• 23.08.2005

Okkupation eines Vereins

Neonazis, Hooligans, Hells Angels oder rechte Rocker: Der BFC Dynamo ist in den Händen einer berüchtigten Clique. Die Klubführung hütet sich davor, rechte Tendenzen und Gewalt anzuprangern

AUS BERLIN ANDREAS RÜTTENAUER

Mario Weinkauf ist sauer. Eigentlich will der Präsident des Berliner FC Dynamo gar nichts mehr sagen. "Wir lassen uns nicht länger zum Spielball der Politik und der Medien machen", belfert er ins Telefon und verweigert zunächst jede Aussage. "Wir konzentrieren uns nur noch auf das Sportgeschehen und unser sozialpädagogisches Engagement", kündigt der Chef des Clubs an, der wieder einmal für Schlagzeilen gesorgt hat. Und wieder einmal geht es um die Fans des Vereins, der in der DDR als Stasiclub verschrien war. Die BFC-Fans gelten als gewaltbereit und sind in den meisten Stadien nicht gerne gesehen.

Besonders unbeliebt sind sie bei den Anhängern des 1. FC Union Berlin, bei dem der BFC Dynamo am Sonntag ein Spiel in der Oberliga Nordost ausgetragen und mit 0:8 verloren hat. Die Polizei teilte vor der Begegnung mit, dass sie mit Aktionen der brutalsten Art unter den Anhängern des BFC rechne. 200 Schläger aus dem Umfeld des BFC werden von der Polizei zur so genannten Kategorie C gerechnet. Darunter werden die härtesten Gewalttäter gefasst. Weitere 400 zählen zur Kategorie B und sind ebenfalls Fans mit erheblichem Gewaltpotenzial. Nachdem die Polizei im Vorfeld der Begegnung verdächtige Aktivitäten in der Szene beobachtet hatte, kündigte sie an, mehr als 1.000 Sicherheitskräfte zum Spielort abzustellen. Am Tag vor der Begegnung gab es einen Sonderkommando-Einsatz gegen feiernde BFC-Anhänger in der Berliner Diskothek "Jeton", bei dem mehr als 150 Personen festgenommen worden sind. Am Spieltag selbst konnte kein Anhänger von Dynamo unbeobachtet auch nur einen Schritt tun. Die 4.000 Gästefans standen unter schärfster Beobachtung. Beinahe alle Zufahrtsstraßen zur Alten Försterei, dem Stadion des FC Union, wurden abgeriegelt und erst wieder freigegeben, nachdem der letzte BFC-Fan aus dem Sicherheitsring, den die Polizei um die Arena gezogen hatte, geleitet worden war.

Mario Weinkauf schwärmt indes von den BFC-Fans, für problematisch hält er die wenigsten: "Es gibt Straftäter und Gewalttäter - und die benutzen den Sport als Bühne", sagt er. Und dann redet er doch über die Nacht in der Diskothek, in der die Polizei, wie sie mitteilt, auch deshalb so hart vorgegangen ist, weil sie auf massive Gegenwehr gestoßen sei. "Wenn die Gegenwehr so groß gewesen ist, wie die Polizei sagt, warum hat es dann keine verletzten Polizisten gegeben", schimpft er. Dann verweist er auf den Fanbeauftragten Rainer Lüdtke, der sich eifrig um die Festgenommenen bemühe. Der hat mit Hilfe eines Fanclubs namens "79er" bereits einen "Problemfanfonds" für alle "Betroffenen" eingerichtet und sie in seinem Internetforum aufgefordert, Anzeige gegen die Polizei wegen Freiheitsberaubung und gegebenenfalls Körperverletzung zu stellen.

Lüdtke hat Erfahrung im Organisieren von Rechtsschutz. Als Brandenburger Sicherheitskräfte Dynamo-Anhängern in Cottbus Kleidungsstücke mit dem verbotenen Runenlogo des Labels "Thor Steinar" abgenommen haben, wurde er sofort aktiv. Es ging um seine BFC-Familie - und der muss natürlich geholfen werden. Auch damals wurde der Hilfsfonds durch die 79er betreut. Die treffen sich regelmäßig im Berliner Fußballcafé (kurz BFC), einer Kneipe, die schon zwei Mal Ort von Polizeieinsätzen geworden ist. Einmal wurde eine Party am 3. Oktober gesprengt, an dem der "Tag der Germanen" gefeiert worden ist. Ein anderes Mal wurden Hakenkreuzvorlagen eines Tattoo-Studios sichergestellt. Für Lüdtke ist das alles halb so schlimm. "Muss man sich schämen, Germane und stolz auf sein Land zu sein?", meinte er zur Mottoparty im Fußballcafé. Auch an der schmückenden Reichskriegsfahne hatte er nichts auszusetzen. Die sei schließlich von den Nazis missbraucht worden.

Inhaber des Cafés war zu jener Zeit Andre Sommer, der mit seiner Hells-Angels-Bande Security-Aufgaben bei den Heimspielen des BFC im Sportforum Hohenschönhausen übernommen hat. Sommer, der auch bei den Szeneläden "Kategorie C" und "Germanenhof" mitgemischt hat, wurde sogar einmal zusammen mit seinem Hell-Angels-Kollegen Rayk Bernt zum Vorstand des Vereins gewählt. Etliche Anhänger des BFC sind als Mitglieder im Verein organisiert. Sie haben den Verein praktisch in der Hand. Als der Verein vor drei Jahren ums Überleben kämpfte, waren es die Fans, die mit ihren Spenden dafür gesorgt haben, dass ein Insolvenzverfahren erfolgreich zum Abschluss gekommen ist. Wer den Verein führt, bestimmen seither die dominierenden Fangruppen. Kein Wunder, dass sich die Clubführung schwer tut, sich von problematischen Anhängern zu distanzieren. Wer bei Auswärtsfahrten negativ auffällt, für den steht ein Anwalt bereit, der sich um die Aufhebung von Stadionverboten kümmert und via Stadionheft juristische Ratschläge erteilt.

Auch daran, dass viele Anhänger schon durch ihre Kleidung einen nicht gerade friedliebenden Eindruck machen, arbeitet der Club selbst mit. Einer der Sponsoren ist das Berliner Kleiderlabel "Hoolywood". Shirts und Polos mit der Aufschrift "Kategorie C" werden bei Heimspielen auf dem Stadiongelände verkauft. Auch die Diskothek "Jeton" gehört zu den Sponsoren des BFC. Schon einmal ist sie zusammen mit dem Namen des Vereins in die Schlagzeilen gekommen. Einer der größten Rauschgiftdealerringe, die in Berlin je ausgehoben wurden, war ein Gewächs der Fanszene und von Security-Mitarbeitern des BFC Dynamo. Einer der bevorzugten Treffs war das "Jeton".

Die BFC-Riege der Nazis, Rocker und Hooligans scheint auf viele Jugendliche anziehend zu wirken. Der BFC ist bundesweit bekannt - auch in der Zentralen Erfassungsstelle Sporteinsätze (ZIS), die beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen angesiedelt ist. Ohne jedoch über Daten zu verfügen. "Wir hätten gerne, dass Dynamo in einer höheren Liga spielt", meint Olaf Brandenburg von der ZIS, die nur Daten von Vereinen der ersten drei Ligen verwaltet. Das ergibt eine paradoxe Situation, denn Gewalt im Fußball richtet sich nicht nach Spielklassen.

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