Konflikt in Syrien

Grausames Massaker in at-Trimsa

Die syrische Armee soll mit Artillerie und aus der Luft ein kleines Dorf angegriffen haben. Zufahrtswege waren blockiert, es wird von regelrechtem „Abschlachtungen“ berichtet.

Das Regime sagt, es seien keine schweren Waffen zum Einsatz gekommen. Woher aber stammt dann das Loch im Haus?  Bild: dpa

BERLIN taz | In der Syrischen Provinz Hama, im Dorf at-Trimsa, ist es nach Angaben von Aktivisten und Menschenrechtsgruppen zu dem bislang wahrscheinlich schlimmsten Massaker des mittlerweile 16 Monate lang dauernden Aufstandes gekommen. „Die Regierungstruppen kamen im Morgengrauen und überfielen das Dorf, weil sich zwei Einheiten der Rebellenarmee dort aufhielten“, berichteten zwei Informanten in Syrien, die anonym bleiben wollen, der taz.

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Die staatliche Armee müsse Informationen über die Aufenthaltsorte der Kämpfer der Free Syrian Army (FSA) erhalten und danach beschlossen haben, das 7.000-Einwohner-Dorf den gesamten Donnerstag über mit schwerem Artilleriegeschütz und aus der Luft anzugreifen, berichteten beide Informanten unabhängig voneinander. Die beiden genannten sowie weitere Quellen bestätigten den Einsatz von mit Maschinengewehren bestückten Helikoptern durch die staatlichen Truppen, um die Rebellen und Zivilisten zu töten.

Seit dem Beginn der Attacke am frühen Morgen versuchten Zivilisten zu fliehen. Die Zufahrtswege nach at-Trimsa sollen da aber schon von der staatlichen Shabiha-Miliz und von Bewohnern der umliegenden Dörfer – hauptsächlich Alawiten – blockiert worden sein, so dass es zu „regelrechten Abschlachtungen“ der flüchtenden sunnitischen Einwohner von at-Trimsa gekommen sein soll. Aktivisten berichten von Leichen, von denen viele mit durchgeschnittenen Kehlen oder auch gefesselt und exekutiert gefunden worden seien. Sie seien einfach in die Felder oder in den al-Asi-Fluss geworfen worden.

Syrische Deserteure haben den verbliebenen Soldaten der Regierungstruppen eine Frist bis Ende Juli gesetzt. Wer bis dahin nicht desertiert sei und sich öffentlich der Opposition angeschlossen habe, werde als Verbrecher angesehen und müsse damit rechnen, getötet zu werden, hieß es in einer Erklärung im Namen von Oberst Kassem Saadeddin, die am Freitag auf Websites der Regimegegner veröffentlicht wurde.

 

Von dem Ultimatum ausgenommen seien nur Soldaten, die den Deserteuren heimlich Informationen über die Pläne und Operationen der Regimetruppen zukommen ließen. Niemand solle sich in Sicherheit wähnen: „Die Revolutionäre haben ihre Augen überall.“ Saadeddin hatte bereits mehrfach aus der Provinz Homs Botschaften im Namen der „Freien Syrischen Armee im Inland“ abgesetzt. (dpa)

Ein Mitglied des oppositionellen Syrischen Nationalrats (SNC) in Paris erklärte der taz, dass die Kämpfer der FSA bis zum Nachmittag versuchten, das Städtchen zu verteidigen, sich aber zurückzogen, da es angesichts der Überzahl der regimetreuen Soldaten an Waffen und Männern mangelte.

Propaganda der Nachrichtenagentur

In einem Bericht der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana ist von „großen Verlusten“ in den Reihen der Regimegegner die Rede und von „Maschinengewehren israelischer Bauart“, die angeblich bei den „Terroristen“ gefunden wurden.

Nach Angaben von Regierungsgegnern sollen Soldaten die Ausweise der flüchtenden Dorfbewohner kontrolliert haben. Einige Aktivisten seien dabei verhaftet worden. Mehrere Zivilisten sollen an Ort und Stelle erschossen worden sein. Da unter den mehr als 160 Leichen, die von den Dorfbewohnern am Abend in den Straßen, Häusern und Feldern eingesammelt wurden, etwa 50 der ursprünglich 250 Kämpfer waren, muss es einem Großteil der Rebellen gelungen sein, zu fliehen oder unterzutauchen. Um 20 Uhr soll die Armee aus at-Trimsa abgezogen sein.

Daran, dass viele der Bewohner dieses sunnitischen Dorfes die Revolution unterstützen, gibt es keinen Zweifel. In den vergangenen Monaten hatte es in at-Trimsa mehrfach Anti-Regime-Demonstrationen gegeben. Dafür, dass an dem Massaker vom Donnerstag auch Milizionäre aus umliegenden Dörfern beteiligt waren, die der alawitischen Minderheit angehören – so wie Aktivsten berichten, gibt es dagegen bislang keine stichhaltigen Beweise.

Der SNC-Vorsitzende Abdelbaset Seida appellierte am Freitag vor der Presse in Istanbul an den Weltsicherheitsrat, ein Eingreifen nach Kapitel VII der UN-Charta zu beschließen, um die Zivilisten in Syrien zu schützen. Sollte eine UN-Resolution erneut am Veto Russlands scheitern, müsse die Kontaktgruppe der Freunde Syriens alleine handeln. Die arabischen Staaten rief der SNC auf, Deserteure der Freien Syrischen Armee „mit allem, was sie benötigen“ zu unterstützen.

Unterdessen kam es landesweit zu massiven Protesten gegen das Massaker - unter dem Motto „In Solidarität und Gedenken an die Opfer von Trimsa“. Bis zum späten Freitagnachmittag wurden aus Damaskus und Aleppo mindestens 29 Tote gemeldet.

Annan ist „schockiert“

Der internationale Syrien-Vermittler Kofi Annan hat das Massaker in dem syrischen Dorf Trimsa scharf verurteilt. Er sei „schockiert und entsetzt“ über die hohe Zahl von Toten sowie „die bestätigte Anwendung schwerer Waffen wie Artillerie, Panzer und Helikopter“, erklärte Annan am Freitag in Genf. UN-Beobachter stünden bereit, um die Bluttaten in Trimsa zu untersuchen. „Die Bewegungsfreiheit der Beobachter muss respektiert werden“, forderte Annan.

Die humanitäre Lage in Syrien hat sich nach Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in den vergangenen Wochen erneut deutlich verschlechtert. Mittlerweile seien 1,5 Millionen Zivilisten dringend auf Hilfe angewiesen, teilte das Rote Kreuz am Freitag mit. Vielen Menschen hätten keinen Zugang zu Nahrung und Wasser und die medizinische Versorgung sei in vielen Regionen ein Problem, erklärte DRK-Präsident Rudolf Seiters.

 

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