Viele Fragen bleiben offen

DUNKLES KAPITEL Gab es Zwangsarbeiter im Mehringhof? Bis 1979 residierte hier die Schriftgießerei Berthold AG. Heute hat dort die Schule für Erwachsenenbildung ihren Sitz, die in einer Ausstellung das ambivalente Bild des Unternehmens in Nationalsozialismus beleuchtet

„Jeder kennt den Judenstern, aber kaum einer das ,P‘ oder das ‚OST‘, das die Polen und die Ostarbeiter auf ihren Jacken tragen mussten.“ Daniela Walter zeigt auf die Schautafel, auf der die entsprechenden Aufnäher abgebildet sind. „Dabei müssen diese diskriminierenden Kennzeichen auch im Stadtbild sichtbar gewesen sein. 1944 gab es schließlich über 400.000 Zwangsarbeiter in Berlin.“

Die 26-Jährige schüttelt den Kopf. Sie macht gerade ihr Abitur an der Schule für Erwachsenenbildung (SFE e.V.) im Mehringhof nach. Als vor zwei Jahren in einem Tagesspiegel-Artikel über Zwangsarbeiterlager auch das Mehringhof-Gebäude erwähnt wurde, bildeten der Geschichtslehrer Hermann Werle und zwölf Schüler eine Arbeitsgruppe. Anderthalb Jahre gingen die Hobbyhistoriker der Frage nach: Was geschah in unserem Haus? Jetzt führt die Schülerin Daniela Walter stolz durch die Ausstellung, die dabei entstanden ist.

Kaum Dokumente

Das Fabrikgebäude, in dem sich heute der Mehringhof mit zahlreichen alternativen Betrieben und sozialen Projekten befindet, war seit 1869 Sitz der Schriftgießerei H. Berthold. Hier wurden die Lettern für Druckereien im aufstrebenden Berliner Zeitungsviertel, aber auch in vielen anderen Ländern gegossen. Obwohl die Berthold AG in den 20er Jahren zu den weltweit größten Schriftgießereien gehörte, sind kaum Dokumente über das Unternehmen, das 1993 in Konkurs ging erhalten.

„Wir haben viele Anfragen geschickt: ans Bundesarchiv, ans Landesarchiv und an den Internationalen Suchdienst“, erzählt Daniela Walter. Die Schüler durchkämmten Geschäftsberichte der Berthold AG, notierten Umsatzzahlen und sammelten Namen von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern. „Das Papier war teilweise schon so brüchig, dass man es nur noch ganz vorsichtig umblättern konnte“, erzählt Leila A.*, eine Mitschülerin von Daniela Walter.

Die entscheidenden Dokumente kamen vom Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen: zum einen eine Liste über „Lager ausländischer Zivilarbeiter“ des Polizeiamtes Mitte vom 7. August 1943. Demnach waren zu diesem Zeitpunkt sieben Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten bei Berthold beschäftigt. Auf zwei weiteren Listen werden eine belgische und zwei französische Zwangsarbeiterinnen erwähnt.

Sofort machten sich die Schüler daran, die möglichen Zeitzeugen aufzuspüren. Zusammen mit ihrem Französischlehrer schrieben sie Briefe an den französischen Suchdienst und an die alten Adressen aus den 40er Jahren. Doch ohne Erfolg. Selbst zu Nachkommen der möglicherweise verstorbenen ehemaligen Zwangsarbeiter ließ sich kein Kontakt herstellen.

Die Recherche, die mit viel Schwung begonnen hatte, geriet ins Stocken. „Wir hatten uns das leichter vorgestellt“, sagt Leila A. „Wir dachten, wenn ein paar motivierte Leute sich auf die Suche machen, wird man auch was finden.“ Doch weitere Informationen zu den Zwangsarbeitern bei Berthold gab es nicht. So bleiben viele Fragen offen, etwa zu der Unterbringung der Frauen. „Wir haben im Bauarchiv die Grundrisspläne durchsucht, es gab keine Baracken vor dem Haus. Wahrscheinlich standen ihre Pritschen irgendwo im Wohnhaus zur Straße hin“, erklärt Daniela Walter.

Gemeinsam haben sich die beiden Schülerinnen auch mit der zentralen Organisation der Zwangsarbeit beschäftigt: „Verteilung, Unterbringung, Verpflegung, Sexualität – für jeden Bereich war ein anderes Amt zuständig, das die drangsalierenden Regelungen für Zwangsarbeiter ganz genau bestimmte“, erklärt Leila A. „Es gab diese perversen Kategorien, die den Arbeitern je nach Herkunft einen unterschiedlichen Wert zuschrieben. Dementsprechend wurden sie unterschiedlich behandelt. Ich kann bis heute nicht glauben, dass jemand sich so was ausgedacht hat.“

Geschichtswerkstatt half

Eine große Hilfe bei der Recherche war die Berliner Geschichtswerkstatt, wo sogenannte Barfußhistoriker seit über 30 Jahren geschichtliche Forschung außerhalb der Institutionen betreiben. „Dass Hobbyhistoriker Zutritt zu den Archiven haben, das musste hart erkämpft werden“, sagt Gisela Wenzel von der Geschichtswerkstatt. „Vor 30 Jahren wäre das nicht so einfach möglich gewesen.“ Dabei gingen viele der heute bestehenden Gedenktafeln und -orte auf die Arbeit solcher lokalen Initiativen zurück, meint Wenzel und nennt als Beispiel das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Schöneweide.

Die Historikerin Wenzel brachte die Gruppe darauf, ihre Nachforschungen über das Thema Zwangsarbeit auszuweiten. Aus den vielen fragmentarischen Informationen und dem Vergleich zu anderen Schriftgießereien erarbeiteten die Schüler ein umfassenderes Bild der Berthold AG: Das Unternehmen verzichtete in den Kriegsjahren offenbar darauf, Rüstungsgüter herzustellen. Dafür sprechen unter anderem die großen Umsatzeinbußen, die die Berthold AG im Vergleich zu Konkurrenzunternehmen wie der Frankfurter Stempel AG machte, der als Rüstungsbetrieb entsprechend auch mehr Zwangsarbeiter zugeteilt wurden.

Von 1900 bis 1929 hatte die Berthold AG mit Oscar Jolles einen jüdischen Direktor und brachte unter anderem einen Katalog hebräischer Schriften heraus. Bis 1938, als auch die letzten Juden aus den Führungsgremien gedrängt wurden, saßen der jüdische Bankier Bernhard Merzbach und der jüdische Rechtsanwalt Heinz Pinner im Aufsichtsrat. „Darauf sind wir durch Zufall gestoßen, als wir die Verbindungen zum Ullstein-Verlag angeschaut haben“, erinnert sich Geschichtslehrer Werle.

Ambivalentes Bild

Es entsteht das ambivalente Bild eines Unternehmens, das, solange es möglich war, mit der jüdischen Geschäftswelt verbunden blieb. Bei Berthold habe sich möglicherweise eine relativ weltoffene Firmenkultur entwickelt, die eine gewisse Resistenz gegenüber dem Nationalsozialismus hervorbrachte, so das Resümee der Hobbyhistoriker. Was das Unternehmen aber nicht davon abhielt, ab 1942 – wie viele andere auch – Zwangsarbeiter auszubeuten.