Heer, Luftwaffe, Marine – Medien?

„Journalisten immer anfälliger für Propaganda“ – zu diesem Ergebnis kommt eine kritische Medienstudie, in Auftrag gegeben von einer schwedischen Regierungsbehörde. Grundlage war vor allem die Informationspolitik zu Zeiten des Kosovokrieges

Manipuliert von Politikern und Militärs sowie deren Propagandastrategen. Das waren die Medien im Kosovokrieg, einem Informationskrieg, den die Nato gewann und in den sich Presse und Fernsehen in eine „unkritische Kampagne für die Sache der Kosovoalbaner einspannen ließen“. Zu diesem Fazit kommt eine in dieser Woche veröffentlichte Studie („Kampen om det kommunikative rummet“ – „Kampf um den kommunikativen Raum“) des schwedischen „Amts für psychologische Verteidigung“. Eine Regierungsbehörde, die im Falle einer Krisen- oder Kriegssituation die eigene Bevölkerung in der Richtung „beeinflussen“ soll, welche dem Staatsinteresse dient. Die jetzige Kritik an den unkritischen Medien beinhaltet gleichzeitig das Urteil, dass vor allem den USA ihr Propagandakrieg glänzend gelungen ist: „Die Medien der Krieg führenden Länder verwandelten sich von einem kritischen Kontrolleur der Staatsmacht zu einer vierten Waffengattung neben Heer, Luftwaffe und Marine.“

Ausgewertet wurden die größten schwedischen Print- und TV-Medien, die dann zum Teil mit britischen Medien verglichen wurden. In weiten Teilen dürfte die Studie aber auch für Resteuropa repräsentativ sein. Hier vor allem die Handhabung der aus dem Nato-„Media Operations Center“ kommenden Informationen und unkritische Übernahme von als weithin „unzuverlässig“ eingestuften Informationen aus US-Quellen.

„Dominanz der USA“

Die Studie konstatiert eine „Dominanz des US-Weltbilds“, welche „nationale Unterschiede vor allem in den westlichen Medien immer mehr vermindert“. Die JournalistInnen ließen sich von diesem Weltbild beeinflussen. Eine Tendenz zu einer regelrechten freiwilligen Gleichschaltung meinen die skandinavischen ForscherInnen ausgemacht zu haben: „Die Unabhängigkeit und die Integrität der Medien in der westlichen Welt ist in der neuen Weltordnung immer mehr zurückgegangen.“

Den Kosovokrieg sieht die Studie als typisches Beispiel für den „Kampf um die kommunikative Herrschaft“ in dieser neuen Weltordnung des Informationszeitalters an. Er sei geprägt gewesen von psychologischer Kriegsführung und werde daher beispielhaft für künftige Konflikte sein. Irgendwelche Probleme damit, ihre Sicht der Ereignisse in den Äther oder auf die Druckpresse zu bekommen, habe die Nato nicht gehabt: Es galt dem Wunsch von Fernsehen und Radio, „ein 24-Stunden-Programm so einfach und so billig wie möglich zu füllen“, nachzukommen. Die JournalistInnen sollten durch das Pressezentrum so beschäftigt werden, dass sie gar keine Zeit zu eigenen Recherchen hatten. Das Medium Fernsehen „abzufüllen“ hatte absolute Priorität. Zeitungskommentare würden sowieso nur von einer „Elite“ gelesen, und die langsamen Druckmedien seien gezwungen, der von Fernsehen und Radio vorgegebenen Nachrichtengewichtung zu folgen.

Mindestens ebenso wichtig sei es gewesen, die Berichterstattung in den internationalen Nachrichtenagenturen zu lenken. Im Kosovokrieg war das offenbar kein Problem: „Alle großen Nachrichtenorganisationen gaben unkritisch die Nato-Version des Konfliktes wieder, während abweichende Meinungen über die moralischen und rechtlichen Konsequenzen der neuen Rolle der Nato marginalisiert wurden.“ Damit war das Thema für die Bevölkerungen in den einzelnen Ländern „eingerahmt“, aber offenbar auch für die große Mehrheit der JournalistInnen. Auch im neutralen Schweden gelang auf diesem Wege so nahezu ausschließlich die Nato-Sicht der Ereignisse in die Blätter. Die Meinung der UÇK-Guerilla sei unkritisch wiedergegeben worden, Informationen neutraler oder russischer Medien unterschlagen worden. Im Großen und Ganzen sehen die VerfasserInnen der Studie nur einen Unterschied im Vergleich zu Medien im Nato-Land Großbritannien: Das Bildmaterial sei kritischer ausgewählt worden, habe hin und wieder angedeutet, dass der Militäreinsatz möglicherweise eine Kehrseite habe.

Meinungsumfragen zeigen allerdings auch, dass in der Bevölkerung wesentlich ausgeprägtere Bedenken gegen die Legitimität des Nato-Einsatzes vorhanden waren, als die Medien dies widerspiegelten. Und dass diese Bedenken von dem Dauerbeschuss seitens der Nato-Propaganda auch im Wesentlichen unberührt blieben.

Die Tatsache, dass die moralischen Bewertungen in der Bevölkerung wesentlich widerstandsfähiger gegen die Informationskriegsführung waren als die der Medienprofis, formuliert die Studie als „Warnung“ an die PolitikerInnen. Man könne kein Gleichheitszeichen zwischen Nachrichtenfluss und Meinungsbildung setzen, dürfe die Manipulation also nicht übertreiben: „Unser Informationszeitalter ist von einer starken Konzentration der Medienindustrie in wenigen internationalen Medienkonglomeraten gekennzeichnet, einer immer schnelleren Konvergenz zwischen Presse, Äthermedien, digitaler Kommunikation und einer wachsenden Fragmentierung des Medienpublikums. Die traditionellen Medien werden damit immer mehr als Machtelite gesehen.“ Gegen die sich tendenziell nicht nur „NGO, Selbstständigkeitsbewegungen, Lobbygruppen, Aktivisten und Terrorgruppen“ wenden könnten, sondern auch Teile der Bevölkerung, deren Meinungsbild dann schwerer vorauszusehen sei.

Propaganda im Web

In einem Mediensektor gelang es der Nato nach Einschätzung der schwedischen Studie mit ihrem „Informationskrieg“ am wenigsten erfolgreich durchzudringen: im Internet. Offenbar weil es 1999 noch als „neues“ Medium galt, hatte man sich nicht darauf eingestellt. Man habe übersehen, wie Netzwerke, die sich in einem Land bilden, die Mediendebatte in anderen Ländern beeinflussen könnten. Gleichzeitig war man in der täglichen Pressearbeit ständig gezwungen, Informationen, die im Internet verbreitet wurden, zu bestreiten oder richtig zu stellen. Möglicherweise erweist sich damit das Internet – soweit man dessen technische Funktion nicht störe – auch in Zukunft als relativ resistent gegen den Informationskrieg. Denn, so die VerfasserInnen, aufgrund seiner Struktur sei es nicht möglich mit einer einzigen Meinung „durchzukommen“. Versuchen müssten dies die verantwortlichen „Beschlussfasser“ aber durchaus, meint die Studie. Man dürfe das Internet nicht vernachlässigen, weil „eine von Bildung und Einkommen privilegierte Elite“ sich in weitem Umfang des Internets bediene und man diese erreichen müsse.

Von einem Idealbild her, so die Studie, sei der Propagandakrieg der Nato – man sei schlecht vorbereitet gewesen, was sich nicht wiederholen werde – sogar eher eines der schwächeren Kettenglieder der gesamten Kriegsführung gewesen: „Es waren 19 nationale Regierungen, Medien und Medienöffentlichkeiten, auf die man Rücksicht nehmen und sich erst einmal vortasten musste.“ Außerdem habe man gleich anfänglich ernsthafte Zweifel an der eigenen Glaubwürdigkeit geweckt, als man versuchte, leicht nachprüfbare Fakten – Beispiel: Angriff auf einen Flüchtlingstreck – zu leugnen oder zu verharmlosen. Eine Todsünde, wenn man nicht ausschließen könne, dass Medien sich selbst vor Ort ein Bild machen könnten. Es gebe Belege dafür, dass die Nato wiederholt Informationen verfälschte, was ihr dann aber offenbar weitaus besser gelang. Dass diese groben Fehler trotzdem zu keinen grundsätzlichen Zweifeln bei den allermeisten JournalistInnen geführt hätten, was den Wahrheitsgehalt der im Laufe des Krieges immer widerspruchsfreieren Propaganda anging, zeige, welches Potenzial ein noch perfekterer Informationskrieg habe, der aus solchen Missgriffen lerne.