• 07.03.2007

Genie und Slapstick

Dieser Bestseller läuft und läuft und läuft. Um den Erfolg von Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" zu verstehen, ist es gut, sich eine Frage zu stellen: Wie muss eine Bevölkerung beschaffen sein, die sich diesen Roman zum Kultbuch wählt?

VON MARIUS MELLER

In diesen Wochen wird nach etwas über einem Jahr auf dem Markt das 950.000 Exemplar von Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" über den Bücherladentisch gehen - im Hardcover, das Taschenbuchgeschäft hat noch nicht einmal begonnen. Damit gehört "Die Vermessung der Welt" zu den erfolgreichsten Romanen seit Gründung der Bundesrepublik, zumindest in demjenigen Sektor der Literaturproduktion, den man am praktischsten immer noch als Hochliteratur bezeichnet.

Zum Vergleich: "Die Blechtrommel" hatte bis 1962 eine Auflage von 170.000, "Das Parfum" zwei Jahre nach seinem Erscheinen 600.000, "Der Vorleser" verkaufte sich bis 1999 500.000-mal im deutschsprachigen Raum. Berücksichtigt man die zunehmende Dynamik der Medienlandschaft und ein langfristig wachsendes (!) Lesepublikum, dann kann man diese vier Exponenten des ambitioniert-literarischen Schreibens als mindestens gleich erfolgreich nebeneinanderstellen.

Die älteren drei Bestsellerromane haben gemeinsam, dass sie Bezug auf die Nazizeit, den Zivilisationsbruch, nehmen. Süskind verlegt allerdings seine Allegorie der NS-Massenpsychose ins Frankreich des 18. Jahrhunderts. "Die Vermessung der Welt" scheint auf den ersten Blick nicht in diese Reihe zu passen. Dieser historisch Roman erzählt die verschränkte Doppelbiografie der deutschen Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß; erzählte Zeit ist also das ausgehende 18. und das frühe 19. Jahrhundert. Nicht Genie und Wahnsinn, eines der düsteren Sujets de 19. Jahrhunderts, das noch die literarischen Enkelkinder der Romantik umtrieb - Rainald Goetz "Irre", Thoma Bernhard "Auslöschung" -, sondern vielmehr Genie und Slapstick ist sein Thema.

Das war einigen sogar noch im Jahr 2005 zu respektlos gegenüber dem "deutschem Geist" (ein Begriff, der von Botho Strauß jüngst wieder etabliert wurde), so dass ein dezidiert altbürgerlicher Kritiker wie Tilman Krause in der Welt monierte, dass Kehlmann seinen Hauptfiguren nicht "gerecht" werde und im übrigen dem Deutschen gegenüber viel zu ironisch eingestellt sei sowie auch überhaupt gegenüber dem 19. Jahrhundert. Das Buch sei "professionell", "in jenem glatten Sinne gut geschrieben, der heute so hoch im Kurs steht". Allein, es fehle "Leidenschaft und Tiefe".

Gegenüber dieser Perspektive auf seinen Roman muss man Kehlmann kaum in Schutz nehmen. Die Kritik perlt an der Brillanz der ebenso slapstickhaften wie subtil-liebenswerten Schilderung seiner notorisch genialen Protagonisten spurlos ab. Aber der Instinkt, dass es Kehlmann irgendwie ums Genie, gar ums deutsche Genie zu tun ist, ist nicht unberechtigt. Kehlmann hat fortgeführt, was Thomas Mann mit seiner Goethe-Figur aus "Lotte in Weimar" begonnen hatte. Thomas Manns Goethe ist ein behäbiger, skurriler, aber sympathischer Sonderling, der in der berühmten Kutschenszene Lotte in seine Abgründe schauen lässt, bevor er den Geheimratsmantel wieder hoch zuknöpft. Ein Meilenstein in der Geschichte der Säkularisierung des Genies.

Krause als Kritiker Kehlmanns hat den Braten also durchaus gerochen, wenngleich er ihn geschmacklich ablehnt. Eine der vielen sorgfältig eingearbeiteten Motivreihen der "Vermessung der Welt" betrifft das unheilvoll Deutsche. Einmal in der Schilderung der nachnapoleonischen Studentenbewegung, in deren Rede vom deutschen Wesen sich nicht ausschließlich freiheitlicher Geist manifestiert, sondern sich bereits die Urschemata nationalistischen Unwesens herausbilden. Und in der Rücksichtslosigkeit der Hauptfigur Humboldt. Der humanistische Wissenschaftler ist wenig zimperlich mit seinen Experimenten, weder mit den Selbstversuchen noch mit denen an anderen Lebewesen. Des Barons Experiment in Havanna, bei dem er zwei Krokodile mit einem Rudel Hunde zusammensperrt, lässt in seiner Kaltblütigkeit den französischen Assistenten Bonpland erschauern. Humboldt verweist wie immer auf die Erfordernisse der Wissenschaft: "Natürlich hätten sie ihm leidgetan. Aber die Wissenschaft habe es verlangt, nun wisse man mehr über das Jagdverhalten der Krokodile. Außerdem seien es Mischlinge gewesen, unedel und ziemlich räudig."

Solche diskreten Anspielungen auf die Rassenideologie der Nazis bedeuten nicht etwa, dass Kehlmann in seinem historischen Roman deutsche Geschichte als Vorgeschichte des "Dritten Reiches" erzählt, also Fernerinnerung durch hypertrophe Naherinnerung an die Nazizeit eintrübt. Vielmehr legt er ein subtiles mentalitätsgeschichtliches Mosaik in seinen Text, das auf die Ingredienzien des späteren faschistischen Höllencocktails verweist, ohne in eine zweifelhafte Zwangsläufigkeit der geschichtlichen Entwicklung einzurasten und die gängige anachronistische Vergangenheitsbewältigung zu betreiben.

Selbstverständlich ist der Titel des Romans doppeldeutig zu verstehen. Vermessen wird die Welt durch Humboldt und Gauß im physikalischen Sinn. Sie "existiert" erst nach ihrer Vermessung. Die Welt ist aber auch durch die beiden Wissenschaftler auf dem Weg, vermessen zu werden, im Sinne von Hybris. Die Heroen der Aufklärung - auch der schon schwer verkalkte Immanuel Kant hat in Kehlmanns Roman einen sehr komischen, denkwürdigen Auftritt - werden aus der Froschperspektive gezeigt; die Komik, die eben auch in dem übergründlichen, immer ein wenig streberhaft-beflissenen Werk Alexander von Humboldts liegt, hat Kehlmann instinktsicher auf der Suche nach einem Stoff erkannt.

Und auch das Genie des Carl Friedrich Gauß wird nicht dadurch geschmälert, dass es im Roman überzeugend komisch erscheint. Den das 19. Jahrhundert besonders schätzenden Kritiker Krause muss der Kunstgriff Kehlmanns nur deshalb so an die Nieren gegangen sein, weil seine Art der Hommage die Entheroisierung zulässt und voraussetzt. Das Lebenswerk von Humboldt und Gauß bleibt in Kehlmanns Welt ungeschmälert, wenngleich man aller Wahrscheinlichkeit nach, spätestens wenn "Die Vermessung der Welt" Schullektüre geworden ist, die beiden vornehmlich als Kehlmann'sche Figuren wahrnehmen wird.

Die Dialektik der Aufklärung - und der Autor illustriert mit seinem Buch eines ihrer interessantesten Kapitel - wird entpathetisiert. Radikaler Szientismus kündigt sich in der fiktiven Rede Humboldts 1828 an, und die abschüssige Bahn der metaphysischen Kränkungen des Menschen: "Die zweitgrößte Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei. Die größte jedoch die Idee, er stamme vom Affen ab … Das Ende des Wegs sei in Sicht, die Vermessung der Welt fast abgeschlossen. Der Kosmos werde ein begriffener sein … Die Wissenschaft werde ein Zeitalter der Wohlfahrt herbeiführen, und wer könne wissen, ob sie nicht eines Tages sogar das Problem des Todes lösen werde."

Der Roman gefällt mit zahlreichen Kabinettstückchen. Aber das letztlich Überzeugende an Kehlmann ist das ebenso leichtfüßige wie subtile Motivgefüge, das vom Freiheitsthema und der Entzauberung der Welt über den Konstruktivismus der Naturgesetze bis zu Wissenschaft als Ideologie reicht - und einige mentalitätsgeschichtliche Hinweise auf den deutschen Nationalismus gibt. Wie in einem Experiment von Gauß setzt Kehlmann diese Motive mit seinem Roman in einen ästhetisch geglückten Zusammenhang.

Es ist schwer oder gar nicht zu erklären, warum ein Buch zum Kultbuch wird. Die Feststellung der Qualität - auf welcher Ebene auch immer, ob Ratgeber, Erbauungsbuch, Thriller oder Hochliteratur - ist natürlich nicht hinreichend. Die Tatsache, dass circa 1,1 Prozent der deutschen Bevölkerung, inklusive Säuglinge und Sieche, im Besitz eines Exemplars der "Vermessung der Welt" sind, oder 2,3 Prozent aller deutschen Haushalte, bietet aber bei Umkehrung der Fragestellung interessante Implikationen. Wie muss eine Bevölkerung beschaffen sein, die sich "Die Vermessung der Welt" zum Kultbuch wählt?

Eine Antwort lautet, dass es wieder oder noch immer eine breite Bildungsschicht in Deutschland gibt, die man mit einer vorsichtigen Modifizierung des Begriffs als bürgerlich bezeichnen könnte. Offenbar gibt es eine breite Schicht, für die der altbürgerliche Bildungskanon wieder, oder immer noch, von Interesse ist. Aber mit dem wichtigen, vielleicht entscheidenden Unterschied, dass sie das kunst-, geist- oder nationalreligiöse Pathos des alten Bürgertums, das von Turnvater Jahn bis Hans Sedlmayr ein Konstituens der ästhetischen und lebenswirklichen Bürgerlichkeit war, weit hinter sich gelassen hat.

Diese leichte, aber bedeutungsvolle Begriffsverschiebung müsste bei einer Neudefinition der Bürgerlichkeit berücksichtigt werden. Es könnte hilfreich sein, den Begriff Säkularisierung auch auf die bürgerliche Gesellschaft anzuwenden: Ihre rest- und parareligiösen Anteile wurden in Deutschland durch die "Aufarbeitung" der Nazizeit und die antibürgerlichen Achtundsechziger säkularisiert. Das bedeutet nicht, dass ein Neubürger kein Interesse für religiöse Erfahrung entwickeln dürfte oder für die esoterische Erhabenheit einer Installation von Rebecca Horn. Sondern eben nur, dass er strukturell nicht mehr anfällig ist für quasireligiöse Ideologie - zumindest ist das zu hoffen.

Man könnte "Die Vermessung der Welt" also vor diesem Hintergrund gut als neubürgerlich bezeichnen und den fulminanten Erfolg als Symptom der Selbstorganisation und Selbstformierung einer neuen bürgerlichen Schicht, die eher Peter Sloterdijk als Jürgen Habermas, eher Udo di Fabio als Joachim Fest, eher Kehlmann als Botho Strauß liest. Darüber hinaus einer "Subkultur" anzugehören - man sollte eher Partialkultur sagen -, schließt sich nicht nur nicht aus, sondern ist geradezu Voraussetzung für postmoderne, neubürgerliche Differenz und Individualität.

Die ungekürzte Fassung dieses Textes ist greifbar in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Merkur". www.online-merkur.de

Die neuen Bürger lesen lieber Sloterdijk als Habermas, lieber di Fabio als Fest - und lieber Kehlmann als Botho Strauß

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