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  • 18.09.2012

Merkel lehnt Filmshow mit Hassvideo ab

VERBOTSDEBATTE Muslimische Verbände streiten über Verbot der Aufführung des antimuslimischen US-Videos

AUS BERLIN JANNIS HAGMANN

In die Debatte über ein Vorführverbot des umstrittenen Anti-Islam-Films "Die Unschuld der Muslime" hat sich die Bundeskanzlerin eingeschaltet. Angela Merkel (CDU) sieht die von der rechtspopulistischen Partei "Pro Deutschland" angekündigte Filmvorführung in Berlin skeptisch. Man müsse sehen, ob dies die Sicherheit gefährde, sagte Merkel am Montag in Berlin. Sie könne sich vorstellen, dass es für ein Verbot gute Gründe gibt.

"Pro Deutschland" hatte zuvor angekündigt, den Film, dessen YouTube-Trailer in islamischen Ländern heftige Proteste ausgelöst hat, im November in Berlin in voller Länge öffentlich aufzuführen. Ob tatsächlich ein vollständiger Film existiert oder ob es nur das veröffentlichte 14-minütige Video gibt, ist jedoch noch unklar. Neben Merkel hatte auch Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) angekündigt, die Vorführung des Films verhindern zu wollen. Unterstützung erhielt die Bundesregierung auch von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, während sich andere Oppositionspolitiker großenteils gegen die Verbotspläne aussprachen.

Nicht weniger umstritten ist ein mögliches Verbot in den Reihen der Muslime in Deutschland. "Grundsätzlich bin ich kein Freund von Verboten", sagte Ali Kizilkaya, Sprecher des Koordinationsrats der Muslime in Deutschland (KRM), gegenüber der taz. "Aber hier handelt es sich um eine tiefgreifende Beleidigung." Von freier Meinungsäußerung könne keine Rede mehr sein. Er betonte, dass die angekündigte Filmvorführung nach Paragraf 166 des Strafgesetzbuchs verboten werden könne. Der Paragraf verbietet die Beschimpfung religiöser Bekenntnisse, wenn sie "geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören". Auch Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland plädierte für ein Verbot. "Ich denke, dass alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft werden sollten, um ein Verbot der Vorführung zu erreichen", sagte er der taz. Es gebe verschiedene Tatbestände, die nun zu prüfen seien, "beispielsweise auch den der Volksverhetzung".

Anders sieht das Lamya Kaddor. Die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes sprach sich klar gegen ein Vorführungsverbot aus. "Je mehr man über ein Verbot redet und die Tabuisierung solcher Inhalte vorantreibt, desto mehr Schaden richtet man an", warnte sie im Gespräch mit der taz. Diskussionen über Verbote und Sonderregelungen für Muslime würden die bestehende Islamfeindlichkeit in Deutschland schüren, so Kaddor. "Die Forderungen der Verbände nach einem Vorführverbot sind überzogen", sagte Kaddor weiter. Aktionen wie die Vorführung des Films seien vom Demonstrationsrecht gedeckt.

Scharfe Kritik übte Kaddor an Bundesinnenminister Friedrich. Neben seinem Plädoyer für ein Vorführverbot hatte dieser am Sonntag ein Einreiseverbot für den US-Hassprediger Terry Jones verhängt, der von "Pro Deutschland" eingeladen worden war. "Wir lassen in Deutschland alle möglichen Leute reden", sagte Kaddor in Anspielung auf den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders. Dem Innenminister warf sie Populismus und Panikmache vor.

"Es handelt es sich um eine tiefgreifende Beleidigung"

ALI KIZILKAYA



Giordano: "Tiefbrauner" Klub

 Ralph Giordano gilt als einer der schärfsten Islamkritiker in der Bundesrepublik. "In der islamischen Gesellschaft, der Umma, gibt es eine nicht kleine Gruppe, die darauf wartet, beleidigt zu werden", kommentierte er gegenüber der taz die jüngsten Proteste gegen das antimuslimische Video. Doch von der "Bürgerbewegung Pro Deutschland", die angekündigt hat, den Film "Die Unschuld der Muslime" öffentlich aufzuführen, distanziert sich der 89-jährige Publizist scharf. Solche Gruppierungen hätten "sehr viel gemeinsam" mit den von ihnen vorgeblich bekämpften islamistischen Fanatikern. Giordano: "Die sind Brüder und Schwestern im totalitären Ungeist." Mit einer ernsthaften Islamkritik hätte deren Treiben rein gar nichts zu tun. Den Pro-Gruppen ginge es nur darum, unter einem Deckmantel Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu schüren.

 Giordano weiß, wovon er spricht: Die Ursprünge der "Pro-Bewegung" liegen in Köln, seiner Wahlheimat. Die Aktivitäten ihrer führenden Funktionäre wie Manfred Rouhs oder Markus Beisicht beobachtet der Holocaust-Überlebende daher seit Jahrzehnten aus nächster Nähe. Sein Urteil fällt eindeutig aus: Giordano sieht in dem "tiefbraunen" Verein nichts anderes als eine "zeitgenössische Variante des Nationalsozialismus". (pab)

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