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  • 26.11.2010

V. S. Naipaul ist zu unislamisch für Istanbul

Eigentlich sollte es das größte europäische Literaturereignis des Jahres werden. Im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 wollte Istanbul für drei Tage zum "Europäischen Schriftsteller Parlament" die wichtigsten Autoren, Verleger und Kritiker des Kontinents versammeln. Hier, an der Schnittstelle zwischen abendländischer und orientalischer Kultur, sollte über die Zukunft der Literatur diskutiert werden. Diskutiert wird nun auch auf dem Treffen, das gestern begann. Allerdings weniger über Kultur als vielmehr über die nicht vorhandene Toleranz in der Kulturmetropole. Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul hatte die Eröffnungsrede halten sollen, doch er erschien nicht.

Er hatte den Veranstaltern mitgeteilt, dass er seine Reise an den Bosporus nicht antrete, weil er angesichts der Debatte in der Stadt keinen Sinn mehr darin sehe. Begonnen hatte der Ärger vor einer Woche, als der bekannte islamische Dichter und Schriftsteller Hilmi Yavuz in der regierungsnahen Tageszeitung Zaman einen Schmähartikel gegen Naipaul veröffentlichte, in dem er den Veranstaltern vorwarf, als Ehrengast der Literaturveranstaltung ausgerechnet einen Mann eingeladen zu haben, der sich in der Vergangenheit als Beleidiger des Islam hervorgetan habe. Naipaul habe behauptet, der Islam habe auf Menschen, die zum muslimischen Glauben konvertiert seien, einen katastrophalen Einfluss, da diese Leute ihre frühere Identität zerstören müssten. Naipauls Buch "Unter Gläubigen" aus dem Jahr 1981 sei eine einzige Beleidigung des Islam. "Wollen Sie mit so jemandem zusammen auf dem Podium sitzen", fragte Yavuz seine türkischen Kollegen und bekam breite Unterstützung aus der islamischen Ecke.

Wenn auch einige säkulare Intellektuelle wie der Verleger Ragip Zarakolu dagegenhielten, der Aufruhr war nicht mehr zu stoppen. Angeblich, so die linksliberale Zeitung Radikal, hatten die Veranstalter sogar erwogen, den Kongress abzusagen, bevor Naipaul ihnen den Gefallen tat, auf sein Erscheinen zu verzichten. Ein ähnlicher Eklat hatte sich bereits im Oktober abgespielt, als der berühmte Filmemacher Emir Kusturica als Mitglied der Jury des Internationalen Filmfestivals in Antalya praktisch aus dem Land vertrieben wurde, weil ihm vorgeworfen worden war, er habe im Jugoslawienkrieg "gegen die Muslime" Stellung bezogen. "Wenn das so weitergeht", sorgt sich Ragip Zarakolu, "können wir bald außerhalb der islamischen Welt niemanden mehr einladen." JÜRGEN GOTTSCHLICH

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