• 15.04.2006

Kritik an Israel darf kein Tabu sein

Der israelische Publizist und Friedensaktivist Uri Avnery warnt davor, jede Kritik an Israel pauschal mit Antisemitismus gleichzusetzen. Gerade die Deutschen sind aufgrund des Holocaust moralisch dazu verpflichtet, gegen Unrecht aufzutreten

VON URI AVNERY

"Wer Jude ist, bestimme ich!", sagte der antisemitische Bürgermeister Wiens, Karl Lueger, vor hundert Jahren. Jetzt hat sich der Spieß umgedreht: "Wer Antisemit ist, bestimmen wir." Es ist für die Regierung Israels sehr bequem, jede Kritik an ihrer Politik im Ausland als antisemitisch zu stigmatisieren - auch wenn die Kritiker dasselbe sagen wie viele Israelis. Natürlich gibt es überall in Europa Antisemiten. Natürlich ist ihr Gedankengut ekelhaft. Natürlich versuchen sie, die Entrüstung über die israelische Politik auszunutzen. Ist das ein Grund, jegliche Kritik an Israel zu tabuisieren? Wir Israelis wollen ein Volk wie alle Völker sein, ein Staat wie alle Staaten, und Israel muss mit denselben moralischen Maßstäben wie jeder andere Staat gemessen werden.

Dürfen Deutsche Israel kritisieren? Um Himmels willen, warum denn nicht? Das Schreckliche, was Deutsche den Juden vor 60 Jahren angetan haben, hat mit der heutigen israelischen Politik nichts zu tun. Daraus den Schluss zu ziehen, Deutsche müssten schweigen, wenn sie glauben, dass wir Unrecht begehen, ist unmoralisch. Das Vermächtnis des Holocaust sollte sein, dass gerade Deutsche mehr als andere gegen Unrecht auftreten, ganz egal, wo es passiert.

Man tut uns keinen Gefallen, wenn man uns nicht kritisiert. Wer einen Menschen liebt, darf und muss ihm die Wahrheit ins Gesicht sagen. Deutsche, die für die Existenz Israels sind, sollten die Ersten sein, diejenigen Israelis zu unterstützen, die für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen.

Man darf Israel also nicht nur kritisieren, man muss es sogar tun. Die Frage ist, von welchem Standpunkt aus übt man Kritik. Bejaht man das Existenzrecht Israels, oder zielt die Kritik darauf, dies Israel abzusprechen. Wenn man sein Land liebt, dann muss es gestattet sein, die Politik seiner Regierung zu kritisieren. Natürlich gibt es Antisemitismus, aber ich warne davor, das mit Kritik an Israel gleichzusetzen.

Nein, Antisemitismus hat Merkmale, die klar erkennbar sind, Kritik an Israel zu üben, gehört nicht dazu. All jene, die nur allzu leichtfertig überzogene Antisemitismusvorwürfe austeilen, vergessen die Gefahr, dass dann die wahren Antisemiten unerkennbar werden. Auf keinen Fall darf der Holocaust für politische Zwecke missbraucht werden - weder von Israelis noch von denen, die Israel kritisieren. Dieser industrialisierte Völkermord eines modernen Staates ist einmalig, er ist mit nichts zu vergleichen. Wenn israelische rechtsradikale Demagogen behaupten, Arafat sei ein zweiter Hitler gewesen, so ist das genauso zu verdammen wie die Behauptung, Israel wende nazistische Methoden an.

Es gibt kein Auschwitz im Nahen Osten, weder ein israelisches noch ein arabisches. Auch kein Dachau. Jede Funktionalisierung des Holocaust zu politischen Zwecken ist unbedingt abzulehnen. Man kann Israel vorwerfen, es führe einen Kolonialkrieg im Westjordanland, oder man kann es der Apartheid zeihen, man kann viele schwere Vorwürfe formulieren. Israel aber beispielsweise vorzuwerfen, es wende Nazimethoden an, ist absurd. Der Holocaust war geschichtlich etwas Spezifisches, ihm fielen 6 Millionen Menschen zum Opfer.

Der palästinensische Intellektuelle Edward W. Said hat einmal gesagt, ein Araber könne sich nicht mit Israel auseinander setzen, wenn er den Holocaust nicht versteht. Araber haben allerdings ein verständliches Problem damit, denn der Holocaust wird in der israelischen Propaganda gegen die Palästinenser verwendet. Das führt natürlich leicht zur arabischen Gegenreaktion, den Holocaust zu verharmlosen oder zu leugnen.

Mit europäischem Antisemitismus hat das allerdings nichts zu tun. Ich glaube übrigens, dass Deutschland seine Vergangenheit noch nicht überwunden hat, daher dieser ungesunde Zustand, der jede normale Diskussion über den Palästinakonflikt in Deutschland unmöglich macht. Wenn ich Deutscher wäre, würde ich die Politik Israels in vielem ablehnen, und ich hoffe, ich hätte den Mut, dann auch zu sagen, was ich hier und heute als Israeli vertrete. Eigentlich hätte doch jede deutsche Partei die Möglichkeit, die wirkliche Situation in Israel und Palästina zur Kenntnis zu nehmen. Sie haben jedoch alle Angst davor, als antisemitisch bezeichnet zu werden.

Kein Mensch auf der Welt braucht zwischen Israel und Palästina zu wählen. Man kann - und soll - für beide sein. Die wahren Interessen Israels und Palästinas stehen nicht im Widerspruch, denn beide Völker brauchen Frieden. Die Eskalation der Gewalt und die gegenseitigen Gräueltaten, die täglich begangen werden, können uns alle ins Unglück stürzen. Um zu einer vernünftigen Lösung zurückzukommen, brauchen wir, Israelis und Palästinenser, die Unterstützung Europas, auch Deutschlands, für eine Politik der Versöhnung und des Ausgleichs. Wer eine der beiden Seiten, Israel oder Palästina, einseitig und bedingungslos unterstützt, hilft keinem. Wer Israel in diesem Sinne, aus dieser Gesinnung heraus, kritisiert, tut eine gute Tat. Ihn als Antisemiten zu beschimpfen, ist gemein und auch schädlich, denn damit bagatellisiert man den Antisemitismus. Wirkliche Antisemiten sind leicht zu erkennen. Sie haben einen Stil, der unverkennbar ist. Es ist eine Art kollektiver Geisteskrankheit, die mit Logik nichts zu tun hat.

Wenn ein Araber glaubt, die Antisemiten seien seine Freunde, dann irrt er sich gewaltig. Das Wort "Antisemitismus" ist nur wenige Jahre vor dem Wort "Zionismus" geprägt worden. Der Zionismus war eine klare Reaktion auf den modernen europäischen Antisemitismus, und die russischen Pogrome haben die ersten Siedler nach Palästina getrieben. Der Holocaust hat die Errichtung des Staates Israel schließlich beschleunigt und vielleicht erst möglich gemacht.

In den letzten Jahren hat auch der russische Antisemitismus eine Million Einwanderer nach Israel gebracht, wo viele von ihnen in den besetzten Gebieten auf enteignetem palästinensischem Boden angesiedelt worden sind. Jetzt wird der erneute Antisemitismus wieder Juden aus Frankreich und auch aus Deutschland nach Israel bringen. Der Antisemitismus ist der Feind der Juden. Er ist aber auch ein Feind der Araber.

Fotohinweis:
URI AVNERY, Jahrgang 1923, ist einer der bekanntesten israelischen Journalisten und Politiker. 2001 erhielt er den Alternativen Nobelpreis.

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