„Das Strafbedürfnis ist eklatant“

Die Viererbande TKKG unterhält seit Jahrzehnten Kinder und Ex-Kinder mit Teamwork und Kriminalfällen. Drei Bremer Kulturwissenschaftler und Pädagogen haben analysiert, inwieweit bei TKKG Rollenklischees und Rassismus eine Rolle spielen

INTERVIEW ROBERT BEST

taz: Warum hören, lesen und sehen Kinder TKKG?

Annika Freyer: Pure Unterhaltung. Beim Spielen zum Beispiel. Wenn sie es konzentriert hören, dann oft anders als wir, sie achten auf Stimme, Geräusche oder Melodien, spulen vor und zurück und hören viele Stellen mehrmals.

Volker Beeck: Formal und thematisch gibt es vieles, das wiederkehrt, das mag auch eine Rolle spielen. Es beruht vor allem auf Stereotypen.

Frau Freyer, in Ihrer Arbeit behaupten Sie, TKKG sei sexistisch. Warum?

TKKG ist nicht nur sexistisch, aber auch. Gaby, das Mädchen in der Gruppe, darf oft nicht mitmachen bei den Abenteuern, weil es für Mädchen „zu spät“ oder „zu gefährlich“ sei. Dafür umsorgt sie die Jungs mütterlich.

Herr Beeck, Herr Baeck, Sie bezeichnen in Ihrem Aufsatz TKKG als rassistisch. Warum?

Beeck: Das hat sich in den 157 Folgen zwar ein wenig gewandelt, doch die Bösen sind stets schon an äußerlichen Merkmalen erkennbar: Italiener, Hakennase, ausländischer Akzent.

Sie schreiben, „die deutschen Verbrechen im Nationalsozialismus bilden den unausgesprochenen Ausgangspunkt der Moral, welche TKKG zur sozialen Verantwortung verpflichtet“. Weshalb?

Jean-Philipp Baeck: Ein einfaches Beispiel ist die immer wiederkehrende Tierliebe. Die ist gut, die Tierquäler sind böse. Tierschutz wird immer in Verbindung mit „Tiervernichtung“ gebracht. In einer Folge geht es explizit um die „Endlösung der städtischen Taubenfrage“. Gaby sagt, das sei „wie vor 50 Jahren. Es heißt nur noch: Ausrotten“. Hier findet eine Verschiebung statt.

Beeck: Auschwitz wird in TKKG ja auch nicht verschwiegen, sondern zu einem Bezugspunkt deutscher Moral gemacht, integriert in ein neues Nationalbewusstsein.

Baeck: .... ähnlich, wie ihn damals Joschka Fischer zur Rechtfertigung des Angriffs auf Jugoslawien aus der Tasche zog. Der Bezug auf „Vernichtung“ und „Endlösung“ ist der gleiche.

JEAN-PHILIPP BAECK (oben) studiert Kulturwissenschaften und hat mit dem Behindertenpädagogik-Studenten VOLKER BEECK (unten) den Aufsatz „TKKG – ein postnazistischer Jugendkrimi“ geschrieben. ANNIKA FREYER (mitte) hat ihre Examensarbeit über die Geschlechterstereotype bei TKKG verfasst.

Gibt es einen ähnlichen „unausgesprochenen Ausgangspunkt“ in der Sexualmoral?

Beeck: TKKG bedient konservative Geschlechterklischees, was Autor Stefan Wolf in Interviews auch freimütig eingestanden hat. „Wie viele Möglichkeiten“, sagte er, „hat man denn, ein Mädchen zu schildern? Sie ist entweder blond und blauäugig, dunkelhaarig mit braunen Augen oder sie ist eine Rothaarige mit grünen Katzenaugen.“ Und wie die Mädchen, hier Gaby, dienen auch Karl und Klößchen nur dazu, Tims Heldentaten zu bewundern.

Baeck: Diese Selbstbestätigung findet sich auch in den Plots. Hier geht es nicht um Detektion, sondern um Satisfaktion. Aufklärung, wo ein Täter gesucht werden müsste, findet nicht statt. Er steht von vornherein fest und hat lange Haare, raucht, ist ein „Penner“ oder Ausländer.

Mit welchem Interesse haben Sie denn als Kinder TKKG gehört?

Freyer: Zunächst mal hat mir mein Opa mit seinen TKKG-Kassetten-Geschenken die Wahl genommen, mich für „Die Drei Fragezeichen“ zu entscheiden. Ich hab’s aber gern gehört.

Beeck: Ich auch. Aber heute frage ich mich. Wie konnte ich nur? Das meiste ist langweilig bis ekelhaft.

Wie geht es denn Erwachsenen, die heute im Rahmen von Hörspiel-Revivals TKKG hören?

Freyer: Für die ist das ein Stück Kindheit und Geborgenheit. Kann man aber auch gut bei einschlafen.

Aber konstituieren sich Gruppen nicht immer so wie bei TKKG? Durch Rollenverteilung in der Clique und den Ausschluss anderer?

Baeck: Die Figuren sind allesamt überzeichnet, besonders Tim in seiner Rolle als großer und allmächtiger Bruder.

Beeck: Als Identifizierungsangebot ist das armselig. Denn die Sekundanten Gaby, Karl und Klößchen könnten sich ja höchstens wünschen, so jemanden wie Tim an der Seite zu haben, sie fungieren in der Serie doch lediglich als dessen Gefolgschaft.

Freyer: Andererseits denken einige Mädchen vielleicht wirklich das Gleiche und wünschen sich, immer zu Hause zu bleiben.

Ist es aber nicht zu begrüßen, wenn eine Gruppe spielerisch Neuland erforscht und sich – mit Kampfnamen ausgestattet – aufs Terrain der Erwachsenen begibt?

Beeck: Sie begeben sich ja sogar darüber hinaus. Gabys Vater, der Kommissar Glockner, ist ja nicht einfach nur Vorbild. Er sagt angesichts der von Tim zur Strafe aufs Kreuz Gelegten auch: „Wozu brauchen wir noch die Polizei?“ Und die Strafe ist in allen Fällen das einzig Unausweichliche.

Baeck: Das Strafbedürfnis bei TKKG ist eklatant und anti-aufklärerisch. In anderen Hörspielen und Büchern gibt es so was wie Aufdeckung, bei TKKG wird der Missetäter gleich zu Beginn per Stereotyp identifiziert.