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  • 06.10.2012

Im Verborgenen die Welt

EINKEHR Bibliotheken ordnen Wissen. Man kann darin vom Weg abkommen und flüchten, bis der Schlussgong ertönt. Wie verlockend!

VON FELIX ZIMMERMANN

Jeden Morgen hatte er eine Verabredung mit der obersten Stufe der großen Treppe, die hinauf zum Lesesaal führte. München, Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstraße, von vielen verniedlichend und ungeachtet ihrer Größe und Bedeutung "Stabi" genannt. Aber vielleicht muss das so sein; was so riesig ist, muss verkleinert werden, damit es nicht einschüchtert.

Um neun wollte er die Treppe bezwungen haben. Die oberste Stufe die Stechuhr, wenig später zum Fach mit den reservierten Büchern, dann in den Lesesaal.

Der, der immer da saß, war längst da. Bücher um sich arrangiert, in denen er nie blätterte. Er schrieb Zahlen in Sechserblöcken. Es sah so aus, als arbeite er an der Weltformel.

Er tat es ihm gleich, richtete sich ein für einen Arbeitstag, sortierte die Bücher um sich herum. Voller Hoffnung, voller Entschlossenheit. Aber kaum saß er, schweifte er ab. Und wo kann man das - konnte man es lange vor dem Internet - besser als in einer Bibliothek?

Bibliotheken eröffnen und verbergen Universen. Da sind die Bücher, die man gerade braucht, fünf, acht, zehn, siebzehn, vielleicht noch viel mehr, ein Stapel ist es meistens. Er hat sie auf seinem Tisch stehen. Und da sind die vielen, die er nicht braucht, die ein Schattendasein fristen, von denen er nicht weiß, obwohl sie hilfreich sein könnten. Oder die, die nichts mit dem zu tun haben, woran er gerade arbeitet. Das sind die verlockendsten.

Längst hat er seinen Platz verlassen, hat sich in die Regalreihen zurückgezogen, stöbernd, suchend. Er ist vom Weg abgekommen. Aber das muss ja nicht schlecht sein.

Das, was man heute - abschätzig, weil es im Verdacht eines nie wieder gut zu machenden Zeitverlustes steht - Surfen nennt, nahm in Bibliotheken seinen Anfang. Dort, wo Bücher frei zugänglich herumstehen, in Leinen gebunden oder in Klebefolie eingeschlagen. Denen fehlt zwar die mystische Kraft, wie sie in Schweinsleder gebundene Folianten der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ausstrahlen. Dafür aber sind sie greifbar, durchblätterbar, lesbar. Nehmen einen mit in ferne Welten. Machen einsam glücklich.

Er schweift umher mit den Augen, hinter ihm strömen die Juristen in den Saal, für sie ist der lange Gang entlang der Tischreihen Laufsteg, Flirtbörse, ihre roten Gesetzessammlungen legen sie ab, als würde das schon reichen, um zu lernen.

Weit weg ist das. Er taucht ab, sieht da ein Themengebiet, über das er immer schon - oder gerade jetzt - nachdenken wollte, dort einen Buchrücken, der lockt, er bleibt stehen, verliert die Regalreihe "Sozialstrukturanalyse Deutschland" - sein eigentliches Thema - aus dem Blick, wird angezogen von "Buchmalerei im Mittelalter" - und ist verloren.

Der Gong. Er möchte sich einsperren lassen, weil er ahnt, dass er am nächsten Morgen keinen Zugang mehr findet zu dieser Welt. Aber vielleicht findet er dann eine andere. Sicher findet er die.

Kathedralen des Wissens; ihre Besucher sind Pilger, Gläubige, Hoffende, Sehnende, so falsch ist das Bild nicht. Forscherinnen, Wissenschaftler dürsten nach Erkenntnis und werden genährt - zumindest kommen sie mit der Hoffnung darauf und wenden sich nicht enttäuscht ab, wenn sie nicht erfüllt wird. Besucher, die in Reisegruppen kommen und frühmorgens vor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, in Weimar und überall dort, wo sich wurmstichige, dumpf riechende Schätze aneinanderreihen, aus Omnibussen steigen, suchen Erhabenheit, und die Nähe zu Geistesgrößen, ihren Worten und Werken, mag für sie eine Art Hochamt sein.

Ein Kosmos mit weit entfernten Polen. Voller kostbarer Werke, verschlossen, nur mit Handschuhen anzufassen, zu betrachten in schummrigem Licht. Unten, im Lesesaal, der Mann mit den Zahlenblöcken, die Juristen im Flirtmodus, der Abgetauchte.

Der letzte Gong. Er legt seine Bücher zurück. Morgen wird er wieder da sein. Um neun auf der obersten Stufe. Voller Entschlossenheit.

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