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  • 09.11.2010

Böse, das sind die anderen

ORTSTERMIN Eisschnellläuferin Claudia Pechstein stellt ihre Autobiografie vor. Ihre Gegner bekommen ordentlich Fett weg, während sich die Dopingsünderin als Opfer inszeniert

AUS BERLIN MARKUS VÖLKER

Zweimal musste Oliver Schwarzkopf nachhaken, dann ratterte Claudia Pechstein endlich ihr Bekenntnis, auf das der Verleger schon bei seinem ersten Vorstoß gewartet hatte, herunter: "Ich hatte den Gedanken, dass ich den einfachsten Weg gehen und meinem Leben ein Ende setzen wollte", sagte sie und blickte so traurig drein, wie es eben ging. Sie sei überdies "in Behandlung", ließ die Eisschnellläuferin im erzwungenen Ruhestand, die immer noch eine zweijährige Sperre wegen Dopings absitzt, wissen. Ob sie von einem Gastroenterologen, einem Endokrinologen oder von einem Psychiater behandelt wird, das verriet Pechstein freilich nicht.

Der Fall, der gar kein Fall sei, so Pechstein, habe sie irgendwie krank gemacht. "Das ist Wahnsinn, wie man mit mir umgegangen ist." Ihre Antwort auf den erlittenen Wahnsinn ist ziemlich lang ausgefallen. Ihr gestern in einem Berliner Hotel vorgestelltes Buch "Von Gold und Blut. Mein Leben zwischen Olymp und Hölle" hat fast 500 Seiten. Es erscheint zwei Tage vor dem Todestag von Robert Enke, der sich in stiller Verzweiflung vor Jahresfrist vor einen Zug geworfen hat. Ein Kommentator der Welt am Sonntag kam am Wochenende auf die ziemlich nahe liegende Idee, dass hinter dem Pechstein'schen Bekenntnis Kalkül stecken könnte und man auf der Depri-Welle ein wenig mitreiten wolle, doch diesen Vorwurf wies das Pechstein-Lager gestern als unerhört und zynisch zurück. Einem Journalisten sei schon seit einem Jahr bekannt, wie schlecht es der Olympiasiegerin gehe, stellte Ralf Grengel klar, Leiter der Medienkampagne, die den Titel "Free Claudia Pechstein" tragen könnte. Grengel ist Pechsteins Manager und hat auch das Buch geschrieben. Der geschulte PR-Mann präsentierte zum Beweis eine SMS des besagten Medienmenschen. Aha, dachte man, Pechstein hat's also auch erwischt. Irgendwie scheint es in diesen Tagen nicht unschick zu sein, von dunklen Gedanken zu berichten. Fast könnte man denken, aus einem Tabu sei ein verkaufsförderndes Argument geworden. Aber das ist ein unerhörter, ein zynischer Gedanke.

Wie immer in den vergangenen Monaten ließen Grengel, Pechstein und Co keinen Zweifel daran, dass die einstige "Gold-Claudi" natürlich unschuldig und zu Unrecht verurteilt wurde. Alle haben sie keine Ahnung, die Richter des internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne, die Richter des Schweizer Bundesgerichts, "Möchtegern-Experten", die deutschen Sportfunktionäre und die kritischen Journalisten sowieso. Ihnen wird ein eigenes Kapitel im Buch gewidmet, Überschrift: "Von Journalisten und Hexenjägern". Da werden die Bösewichter dann alle namentlich genannt, dahinter steckt der kaum verhohlene Vorwurf: Wieso konntet ihr mir, dem Opfer, nicht glauben, warum seid ihr nicht Teil meiner Kampagne gewesen? Und natürlich präsentierte Grengel erneut wasserdichte Beweise, zerrte erneut Gutachten von "führenden" Blutspezialisten aus der Tasche und präsentierte erneut eine derart dichte Beweiskette, dass einem die Ohren schlackerten.

Das Motiv ihrer Schriftstellerei war dann ebenso wenig ein Geheimnis wie das baldige Comeback der Leistungssportlerin aus Berlin-Hohenschönhausen: "Ein Buch ist nun mal eine gewisse Abrechnung", sagte sie. Ein Rundumschlag macht sich vor allem dann gut, wenn die "Liste der Feinde" in den vergangenen Monaten "größer geworden ist". Böse sind zum Beispiel der Journalist und Blogger Jens Weinreich, böse ist der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach (weil er mit Sekt der Marke "Pechstein" angestoßen hat), böse ist auch Franziska Schenk, die "Anna Kournikowa des Eisschnelllaufens". Warum? Sie habe ihre Nase stets höher getragen als der Rest im Team. Ein schlimmes Vergehen.

"Generation Geil"

Sie habe sich eben nie den Mund verbieten lassen, sie wolle stets sagen, was sie denke, sagte Pechstein. Die Polizeihauptmeisterin, die ihren Beamtenstatus nach einem für sie günstig verlaufenen Disziplinarverfahren nicht aufgeben muss, teilt im Buch also ein wenig aus. Das wird ihrem Verleger, dem Herrn Schwarzkopf, durchaus recht sein. Denn vielleicht verkauft sich der Pechstein-Schicken ja so gut wie die Verlagsrenner "111 Gründe, Autos zu lieben", "Generation Geil" oder "Bester Sex, Teil 3".

Letztes Mittel: Claudia Pechstein wendet sich nun an den Gerichtshof für Menschenrechte. Ohne Quatsch

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