„Kein-Castor“-Ticker

Ohne Atommüll im Wendland

Die grüne Bürgermeisterin von Dannenberg ist unzufrieden mit ihrer Partei. Die Tagesbilanz der Polizei im Wendland ist nach ersten Informationen gemischt.

Stiller Protest an der Castorstrecke 2011.  Bild: dpa

20.00 Uhr: Berlin/Hitzacker

Und Tschüß: Genau vor einem Jahr blickte ganz Deutschland ins Wendland, als CastorgegnerInnen einen Atommülltransport so lang aufgehalten hatten wie noch nie. Heute ist die Politik bei der Lösung der Endlagerfrage kaum weiter gekommen. Im Wendland gibt es allerdings mehr als blockierte Schienen, seine unbeugsamen Bewohner sind mehr als einbetonierte Aktivisten.

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In den über 30 Jahren Protest gegen den Castor ist hier ein eigenes Völkchen entstanden, dass nicht nur die „Freie Republik Wendland“ ausgerufen hat, sondern vormacht, wie regionale Identität als alternative Lebensform auch ohne Lederhosen funktioniert. Es ist eine Art Gesellschaftslabor. Das taz-Fazit lautet daher: Wir brauchen unbedingt überall Atommüll. ... Kleiner Scherz. Und vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Der Liveticker sagt Gute Nacht.  Bild: dapd

Es berichteten aus dem Wendland Ingo Arzt und Sebastian Erb, unterstützt in Berlin von Cédric Koch und Daniél Kretschmar.

19.58 Uhr: Hitzacker

Der Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Martin Donat, hauptberuflich Gärtner, genießt in einem Restaurant Wildbraten mit Kollegen. Der Blick auf die Elbe wäre schön, es ist aber zu dunkel. Er fasst nochmals zusammen, was den Atomkraft-Gegnern in der Region auf der Seele brennt

„Das ist alles ziemlich perfide. Momentan gibt es nur deshalb keine Castortransporte, weil die Öffentlichkeit abgelenkt werden soll“, sagt er. Das momentan diskutierte Endlagersuchgesetz ist für ihn ein Endlagerdurchsetzungsgesetz, das lediglich Gorleben als Atomklo legitimieren soll. Ein Gesetz könne man schließlich nicht durch eine Sitzblockade aufhalten.

19.52 Uhr: Irgendwo im Internet

Seit dem vergangenen Wochenende haben die Aktivisten im Wendland einen neuen politischen Unterstützer. Die Piratenpartei hat auf ihrem Bundesparteitag in ihr Wahlprogramm geschrieben, dass sie Gorleben als Endlager ablehnt. Die Piraten sind sogar grundsätzlich gegen Atommüllendlager.

„Die Piratenpartei Deutschland will, dass nuklearer Müll grundsätzlich nur so gelagert wird, dass bei Bedarf eine Rückholung erfolgen kann“, heißt es im Wahlprogramm 2013. Auch im Wendland gibt es einen Piraten. Zumindest sei er der einzige, der hier wohnt, sagt Philipp Horstmann aus Hitzacker, der auch bei den @antiatompiraten aktiv ist. Bei den Protesten kümmert er sich um das Wlan-Netz. Aber er ist gerade nicht im Wendland. Und sein Mobiltelefon ist aus. Deshalb kann er jetzt nicht noch mehr erzählen.

19.27 Uhr: Per Mail – Elke Mundhenk, Bürgermeisterin von Dannenberg

Elke Mundhenk ist seit 2011 die Bürgermeisterin von Dannenberg. Ihre Partei: die Grünen. Und das bringt Probleme mit sich, denn Mundhenk ist schon lange im Wendländer Widerstand, sie ist über die Kirche dazu gekommen. Gerade liegt sie krank im Bett, aber sie hat per Mail einen Zeitungsausschnitt geschickt. „Hiesige Grünen unzufrieden“ heißt die Überschrift.

Die Kreistagsfraktion der Grünen, zu der auch Mundhenk gehört, ist nämlich nicht einverstanden mit dem Parteitagsbeschluss der Grünen. „Nach allen Erfahrungen der vorigen 35 Jahre fehlt uns jegliches Vertrauen in die Lauterkeit und Unvoreingenommenheit der Akteure und in ihren Willen zur Ergebnisoffenheit“, wird Mundhenk zitiert. Die Befürchtung: Es läuft am Ende doch auf Gorleben hinaus, weil die geschaffenen Fakten schließlich mehr ins Gewicht fallen als die geologische Eignung.

19.16 Uhr: brandaktueller Veranstaltungstip aus der Elbe-Jeetzel-Zeitung

Madsen lässt es krachen: Am 21. Dezember geben die vier Rocker aus dem Wendland ihr Weihnachtskonzert in Hitzacker im Verdo.

19.03 Uhr: irgendwo im Wendland

Clara Tempel hat es eilig, sie muss zur Fahrschule, heute ist ihre letzte Theoriestunde. Sie ist noch jung, in zwei Wochen wird sie 17. Trotzdem hat sie schon viel Protest-Erfahrung; sie geht in die 11. Klasse der Waldorfschule, fast alle ihrer Klassenkamaraden engagieren sich gegen Atomkraft.

Schon als Kind war Clara auf Demonstrationen dabei, erzählt sie. Mit 12 das erste Mal beim Castor. Sie hat darüber nachgedacht, ob es das ist, was sie auch selber will und nicht nur ihre Eltern. Ihre Antwort war: ja. Sie machte bei Sitzblockaden mit und organisierte welche im Rahmen von 365x, der Kampagne von X-tausend mal quer, jener Kampagne, bei der auch ihre Mutter mitmacht.

Clara gefällt das Wendland, „es ist einfach wunderwunderschön“. Sie mag die Landschaft und die „netten Leute“, das Gemeinschaftsgefühl durch den Widerstand. Da nimmt sie es gerne in Kauf, dass es ein Stück weiter ist, wenn sie mal auf ein Konzert will. Madsen hört sie gern oder Tomte. Bald wird alles einfacher, ein paar Praxisfahrstunden fehlen noch, die Prüfung, dann hat sie ihren Führerschein. Die Fortbewegung übers Land wird so ein bisschen einfacher werden.

18.56 Uhr: Berlin – Erinnerungen

Zu den All-Time-Favourites der Mobilisierungsvideos für die Gorlebenproteste gehört jenes von „Atomkraft wegbassen“, wo Angela Merkel zur Aufrührerin wird.

18.40 Uhr: Am Telefon – Thorben Becker vom BUND

Manche Anti-Atom-Aktivisten werden sogar nostalgisch angesichts des „Kein-Castor“-Livetickers: „Ich wäre heute auch gerne ins Wendland gefahren, um dort etwas Schlimmes zu verhindern“, sagt Thorben Becker, Energiereferent für die Naturschutzorganisation BUND. Trotzdem findet er es positiv, dass das Atommüll-Zwischenlager dieses Jahr nicht weiter anwächst.

Abseits von Protestnostalgie ist der Baustopp im möglichen Endlager Gorleben auch für ihn eine „positive Entwicklung“. Er fordert jedoch einen Ausschluss des Salzstocks bei der Suche nach einer endgültigen Lagerungsstätte für Atommüll – im Gegensatz zur Entscheidung des Grünen-Parteitags vom vorletzten Wochenende. „Da darf man nicht von abrücken“, sagt Becker.

Würde das Wendland weiter in Betracht kommen, würde es seiner Meinung nach „wahrscheinlich ausgewählt werden, aus Kostengründen und weil kein anderer Standort seine Bevölkerung von einem Atommüll-Endlager überzeugen will“. In die Erkundung des Salzstocks sind bisher bereits schätzungsweise 1,4 Milliarden Euro geflossen.

18.33 Uhr: Berlin

Auch die Räume der taz leeren sich. Der Online-CvD hat seine Punk- und Metal-Playlist angeworfen. Die unvermeidlichen Sambagruppen im protestierenden Wendland wären jetzt eine ganz willkommene Alternative.

18.24 Uhr: Elbufer in Hitzacker

Es ist dunkel. Vor dem Rewe schiebt ein älterer Herr seinen Rollator durch den Abend. Sonst keine Vorkommnisse. Gar keine.

18.21 Uhr: Am Telefon – Polizeidirektion Lüneburg

Die Bilanz der Polizei ist am Abend eines langen Tages gemischt. „Ruhig ist immer relativ“, sagt Kai Richter, Sprecher der für das Wendland zuständigen Polizeidirektion Lüneburg. Es habe mehrere hundert Einsätze im Zuge des Ermittlungsschwerpunktes Einbruchskriminalität gegeben. Dafür sei ohne Castor-Transport nun mehr Zeit.

18.11 Uhr: Metzingen

Kurz vor dem Ortseingang liegen drei gelbe Fässer mit Atomwarnzeichen am Straßenrand. Sie strahlen im Dunkeln nicht.

17.54 Uhr: Pretzetze

Kerstin Rudek ist im Wendland aufgewachsen, sie war nie weg, „Ich bin Eingeborene“, sagt sie. Sie lebt sehr gerne hier, jede zweite Woche mit zwei ihrer Kinder, die anderen sind schon aus dem Haus, und drei bis fünf Katzen und einem Hund.

Nur eines gefällt der 44-Jährigen nicht. Wenn sie aus der Türe geht, und es ist dunkel ist, leuchtet der Himmel orange. „Das ist der einzige Makel hier“, sagt sie, „Das ist das Zwischenlager“. Drei Kilometer Luftlinie entfernt. Sie habe recht konservative Eltern gehabt, die sich früher nicht für Gorleben interessant haben, erzählt Kerstin Rudek. Sie zog alleine los und bei ihrer ersten Aktion geriet sie gleich in Konflikt mit der Polizei.

„Ich habe von Anfang an mitbekommen, dass wir es nicht nur mit Atomkraft zu tun haben, sondern auch mit polizeistaatlichen Methoden.“ Seitdem ist sie aktiv. Die vergangenen fünf Jahre bis April dieses Jahres war sie Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, ein Vollzeitjob, ehrenamtlich. „Mein Engagement ist nur möglich, weil meine Familie mitmacht.“ Es ist ein Herzensanliegen.

Sie spornt an, dass sie immer wieder Dinge hört, die ihr Angst machen. Ende September war sie auf dem Endlagersymposium der Aachen Institute for Nuclear Training. 999,60 Euro Teilnahmebeitrag. Ihr Eindruck: „Da glaubt niemand an den Atomausstieg.“ Im Prinzip sei es ein Gorleben-Symposium gewesen, es würden Strategien entwickelt, wie Gorleben als Endlager durchgesetzt wird.

Sie fordert: „Die Atomkraftwerke sofort abschalten, alle Atommülltransporte stoppen. Wenn die Badewanne überläuft, dreht man erstmal den Hahn ab. ... Die können sich nicht hinstellen und sagen, es gibt die und die Erkenntnisse.“ Rudek erinnert an Tschernobyl und Fukushima: „Es ist nicht sicher.“ Das gelte im Übrigen auch für Flugzeugabstürze. Und noch etwas ist ihr wichtig: An den Alternativen arbeiten: erneuerbare Energie, Wärme, Mobilität. Der kommunale Energieversorger bekam vor Kurzem den 1000. Kunden. Das freut sie. Wohin soll der Atommüll, wenn nicht nach Gorleben?

„Man muss einen geeigneten Ort finden“, sagt sie. Sie weiß, dass es sehr schwierig wird, den bestmöglichen Standort zu ermitteln und zuammen mit der Bevölkerung umzusetzen. Im Moment drücke der Schuh mehr bei der Asse. „Die Politik muss dafür sorgen, dass dort der Müll herausgeholt wird.“ Und dann eine ausführliche wissenschaftliche Aufarbeitung.

Kerstin Rudek, hier noch als Sprecherin der BI Lüchow-Dannenberg.  Bild: dpa

Rudek hat eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und Homöopathin gemacht. Aber arbeiten will sie in diesem Beruf erstmal nicht. „Ich habe mir überlegt, wo kann ich mein ganzes Wissen anwenden?“ Sie will jetzt in die Politik. Sie ist jetzt Kandidatin für den niedersächsichen Landtag, Listenplatz 7, wenn es die Linkspartei in den Landtag schafft, ist sie drin. Rudek ist zuversichtlich, dass es klappt. „Gorleben ist unser Alleinstellungsmerkmal.“ Dann sei aber Schluss mit Blabla. Sie kenne sich schließlich aus. „Da wird es viel zu reden geben.“

17.46 Uhr: Dannenberg

In einem Schuhgeschäft ein Kurzinterview mit einer Verkäuferin über Sinn und Unsinn eines atomaren Zwischenlagers. Fazit: „Irgendwo muss man den Atommüll doch artgerecht lagern.“

17.39 Uhr: Am Telefon – Stefan Wenzel, Landtagsfraktion der niedersächsischen Grünen

Obwohl die niedersächsischen Grünen beim Parteitag in Hannover vorletztes Wochenende beschlossen haben, den Salzstock zunächst als Endlager im Rennen zu lassen, sieht der grüne Spitzenkandidat Stefan Wenzel darin keinen Kurswechsel: „Wir haben festgestellt, dass Gorleben als Endlager geologisch ungeeignet und politisch verbrannt ist“, sagte er taz.de.

Die Grünen hatten entschieden, Gorleben in den zwischenparteilichen Verhandlungen nicht von vorneherein als finalen Atommüll-Friedhof auszuschließen. Laut Wenzel bedeutet dies jedoch trotzdem, dass Gorleben als Option ausfalle: „Der Beschluss wirkt wie ein Junktim: Wir werden einem Gesetz nur zustimmen, wenn sicher ist, dass ungeeignete Standorte wie Gorleben endgültig ausscheiden“.

Übrigens wird durch die diesjährige Castorfreiheit im Wendland auch für Wenzel ein fester Termin im Kalender frei. „Ich bin wenn ich mich richtig erinnere bei jedem Castortransport zu Protestaktionen gegangen“, sagte der gebürtige Däne, der bei der Landtagswahl für den Wahlkreis Göttingen antritt.

17.20 Uhr: Metzingen

Kein Karneval: Peter-Wilhelm Timmes Hund Leo ist ein großes, schwarzes, treuherziges Tier und wahrscheinlich das einzige seiner Art, das schon Mal einen Castor geschottert hat. Schottern machen sonst nur Menschen, wenn sie den Kies aus dem Gleisbett entfernen, um einen Castor aufzuhalten. Leo schottert auch, erzählt Timme, zumindest ist er mal im Fernsehen gewesen, als er während eines Atommülltransportes inmitten des Protestchaoses den Schotter aus dem Gleisbett gescharrt hat.

So sah's aus im Protestcamp in Metzingen: Die Vokü macht Nudeln.  Bild: dpa

Timme ist Landwirt, hat schon mindestens 10 Mal, so genau weiß er es auch nicht mehr, Protestcamps auf seinem Hof beherbergt und ist heilfroh, diesen Stress in diesem Jahr nicht zu haben. „Das ist ja kein Karneval, wir machen das, weil wir ein Ziel haben, wir wollen hier keinen Atommüll“, sagt er.

Timme ist ein gemütlicher Landwirt Mitte 50, hat drei Kinder, baut zum Beispiel Rüben oder Mais an. Timme ist auch ein widerborstiger Castorgegner, die Anzeigen gegen ihn füllen ganze Ordner, er hat bisher alle Prozesse gewonnen. Die Töchter betonieren sich schon mal auf der Strecke ein, um den Transport aufzuhalten. Was er von aktuelle Debatte um eine bundesweite Endlagersuche hält? „Ich fürchte, die machen am Ende hier in Gorleben einfach weiter“, sagt er.

17.06 Uhr: Berlin – Zwischenstand

Eine neue Erfahrung: Ohne Sorge die Ortsnamen aus dem Wendland am Telefon zu hören. Hitzacker, Laase, Metzingen, der Hof von Peter-Wilhelm Timme...

Ein falsches Foto mussten wir im Ticker bislang rausnehmen, und das Kreuz ist ein X, danke.

16.49: Dannenberg, KdW

Das KdW liegt gegenüber der Polizeiwache, gleich am Marktplatz. Das „Kaufhaus des Wendlands“ gibt es jetzt im sechsten Jahr. Die Produktpalette ist groß, von Wein, Honig über Kunsthandwerk aus Holz bis zu Klamotten. Und den „X-Bier-Senf“ – davon wird ein Euro pro Glas an den Widerstand in Gorleben gespendet. Und auch Postkarten mit Szenen des Protests.

26 Kunsthandwerker und Künstler aus dem Wendland betreiben den Laden zusammen, so muss jeder nur zweimal im Monat an der Kasse stehen. Gerade ist es Kerstin Rüter, 41, sie kam 1998 ins Wendland. Früher war sie Tierärztin, bekam ein Burn-out, war eine Weile in Neuseeland und Australien. Heute macht sie in „Karten und Batik“. Alle seien sie gegen den Castor, gegen das Endlager, sagt sie. „Hier muss man Stellung beziehen.“

Eine junge Frau kommt herein, sie hat eine Einladung mitgebracht zur Eröffnung des „Bahnhofs Dannenberg Ost“. Der lag lange brach, jetzt wird dort eine Begegnungsstätte eröffnet, initiiert von der Diakonie. Motto: „Mehr als ein Bahnhof.“ Und: „Wir eröffnen neue Räume.“ Sie brauchen noch Preise für die Tombola.

16.31: Am Telefon – Christoph Bautz von campact

Langjährige Anti-Atom-Aktivisten sind auch im Castor-freien Jahr 2012 nicht tatenlos, vor allem die Endlagersuche und das Schicksal Gorlebens bleibt ein dringendes Anliegen. „Jetzt ist der Zeitpunkt, um in den Startlöchern zu stehen für die Endlager-Entscheidungen“, sagt Christoph Bautz, Geschäftsführer der Kampagnen-Spezialisten von campact. Solange das eigentliche Ziel der Transporte, das geplante Endlager in Gorleben, nicht vom Tisch sei, werde seine Organisation „natürlich weiter Druck machen“.

Auch für ihn ist der kürzlich erfolgte Erkundungsstopp im Salzstock „ein großer Erfolg“, aber es gehe vielmehr darum, den gesamten Suchprozess transparenter zu gestalten.

Die Kacke ist am sprichwörtlichen Dampfen – und zwar zehntausende Jahre.  Bild: dpa

„Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Debatte bei der Endlagersuche“, sagt Bautz und fordert eine größere Einbeziehung der Bevölkerung. Ansonsten führe dies nur dazu, dass derselbe Widerstand wie im Wendland bald zum Beispiel von Menschen in Baden-Württemberg oder Bayern kommen werde. Der gegenwärtigen Politik hält er dieses Versäumnis vor: „Wir brauchen nicht nur einen Parteienkonsens, wie ihn Altmaier aber auch die Grünen und Sigmar Gabriel fordern, sondern einen gesellschaftlichen Konsens“, sagt Bautz.

16.18 Uhr: Kolborn

Protest als Jungbrunnen: Die Grande Dame des Wendländer Widerstandes, Marianne Fritzen, hat den Geist einer 35-Jährigen, aber leider den Körper einer 89-Jährigen. Das sagt sie über sich, in ihrem über und über mit Büchern vollgestopften Haus.

Seit 1973 hat sie unzählige Male demonstriert, gegen Atomkraftwerke an der Elbe, gegen Wiederaufbereitungsanlagen, gegen das Zwischenlager, gegen das Endlager. „Das waren noch Zeiten, als wir wie die Wilden durch den Wald gelaufen sind“, sagt sie. Heute nimmt sie einen Stuhl zum Protestieren mit. Fritzen weiß, worüber gerade diskutiert wird, um das Endlagersuchgesetz und sie hält nicht viel davon.

„Die wollen jetzt die Bevölkerung mitnehmen und beteiligen. Bitte, wie soll das gehen? Wie will ich die Bevölkerung mitnehmen, wenn ich ein Endlager für Atommüll suche?“, fragt sie und hämmert fast mit den Fäusten auf den Tisch. Dann zeigt sie noch ein Familienfoto: fünf Kinder, dazu zwei angeheiratete, ein Haufen Enkel. Die schreiben sich alle auf Facebook, davon hält sie aber nichts. „Wenn einer was will, soll er eine Mail schreiben.“ Dann entschuldigt sie sich. Sie muss heute noch nach Hamburg weiter.

16.06 Uhr: Gorleben, Betreibergesellschaft

Jürgen Auer ist ein ruhiger Typ mit grauem Vollbart, er trägt ein gemütliches Jacket über seinem Pullover. Er ist der langjährige Pressesprecher der Gesellschaft GNS, die das Zwischenlager in Gorleben betreibt, getragen von den vier großen Stromkonzernen.

Im Prinzip hätten sie sowas wie ein Parkhaus, sagt Auer, sie vermieten Stellplätze. Stellplätze für Castor- und andere Atommüllbehälter, 113 sind es momentan. Der nächste komme nicht vor 2014, vielleicht auch erst 2015, aus Sellafield in England. Auer meint, es sei sicher. Wobei er sich gegen den Begriff „absolut sicher“ wehrt. Er sagt es gebe nur zwei Möglichkeiten: sicher oder unsicher. Auch ein Flugzeugabsturz hielten sie aus, das müssten sie ja auch schon beim Transport. Egal welche Flugzeuggröße, das sei getestet worden.

Jürgen Auer, hier 1998 im Informationshaus der Betreibergesellschaft, das von Atomkraftgegnern vandalisiert wurde.  Bild: dpa

Im Schnitt kommt eine Gruppe am Tag, um sich über das Zwischenlager zu informieren, erzählt Auer. Auch aus dem Ausland, gerade haben sich Chinesen angekündigt. Fachbesucher zumeist und Kommunalpolitiker. Manchmal kommen auch Atomkraftkritiker, aber einen Konflikt habe er mit diesen nicht. "Wir haben keinen Auftrag irgendjemanden zu überzeugen. Wir informieren nur, was wir machen." Eine Meinung müsse sich jeder selber bilden.

Zur Endlagerfrage will er erst nicht viel sagen, denn da sei seine Firma schließlich nicht zuständig, sondern der Bund. Dann erzählt er doch einiges. Er berichtet von einem Papier, in dem stand, dass 92 ein Endlager eröffnet werde. „Ich bin zuversichtlich, dass das klappt“, sagt Auer und freut sich über seinen eigenen Witz, dessen Pointe er gleich ausspricht: 2092.

15.34 Uhr: Gorleben

Ein paar hundert Meter hinter dem Zaun ist der Salzstock Gorleben, das Erkundungsbergwerk; hier entsteht möglicherweise das Atommüll-Endlager. Der Wachmann in der neongelben Jacke fragt den taz-Reporter, wer man sei und was man wolle. „Castor“, sagt er dann, „den gibt's so bald nicht.“

Das ist genau der Grund, warum Katja Tempel im vergangenen Jahr oft hier war. Sie zeigt auf die schmale Straße vor dem Tor. „Mit drei Leuten kann man das schon blockieren.“ Mit 18 Leuten kann man das gesamte Gelände dichtmachen, denn sechs Tore gibt es insgesamt.

Katja Tempel ist Sprecherin von X-tausendmal quer. Als absehbar war, dass erstmal keine Castortransporte kommen, legten sie den Fokus mit der Kampagne auf das potentielle Endlager. Mehr als 120 Blockaden haben sie von August 2011 bis August 2012 unter dem Namen 365X gemacht, nicht immer allein, es kamen auch Gruppen von außerhalb. Manchmal wurden sie nach zwei Stunden von der Polizei weggetragen, manchmal nach sechs.

Sie haben die Aktion verlängert und vor Kurzem ausgesetzt. Denn die Erkundungsarbeiten wurden vorläufig gestoppt. Anwohner hatten dagegen geklagt, dass der Rahmenbetriebsplan bis Ende des Jahres verlängert wird. Die Klage wird erst im kommenden Jahr verhandelt.

Katja Tempel, hier 1997 unmittelbar vor dem Antritt von 10 Tagen Haft, weil sie sich schon damals weigerte, Bußgelder zu zahlen.  Bild: dpa

Katja Tempel ist Hebamme, sie kam vor 25 Jahren ins Wendland, wegen des Widerstands. Dass es eine sichere Endlagerstätte gibt, daran glaubt sie nicht. Aber Gorleben sei aus vielen Gründen überhaupt nicht geeignet. Wegen der geologischen Beschaffenheit, aber auch wegen des politischen Widerstands.

Gegen Tempel und MitstreiterInnen läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Aber das lächelt sie weg. Vor Kurzem stand sie vor Gericht, weil sie vor dem Eingang zum Erkundungsbergwerk ein Zelt aufgebaut hatte und das Bußgeld nicht bezahlen wollte. Das Verfahren wurde eingestellt. Katja Tempel merkt noch an: Die gelben Kreuze, die in diesem Live-Ticker mehrfach auftauchen, heißen nicht die Kreuze, sondern "X"e. Sie entstanden als man vor dem ersten Castortransport nur wusste, dass er am Tag X kommt.

15.22 Uhr: Hintergrund Atommüll VI

Wie ist Gorleben überhaupt zum geplanten Atommüllendlager geworden? Nicht erst seit Greenpeace 2010 tausende Akten öffentlich machte, wird die offizielle Version der Findung immer mehr in Frage gestellt. Nicht vorurteilsfreie Untersuchung, sondern ökonomisches und politisches Kalkül der niedersächsischen Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU) machten den Salzstock zum möglichen Endlager.

15.07 Uhr: Gorleben

Ein doppeltes Tor schützt wie immer die Zufahrt zum Zwischenlager Gorleben, zwei Zäune sichern es, inklusive Wachpersonal, Videoüberwachung, Stacheldraht. 131 Castoren lagern dahinter, bis irgendwann mal irgendwo ein Endlager für deutschen Atommüll gefunden ist. Übrigens: Eltern haften für ihre Kinder. So steht es am Eingangstor geschrieben.

Kein Zutritt für Betriebsfremde und Eltern haften für ihre Kinder: Atommüllbehälter in Gorleben.  Bild: dpa

14.55 Uhr: Berlin

Im taz-Café gibt es heute Nudeln mit Gemüsebolognese. Ein Essen wie aus der Vokü im Protestcamp in Hitzacker.

14.37 Uhr: Gorleben

Das Zwischenlager informiert: Das Informationshaus der Betreibergesellschaft des Zwischenlagers ist ein altes Fachwerkhaus. Früher war hier die Schule. Heute ist eine 32-köpfige Gruppe aus Bad Bevensen in der Lüneburger Heide zu Besuch. Eine Selbshilfegruppe von Menschen, die einen Schlaganfallpatienten und ihre Angehörigen.

Ein Schnittmodell des Castors im Informationshaus der Betreibergesellschaft GNS.  Bild: dpa

Gorleben sei ja jetzt wieder „im Gespräch in der großen Politik“, sagt Walter Kerner, der den Ausflug organisiert hat. Da wolle man sich informieren. Jürgen Auer, Pressesprecher der Betreibergesellschaft GNS begrüßt die Gruppe. Er zeigt auf ein Metallmodell, dass neben der Treppe aufgestellt ist. „Das ist ein Brennelement in Originalgröße“, sagt er.

14.25 Uhr: Dannenberg

Kurt Herzog, der Landtagsabgeordnete der Linkspartei, bereitet sich auf die Plenumssitzung kommende Woche vor, die letzte vor der Landtagswahl. Gorleben wird auf der Tagesordnung stehen. Die Linkspartei bringt einen Antrag ein, den sie bereits 2008 formuliert hat, darauf ist Herzog stolz. Sie seien – im Gegensatz zu Schwarz-Gelb – eben keine „Atomwendehälse“.

Für Herzog ist klar: „Man muss bei der Suche nach einem Atommüllendlager ganz neu beginnen“, sagt er, „bei Null“. Man müsse eine oberflächennahe Lagerung prüfen, fest verbunkert, möglicherweise dezentral. „Ich kann verstehen, dass die Leute vor ihrer Haustüre kein Atommülllager wollen.“

14.01 Uhr: Hintergrund Atommüll V

Während Regierung und Opposition in der Endlagerfrage aufeinander zugehen, lehnen Umweltschutzorganisationen Gorleben als potentiellen Standort weiterhin kategorisch ab. Für die Suche nach einem Endlagerstandort hält zum Beispiel Greenpeace es für unerlässlich, die Vorgänge um Gorleben restlos aufzuklären und den Salzstock ein für allemal von der Liste potentieller Lagerstätten zu streichen.

Kann in diesem Jahr irgendwo drinnen sitzen: Ein Kind mit Antiatomkreuz auf wendländischen Schienen.  Bild: dpa

13.47 Uhr: Apropos Frankfurter Rundschau

Im vergangenen Jahr hat die FR Graf Andreas von Bernstorff besucht, dem ein Teil des Gorlebener Salzstocks gehört – und der gegen das Atommülllager aktiv ist.

13.42 Uhr: Frankfurt am Main

Die KollegInnen bei der Frankfurter Rundschau fragen nach mehr Gummibärchen. Sie hätten bereits alle aus dem Care-Paket verputzt. Also, wir haben noch welche von Euren, die Ihr uns damals geschickt habt. ;-)

13.30 Uhr: Dannenberg

Ein Polizist in Uniform eilt an der Kirche vorbei, in der Hand einen bunten Rucksack. „Es ist schon gut, dass es in diesem Jahr keinen Castor gibt“, sagt er. Wenn man dann Dienst hat, ist es sehr stressig, sei es an der Strecke oder auf dem Revier. Wochenlang Stress. „Und in der Freizeit kommt man nirgendwo hin.“ Dann muss der Polizist weiter zum Polizeirevier, seine Schicht beginnt. Davor steht ein Polizeiauto mit Lüneburger Kennzeichen. Warum, ist unklar.

13.19 Uhr: Am Telefon – Stefan Voelkel, Safthersteller

Auch die Wirtschaft im Wendland ist durch Erinnerungen an die Proteste und Blockaden gegen den Atommüll geprägt. „Ich bin als Kind damit aufgewachsen und war mit meinen Eltern jedes Mal mit dabei“, sagt Stefan Voelkel, Geschäftsführer einer Saftfirma aus der Region. Er ist sich nicht sicher, ob man die diesjährige Abwesenheit der Transporte als Protest-Erfolg werten könne.

Allerdings zeige laut Voelkel etwa der Erkundungsstopp im Salzstock Gorleben, den Anwohnerklagen durchgesetzt hatten, dass es sich lohne zu kämpfen: „Man muss am Ball bleiben und weiter Druck machen“. Auf die Frage hin, ob er ebenfalls bereits einmal bei einer Sitzblockade weggetragen wurde, antwortet Voelkel wie selbstverständlich: „Natürlich, das gehört doch schließlich dazu“.

Werbung für das Wendland – auch ohne Großproteste und Blockaden – fällt ihm nicht schwer, die Region habe auch so sehr viel zu bieten: „Das Wendland ist ja eine wahre kulturelle Schönheit“, sagt Voelkel. Bestes Beispiel für ihn: Die kulturelle Landpartie, die jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten im Landkreis Lüchow-Dannenberg stattfindet. Das Wendland sei nun mal eine „wunderschöne Region mit hochinteressanten Menschen“, sagt Voelkel, Castortransport hin oder her.

13.04 Uhr: Lüchow, Bioladen

Neben dem Weltgeist und dem Geist des Kapitalismus gibt es den Wendländer Geist. Deshalb hat sich Elisabeth Frisch hier eine Scheune ausgebaut und ist im März hergezogen, nachdem sie jahrelang immer wieder demonstrieren war. „Wir lieben den kritischen Geist, der über der Gegend schwebt“, sagt sie in einem Bioladen mit allerlei regionalem Gemüse. Das Wendland hat mittlerweile Menschen aus ganz Deutschland angelockt. Künstler, Kreative, Aussteiger, Unternehmer. „Vielleicht ist das hier eine Keimzelle innerhalb Deutschlands, die zeigt, es geht auch anders“, sagt Frisch.

Salz für Gorleben.  Bild: taz

Was es auch gibt im Bioladen: „Salz für Gorleben“, das aber nicht aus dem Salzstock Gorleben ist, weil da vielleicht Atommüll rein soll. Woher das Salz stammt, steht nicht drauf.

12.56 Uhr: Dannenberg

Vor der Kirche parken zwei Autos. Beide haben Aufkleber auf ihren Hecktüren kleben. „Genfood? Nein Danke“, der berühmte Spruch von dem letzten Baum, dem vergifteten Fluss und dem Geld, dass man nicht essen kann. Und natürlich: „Stopp Castor! Stopp Atomkraft!“ und „Castor blockieren“.

12.50 Uhr: Rathaus Gartow

Der Bürgermeister der Samtgemeinde Gartow ist alles andere als ein Castorgegner. „Im Wahlkampf habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich dem Zwischenlager positiv gegenüberstehe“, sagt der 58-jährige Friedrich-Wilhelm Schröder in seinem Amtszimmer im Rathaus von Gartow, das wie fast alle Häuser im Wendland in niedlichem Fachwerkklinker-Stil errichtet wurde.

Gorleben, das Zwischenlager für die Castoren und das Erkundungsberkwerk als potentielles Endlager liegen auf der Gemarkung seiner Gemeinde. Der CDU-Politiker Schröder ist 2001 und 2006 mit satter Mehrheit gewählt worden. Ist Gorleben als Endlager geeignet? „Das würde ich nicht sagen, es gibt ja keine abschließende Erkundung“, sagt er. Ausschließen würde er den Standort aber nicht, auf einer bundesweiten Suche nach dem besten Standort für den Atommüll.

Darin unterscheidet er sich von den Castor-Gegnern. Beim Verlassen des Rathauses fällt auf, dass Säcke mit zerkleinerten Akten im Gang liegen. Verfassungsschutz? „Klar, die bringen die zum Schreddern vorbei“, scherzt Schröder und verabschiedet sich zum Mittagessen.

12.35 Uhr: Berlin – Erinnerungen

Bei der Videosuche auf diese NDR-Doku aus dem Jahr 2008 gestoßen. Die Bilder geben einen ganz guten Eindruck der Proteste und der Polizeiarbeit im Wendland wieder.

12.23 Uhr: Marktplatz Dannenberg

Zwei Polizeiautos stehen am Dannenberger Marktplatz. Die Besatzungen sind nirgendwo zu sehen.

12.10 Uhr: Hintergrund Atommüll IV

Durch einen Beschluss der Grünen ist ein Kompromiss etwas wahrscheinlicher geworden. Auf ihrem Parteitag am vorvergangenen Wochenende entschied die Partei, dass sie Gorleben nicht kategorisch als mögliche Endlagerstätte ausschließt. Auch wenn die Grünen eigentlich kein Endlager in Gorleben wollen und seit Jahren dagegen kämpfen. Erstmal soll es nun aber der Liste potentieller Lagerstätten bleiben.

Die SPD, die sich auf Bundesebene weiter für eine Erkundung des Salzstockes in Gorleben einsetzt, bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen: Stephan Weil, Spitzenkandidat der Genossen für die Landtagswahl, hat sich klar dagegen positioniert.

11.59 Uhr: Dannenberg, Café Sprechzimmer

Ein Ort für den Wohlfühl-Widerstand: Im Café Sprechzimmer gibt es Cappuccino und Mandel-Heidelbeer-Kuchen. Möglichst viel ist bio. Heike Lenze hängt gerade Christbaumkugeln auf. Zusammen mit Ursula Geiger hat sie das Café vor sechseinhalb Jahren eröffnet. Sie kamen aus Hamburg, es zog sie aufs Land.

Ein buntes Publikum kommt ins Café, alte, junge, die meisten sind irgendwie grün und links. „Es ist ein sehr offener Ort“, sagt Lenze. Ein Treffpunkt für die Castorgegener. Aber mehr als das. Ein Atelier, ein Laden. Es gibt Notizbücher, Geschirr, Filztaschen. Wichtig ist den beiden, dass die Produkte unter fairen Bedingungen hergestellt worden sind. Es gibt nur eine Ausnahme: Der Angela-Merkel-Kopf als Zitronenpresse aus Plastik. Die haben sie eigentlich aus dem Programm genommen, zwei Jahre hielten sie es durch – dann gaben sie den vielen Kundenwünschen nach.

Angela Merkel als Zitronenpresse im Café Sprechzimmer.  Bild: taz

Wenn der Castor kommt, gibt es im Café Soli-Essen. Aber alle seien froh, dass in diesem Jahr kein Atommüll rollt, sagen die beiden. Kein „Belagerungszustand durch die Bullen“. Alle seien so politisiert, dass es trotzdem nicht langweilig wird. In ihrem Café, da machen sie auch Veranstaltungen gegen rechts.

11.42 Uhr: Dannenberg

Joachim Noack, blauer Pullover, Mütze, kommt gerade aus seinem Geschäft, zur Begrüßung zieht er die Arbeitshandschuhe aus. „Wendawatt“ heißt seine Firma, er ist einer der deutschen Solarpioniere. Der 65-Jährige ist hier aufgewachsen, zog dann weg, kam aber bald wieder. Arbeitete erst als Frisör, dann wurde er Kneipier. Seine Gaststätte sollte zu einem Treffpunkt der Castorgegener werden.

Ihm war wichtig, an Alternativen zur Atomkraft zu arbeiten – und so baute er sich Solarzellen aufs Dach der Gaststätte. Das war Ende der 70er Jahre. Er produzierte mehr Strom als er verbrauchte und strafte jene lügen, die sagten, Solarenergie sei allenfalls eine Spielerei. Mit einigen Mitstreitern begann er weitere Solaranlagen zu installieren. Auf Infozettel schrieben sie damals: „Wussten Sie, dass Solarkraftwerke zwar Energie, aber keine Schadstoffe, Schwermetalle, radioaktive Abfälle etc. erzeugen?“

Bei den Protesten und Blockaden war Noack natürlich auch immer dabei. Er fühlt sich bestätigt, weil es inzwischen völlig normal ist, mit Solarzellen Strom zu erzeugen und fragt, warum dass so lange gedauert hat. Den Fokus seines Geschäfts hat er etwas neu ausgerichtet: Er verkauft jetzt vor allem Holzpelletsheizungen und -öfen. Die Technik der Kraft-Wärme-Kopplung kennt er schon lange, die hat er damals in seiner Gaststätte bereits angewandt.

11.25 Uhr: Dannenberg – Wahlkreisbüro der Linkspartei

Das Wahlkreisbüro der Linkspartei, schräg gegenüber der Kirche. „Atomkraft-Nein-Danke“-Tassen im Schaufenster, eine Flagge mit Friedenstaube an der Wand. Kurt Herzog hat einen kleinen Button an seiner Outdoor-Jacke: Ein weißes X auf blauem Grund. Er ist gegen den Castor, schon immer. Seit 30 Jahren wohnt er im Haus seiner Großmutter, direkt an der Castorstrecke. Herzog war Ingenieur bei Siemens, bis er den Job nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Dann betrieb er hier einen Naturkostladen – und wurde Politiker.

Kurt Herzog im niedersächsischen Landtag.  Bild: dpa

Er war bei den Grünen und trat 2000, wie die gesamte Kreistagsfraktion, aus der Partei aus. Grund war der Atomkonsens. Herzog sitzt jetzt für die Linkspartei im niedersächsischen Landtag, er ist umweltpolitischer Sprecher seiner Fraktion und wühlte sich im Asse-Untersuchungsausschuss durch rund eine Million Seiten Akten. Für Herzog ist klar: Gorleben ist allein schon wegen der geologischen Gegebenheiten völlig ungeeignet als Endlager. Das sei schon seit Anfang der 80er Jahre klar.

11.05 Uhr: Am Telefon – Jochen Stay von .ausgestrahlt

Für Jochen Stay vom Anti-Atombündnis .ausgestrahlt ist das Wendland weiterhin ein zentraler Ort des Protests – auch wenn dieses Jahr kein Castor-Transport zu stoppen ist: „Es wird natürlich trotzdem weiter protestiert. Wir haben dieses Jahr viele Protestaktionen gemacht, zum Beispiel zu den Verhandlungen um Gorleben als Atommüll-Endlager“.

Was den derzeitigen Entwurf zum Endlagersuchgesetz angeht, ist Stay skeptisch: Er glaube nicht, dass sich etwa die Grünen gegen „die Parteien, die weiterhin an Gorleben als Standort festhalten, durchsetzen werden“. Daher wird er weiter Druck machen. Sobald die Verhandlungen zur Endlagersuche weitergehen, werde .ausgestrahlt „sicher wieder Aktionen durchführen“.

Bis dahin gebe es sowieso genug an anderen Orten zu tun. „In Deutschland finden weiter regelmäßig Atomtransporte statt, so wie kürzlich nach Grohnde“, betont Stay. Mitte November waren Plutoniumhaltige Mischoxid-Brennelemente aus der britischen Atomfabrik Sellafield zum Atomkraftwerk Grohnde transportiert worden – und von einem breiten Anti-Atom-Bündnis mit Demonstrationen im Zielhafen Nordenham und in Grohnde selbst empfangen worden.

10.56 Uhr: Lokalradio

Radio Zusa empfiehlt noch immer Kalender, jetzt aber „die Königsklasse: die großformatigen Wandkalender“. Dazu Johnny Cash und inzwischen auch Electric Light Orchestra. So macht die Arbeit Spaß.

10.47 Uhr: Kurz vor Weitsche

Einer der berühmten Wendländer Widerstandsbauern brettert mit seinem Trecker renitent durch die Gegend. Vermutlich handelt es sich um ein Manöver um für den nächsten Castor in Übung zu bleiben.

Auch wenn der Castor vorläufig nicht mehr kommt: Zeichen des Widerstands sind immer da.  Bild: taz

10.44 Uhr: Verladebahnhof Dannenberg

Ein Bahninspektor in Serviceuniform, Basecap auf dem Haupt und stolzem Schnauzbart schaut, ob mit dem Castor-Verladekran alles in Ordnung ist. Die Bahnstrecke endet hier in einer mit Stacheldraht und Kameras gesicherten Verladehalle [Korrektur 19.56 Uhr: richtig muss es heißen „die Halle in der der Verladekran parkt“, denn verladen wird unter freiem Himmel], in der Castoren von der Schiene auf die Straße umgeladen werden. Rein darf der Inspektor nicht, das darf niemand, nur der Castor, aber der kommt in den nächsten Jahren wahrscheinlich nicht. Die Halle harrt der Dinge, die da kommen mögen.

Ruhe am bestbewachtesten Bahnhof Deutschlands: Castorverladestation in Dannenberg.  Bild: taz

10.37 Uhr: Hintergrund Atommüll III

Im Bundesumweltministerium äußert man sich im Oktober diesen Jahres noch optimistisch, dass das neue Endlagergesetz noch 2012 verabschiedet würde. Es ist aber nicht sehr wahrscheinlich, dass das klappt. Es gibt noch zu viele Streitpunkte: Welche sind die genauen Kriterien für ein Atommülllager? Ist das Verfahren wirklich ergebnisoffen oder versucht die schwarz-gelbe Bundesregierung nicht einfach nur geschickt, eine Entscheidung für Gorleben durchzudrücken? Außerdem wird Ende Januar in Niedersachsen gewählt, da stört die Atomfrage nur.

10.25 Uhr: Lokalnachrichten aus dem Wendland

wendland-net.de, ein lokales Nachrichtenportal, hat für prospektive neue Castorproteste den Renntrecker ausgegraben – ein flottes Youtubevideo, dass die Herzen der Power-Bauern höher schlagen lassen dürfte. Link zum Video.

Im Radiostream von Radio Zusa werden derweil Taschenkalender  für 2013 empfohlen. Dazu spielt: Status Quo.

10.14 Uhr: Erstes Bild aus dem Krisengebiet

Das Neanertal in Dannenberg: „Was machen Merkels Erben?“  Bild: taz

9.59 Uhr: Dannenberg, Jeetzelallee

kik verliert: Der Parkplatz vor baugleichen Filialen diverser Modeketten ist nicht vom Tränengas der Polizei vernebelt, sondern vom Bratfett des Asiaimbiss'. Eine Blitzumfrage zum Anti-AKW-Engagement ergibt: Bei Deichmann und Takko Fashion arbeitet immerhin jeweils eine Mitarbeiterin, die schon mal gegen den Castor demonstrieren war. kik kackt dagegen ab: „Für sowas haben wir keine Zeit“, sagt eine Mitarbeiterin.

9.42 Uhr: Hintergrund Atommüll II

Vor rund einem Jahr ist Bewegung in die Endlagerfrage gekommen. Bund und Länder einigten sich auf einen Neustart bei der Suche nach einem Ort, an dem der Atommüll für tausende von Jahren sicher eingelagert werden soll. Es soll nun intensiv erforscht werden, welcher Standort und welches Gesteinsmaterial am besten geeignet wären – ergebnisoffen. Doch die Verhandlungen stockten bald.

9.37 Uhr: Technische Probleme

Erste Bilder sind per MMS aus dem Wendland abgegangen – an einen süddeutschen Ministerpräsidenten, statt nach Berlin in die taz. Der Kollege kämpft mit den Tücken seines Telefonadressbuches und der Namensähnlichkeit verschiedener Einträge darin.

9.22 Uhr: Danneberg - Neandertal

Gegenüber der Essotankstelle ist auf einem Schild die Geschichte der Menschheit verewigt. Demnach befinden wir uns noch immer im ideellen Neandertal – wegen der Atomkraft. Beim Jahr 800.00 nach Christus steht auf dem Zeitstrahl: „Was machen Frau Merkels Erben?“, denn dann wird Gorleben noch immer strahlen.

9.16 Uhr: Dannenberg

Der Ortseingang Gartower Straße ist gesperrt. Es ist unklar, ob es einen Zusammenhang mit dem Castor gibt. Nur wenige Schritte von hier entfernt befand sich im vergangenen Jahr das große Dannenberger Protestcamp.

9.07 Uhr: Weitsche, zwischen Lüchow und Dannenberg

Nebel über den Feldern. Weit und breit keine Polizei zu sehen. Nur vereinzelt sind Autos unterwegs. Auf einem Trafohäuschen aus Ziegelstein ist mit weißer Farbe gesprüht: „Stop Castor“.

8.54 Uhr: Hintergrund Atommüll

35 Jahre lang war der Salzstock Gorleben als Endlager für den deutschen Atommüll gesetzt – auch wenn es von Anfang an Protest dagegen gab. Wirklich auf seine Eignung geprüft wurde Gorleben nicht, wie jüngst die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse im Bund und in Niedersachsen belegten.

8.32 Uhr: Irland im Wendland

Lüchow, Otto-Koke-Weg: Die Hühner von Elisabeth und Dieter Reckers haben gerade Legepause. Trotzdem gibt es zum Frühstück in einem alten Forsthaus Eier aus dem Lokalwarenladen, in dem fast nur Regionales verkauft wird. Dieter Reckers ist Schauspieler, hat fast 20 Jahre lang in Irland gelebt, Elisabeth Reckers Yogalehrerin, kommt ursprünglich aus Bremen. „Wir warten nicht auf den nächsten Castor. Der stört im Prinzip nur“, sagt Dieter Reckers. Durch den Castor sei das Wendland zu einem kulturellen Mikrokosmos geworden. „Es hat was Irisches hier. Jeder kennt jeden“, sagt Dieter Reckers.

8.30 Uhr: Zur Einstimmung ein Film

Alle Jahre wieder mobilisierte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg zu den Protesten gegen die Transporte in das Zwischenlager Gorleben. Im Internetzeitalter natürlich auch mit Youtubevideos. Eines der schönsten war das zum Tag X 2010.

8.07 Uhr: Guten Morgen aus Berlin und Dannenberg.

Das Wetter im Wendland, wie in der Hauptstadt, ist gnädig. Knappe 10 Grad Celsius schmeicheln den wettergegerbten Protestveteranen. In Dannenberg gab es bislang keine Zusammenstöße mit der Polizei, in Berlin aber wurde die Arbeit der unabhängigen Presse kurzzeitig durch eine polizeilichen Maßnahme behindert. Das Problem konnte nach kurzem klärenden Gespräch („Die Ampel war höchstens gelb, Herr Polizeiobermeister, und der Strahler muss grad erst vom Fahrrad abgefallen sein“) behoben werden.

Die Wendlandkorrespondenten nehmen ihr Frühstück ein. Details folgen bald.

Auf wendländischen Straßen wurde kein Castor gesichtet.

 

15 Jahre lang, von 1995 bis 2011, war das Zwischenlager im wendländischen Gorleben Ziel von Atommülltransporten. In diesem Jahr aber rollt kein Castor.

 

Ist jetzt, nach dem Atomausstieg, alles gut? Keineswegs, denn die Endlagerfrage ist bis heute nicht gelöst, „ergebnisoffen“ soll weiter gesucht werden – Gorleben bleibt, weil es politisch so gewollt ist, wohl ein möglicher Standort als Atommüll-Endlager.

 

taz.de wollte wissen, wie es heute im Wendland aussieht, was die Menschen umtreibt im ersten Jahr ohne den Castor. Deshalb gibt es auch in diesem Jahr einen Liveticker aus dem Wendland, der ein Stück Normalität zeigen will – an einem Ort, der zum Sinnbild des Ausnahmezustandes geworden ist.

 

Schon der erste Transport im April 1995 war von den Protesten tausender AnwohnerInnen und aus der ganzen Bundesrepublik angereister AtomkraftgegnerInnen begleitet. In den folgenden Jahren wurde der Landkreis Lüchow-Dannenberg, wenn die Transporte unter anderem aus den Kernkraftwerken Philippsburg, Neckarwestheim, Gundremmingen und vor allem der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague kamen, integraler Bestandteil der alternativen Protestkultur.

 

Zehntausende Polizeibeamte gehörten jedes Jahr zur schweren Sicherungseskorte der Castorzüge. Die Zeltlager der Protestierenden, die Treckerbarrikaden der Bauern und Fernsehteams waren Teil der Folklore vor Ort und des handfesten (energie)politischen Streits dahinter.

 

Die Verladung der Atommüllbehälter auf Straßentransporter in Dannenberg und der anschließende Weg durch die Landschaft auf engen Straßen, die Hubschrauber dazu – all das hat sich tief in das Gedächtnis einer ganze Generation engagierter AktivistInnen eingebrannt.

 

Sie haben in Novemberkälte auf Straßen im Wald gesessen, sie haben sich in Betonpyramiden angekettet, auf Bäumen an der Transportstrecke campiert, den Schotter von Bahnschienen entfernt. Jedes Jahr aufs neue.

 

Und 2012? Kein Castor wird durchs Wendland rollen, keine Einsatzhundertschaften durch Wälder stürmen. Es wird keine Volxküchen und keine Gemeinschaftsbadebottiche geben, keine Wasserwerfer und keine warme Suppe beim Bauern nebenan. Der hat trotzdem das gelbe Kreuz im Vorgarten – warum, erzählen er und andere Wendländer hier.

27. 11. 2012

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