht da Roggen auf dem Feld. Ich weiß jetzt nicht, wozu der dient. Wie auch immer, für mich ist eins so schlimm wie das andere. Fakt ist, großflächige Monokulturen benötigen einen sehr hohen Dünger und Pestizid-Einsatz und zerstören massiv die Biodiversität.“ (Das Erneuerbare-Energien-Gesetz brachte auch üppige EU-Subventionen für den Anbau von Biosprit und Biogaspflanzen. Immer mehr Ackerland wurde diesem Zweck unterworfen, selbst viele Biobauern haben „umgesattelt“, denn Gewinne und Subventionen pro Hektar sind um ein Vielfaches höher. Anm. G. G.)

„Es ist einfach nur schrecklich, wenn ein gesunder Ackerboden derart missbraucht wird. Wenn er als tote Unterlage benutzt wird, für lieblos behandelte Biogas-Pflanzen, oder überhaupt für Pflanzen, die regelmäßig begiftet und mit Kunstdünger behandelt werden. Der Bauer setzt sich dem meist nicht mal selber aus, es spritzen Angestellte. Die müssen den Spritzschein vorweisen können, also eine Prüfung abgelegt haben für einen Sachkunde-Nachweis und sie müssen regelmäßig zur Nachschulung, sonst verfällt ihr Ausweis. Ob das hier der Fall war, weiß ich nicht.

Alles erledigt die Chemie

Jedenfalls war und ist – denn es geht bis heute in dieser Weise weiter – der Umgang mit dem Feld extrem brutal. Man macht sich meist nicht mal mehr die Mühe, überhaupt noch umzugraben, weil für das gebeizte Saatgut alles die Chemie erledigt. Man sieht diese gebeizten Körner bereits vom Feldrand her liegen, die schillern so orange-rötlich, angeblich zur Abschreckung der Vögel. Ich sehe aber immer Krähen auf dem Feld. Die gebeizten Körner enthalten stark wirksame Gifte, die sich besonders im Wasser auswirken, für Wassertiere tödlich sind und natürlich auch ins Grundwasser gelangen.

Dieses überfallartige Giftspritzen am 20. August 2012 war für mich äußerst dramatisch. Instinktiv wusste ich, ich muss erst mal meine Ziegen wegbringen vom Feldrand. Das waren 4 junge Ziegenböcke – Tiere vom Stammvater Lothar – kerngesund und springlebendig. Der Wind trieb das Zeug in Schwaden rüber, sie hatten es auf ihrem Fell, im Maul, überall. Ich hatte sehr viel Mühe, sie auf die andere Seite meines Grundstücks zu treiben. Nachbarn kamen und haben mir geholfen. Das war so um 10 Uhr vormittags. Gegen Nachmittag und Abend fingen bei mir die ersten Krankheitssymptome an, sich bemerkbar zu machen: Hautjucken, Husten, Stechen in der Lunge, die Nase lief, die Augen tränten. Ich hatte natürlich keine Schutzkleidung an und keinen Atemschutz, als ich übers Feld lief. Auf dem Beipackzettel zu ‚Figaro‘ steht ausdrücklich, man darf nach dem Ausbringen solche Felder innerhalb von 48 Stunden nur mit Schutzkleidung, Atemmaske und Schutzbrille betreten. Aber da ich überhaupt nicht vorgewarnt worden war vom Bauern, wusste ich ja gar nicht, dass ich mich in Gefahr befinde.

Also ich wurde ziemlich heftig krank und am nächsten Tag, da zeigten auch die betroffenen Ziegenböcke deutliche Krankheitszeichen. Sie standen ganz matt herum, fingen an zu hecheln, streckten sich seltsam und gähnten unentwegt, haben nicht gefressen. Mir ging es auch schlecht, ich habe, so gut ich konnte, die Telefonate und alles Wichtige erledigt. Nach dem abendlichen Füttern und Tränken habe ich versucht, mich etwas auszuruhen, war aber zu besorgt. Also bin ich um viertel 10 noch mal raus, um nach den Ziegenböcken zu sehen. Ich fand einen von ihnen zusammengebrochen am Zaun liegen, er atmete flach und wimmerte leise vor sich hin. Es war ganz fürchterlich. Er konnte nicht mehr aufstehen, nichts mehr. Ich habe dann meinen eigenen Zustand vergessen, habe ihn auf meine Arme genommen, ins Auto geladen und wollte ihn zum Tierarzt nach Templin bringen. Als ich ankam, war er aber bereits tot. Der Bock ist innerhalb einer halben Stunde elend gestorben.

Ich wusste nicht, wie geht es denn mit mir nun weiter. Ich habe den Giftnotruf in Berlin und Göttingen angerufen, aber die sagten mir, bei Herbiziden gibt es kein Gegenmittel. Ich soll mir bei der Rettungsstelle Cortison spritzen lassen. Stattdessen habe ich mich aber hingesetzt und mein Testament geschrieben. Habe Freunde gebeten, wenn ich mich nicht melde, dass sie kommen und die Tiere versorgen.

Am nächsten Tag ging es mir immer noch miserabel. Vom ‚Pestizid Netzwerk‘ und einer Freundin bekam ich den Rat, mich an Frau Dr. Krüger zu wenden, sie ist Veterinärin, leitete als Professorin das Institut für Bakteriologie und Mykologie an der Uni Leipzig und hat viel geforscht zu Glyphosat. Ich habe sie morgens um 8 Uhr erreicht. Sie empfahl mir ein Mittel – Aktivomin, ein Huminsäurepräparat. Sie hat es mir sogar per Express geschickt, am Nachmittag war es da. Ich habe es gleich genommen. Habe mir dann das Mittel auch aus der Apotheke geholt – es ist recht teuer – und die kranken Ziegenböcke damit versorgt. Es hat tatsächlich gewirkt. Frau Dr. Krüger war wirklich die Person, die mir aus dieser Situation herausgeholfen hat. Ich bin ihr sehr dankbar!

Meine Versuche, den Bock amtlicherseits untersuchen zu lassen, liefen alle ins Leere. Das ist bis heute so – es hat sich ja seither nichts geändert am Spritzen und an dem Abdriften auf mein Land! Von den Ämtern wird man prinzipiell nur abgewimmelt, oder sie gehen mal missmutig ihren Pflichten nach, doch dann versickert alles wieder im Sand. Aber wegen Ohrmarken oder irgendwelchem unwichtigen Verwaltungskram, da stehen sie erfahrungsgemäß umgehend auf der Matte.

Jedenfalls, es war Sommer und nichts tat sich. Pansenflüssigkeit hatte ich dem toten Bock schon selbst entnommen und von den drei anderen Böcken habe ich Urinproben gesammelt, das wurde alles untersucht und Glyphosat war eindeutig nachzuweisen, ich habe ärztliche und tierärztliche Gutachten sowie Untersuchungen der Uni Leipzig über den Glyphosatgehalt, auch im Panseninhalt. Es war klar, dass eine Ausgangskonzentration da war, die dann durch das Präparat nach Tagen langsam abgebaut wurde.

Klagen abgewiesen

Ich habe Anzeige erstattet, alles eingereicht, auch Wettergutachten usw., aber die Generalstaatsanwaltschaft hat meine Klagen alle abgewiesen. In den Begründung gibt es drei typische Wendungen: Einmal, dass ich zwar einen ‚wahren Tatverdacht‘ geäußert hätte, die Sache aber nicht verfolgt wird, weil zweitens, es sich um ein zugelassenes Pflanzenschutzmittel handelt und drittens, ein Zusammenhang zwischen meinen Krankheitsbeschwerden und dem ausgebrachten Mittel nicht nachweisbar sei. Einer Zivilklage steht zwar nichts im Wege, aber dazu habe ich nicht das Geld. Das ist die Lage der Dinge, und es ist sehr bitter, nach diesem ganzen Schaden, dass man als Geschädigte nicht mal ernst genommen wird. Angesichts der permanenten Spritzerei, gegen die ich offenbar nichts tun kann, habe ich einen gemeinnützigen Verein gegründet, zur ‚Förderung und Erhaltung der Artenvielfalt (Biodiversität) in Deutschland‘, kurz FEBiD e.V. Man kann ja nur gemeinschaftlich was tun.

Das ist also die Geschichte meines Leidenswegs. Ein Ende ist noch gar nicht abzusehen. Mein ganzes Interesse für die Zukunft richtet sich darauf, dass die Spritzerei allgemein aufhört. Diese massive Vergiftung unserer Lebensmittel und Böden muss beendet werden! Ein politischer Wille dazu ist leider kaum vorhanden Das können nur die Konsumenten selbst tun, indem sie sich beim Einkauf entscheiden und die Ökobauern unterstützen. Nur so kann man Druck ausüben. Es ist aber nicht nur eine Frage des Giftes, sondern auch eine Frage des Umdenkens.“

■ Wer den Gnadenhof von Frau Seydel unterstützen möchte, kann das (gegen eine steuerlich absetzbare Spendenquittung) über das Konto ihres gemeinnützigen Vereins FEBiD e. V. tun (Spende für den Gnadenhof ): FEBiD e.V., IBAN: DE59 1509 1704 0121 8687 09, BIC: GENODEF1PZ1, Volksbank Uckermark