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  • 05.07.2012

Bananen und Sicherheitsnadeln

ROTTEN In "Sons of Norway" erzählt Jens Lien die Geschichte eines jungen Punks im sozialdemokratischen Musterländle der späten 70er Jahre

VON WILFRIED HIPPEN

Wie soll man eine ordentliche rebellische Jugend durchleben, wenn der Vater sich als ewiger Heranwachsender bei jedem Tabubruch seines Sohnes gleich noch viel wilder aufführt? In diesem Dilemma steckt der 13-jährige Nikolaj, der im Oslo der späten 70er Jahre zum ersten Mal die Sex Pistols hört und gleich beginnt, sich Sicherheitsnadeln durch die Haut zu stecken. Daran, dass er sich auch mit adrett aneinandergereihten Büroklammern schmückt, kann man erkennen, dass er die Botschaft des Punk noch nicht in ihrer ganzen Tiefe erfasst hat. Er ist ein kleiner und eher sanfter Provokateur, dem zwar mit einer geworfenen Bierflasche ein legendärer Glückstreffer gegen das sozialdemokratische Spießertum gelingt, dessen erstaunt ängstlicher Blick danach jedoch viel mehr über ihn aussagt als all das Spucken auf die Lebensmittel im Supermarkt und das Kratzen auf seiner E-Gitarre.

Er lebt mit seiner Familie in einer der damals für so fortschrittlich angesehenen Betonsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Sein Vater ist der Architekt dieser besseren Plattenbauten, doch überraschenderweise ist er auch ein ewiger, zotteliger Hippie, der es sich zwar mit Frau und zwei Söhnen bequem im Mittelstand eingerichtet hat, aber als radikal fortschrittlicher Freigeist alles und jeden in Frage stellt. So wird bei ihm zu Hause Weihnachten als das Fest der Banane gefeiert, bei dem der Baum mit Südfrüchten geschmückt und statt des Christkindes dem Affen im Urwald gehuldigt wird.

Nikolajs sehr fürsorgliche und tolerante Mutter bildet den bodenständigen Gegenpol zum träumerischen Vater, sodass der Junge mit seinen beiden Brüdern (die auch nach russischen Zaren benannt wurden) in einer alternativen Idylle aufwachsen, bis die Mutter bei einem Unfall auf der Straße getötet wird. Danach stürzen Vater und Sohn in eine Krise, und der bis hierhin eher komödiantisch inszenierte Film bekommt eine überraschende emotionale Tiefe.

Nikolaj wird zu einem Punk wie aus dem Bilderbuch, und dieser Widerspruch eines konformen Nonkonformisten führt zu einigen sehr komischen Situationen, die der Regisseur Jens Lien sehr trocken und lakonisch serviert. So sind die Sommerferien mit dem Vater im Nudistencamp die Hölle für eher keuschen Punker, der als einziger die (mit dem Union Jack bedruckte) Badehose anbehält und so trotz der Sicherheitsnadel in der Wange wie der Spießer wirkt. Sein Vater hat keinerlei Gespür dafür, welche Demütigung dies für seinen Sohn bedeutet, und aus dieser Fallhöhe entstehen ständig peinliche Situationen für den 13-Jährigen, die schließlich dazu führen, dass der Vater beim ersten öffentlichen Auftritt der Band seines Sohnes hinter dem Schlagzeug sitzt.

So komplex, liebevoll und komisch wie hier kann wohl nur autobiografisch von einer Familie erzählt werden. Der Film basiert auf dem Buch "Theorie und Praxis" von Nikolaj (!) Frobenius, der auch das Drehbuch geschrieben hat und hier eine weitere Variante des so beliebten "Porträt des Künstlers als junger Mann" liefert. Wie oft bei Erinnerungen ist die Dramaturgie ein wenig unordentlich (bei einer ausgedachten Geschichte wäre etwa der ältere Bruder ausgespart worden, weil er kaum auftritt und die Handlung nicht weiterbringt), wirkt aber gerade dadurch nur umso glaubwürdiger, denn das Leben folgt ja selten der sauberen Einteilung in drei Akte. Dafür ist das Lebensgefühl der späten 70er Jahre hier wunderbar getroffen. Der Film ist wunderbar ausgestattet (man achte besonders auf das vom Vater zurechtgezimmerte Auto der Familie und sein Motorrad) und auch der Siff, in dem die Punks sich wohlfühlen, wurde mit großer Sorgfalt nachgebaut.

Wenn die gesamte Punkbewegung zumindest musikalisch nur aus den Sex Pistols zu bestehen scheint, liegt dies daran, dass John (Johnny Rotten) Lydon einer der Koproduzenten des Films ist. Deshalb hat er auch einen winzigen Gastauftritt auf den man allerdings gerne hätte verzichten können, denn warum sollte der Johnny Rotten von 2010, der eine eher traurige Gestalt abgibt, dem jungen Nikolaj in einer Traumvision erscheinen und ihm abgeklärte Ratschläge geben? Der braucht ganz bestimmt nicht noch eine Vaterfigur.

So komplex, liebevoll und komisch wie hier kann wohl nur autobiografisch von einer Familie erzählt werden

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