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  • 07.03.2012

Radio, mit Hörern

SCHLAGLOCH VON MATHIAS GREFFRATH Munter arbeiten die Öffentlich-Rechtlichen gegen das gehobene Wort an

Neuntausend passionierte Radiohörer - darunter Elke Heidenreich, Richard David Precht, Navid Kermani, Heribert Prantl - haben im Februar in einem offenen Brief an Monika Piel, die Intendantin des Senders, gegen die "Reform" des Kulturradios WDR 3 protestiert.

Das inhaltsvolle Wort, es ist auf WDR 3 wie in anderen dritten Programmen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr und mehr verschwunden. Immer weniger Hörspiele und kunstvolle Features über soziale Themen, Zukunftsfragen, politische Debatten und Lesungen, stattdessen Formatierung, Magazinisierung, Durchhörbarkeit. Der Geist all dieser von Hekatomben an Spiegelstrich-Literatur begleiteten "Innovationen" heißt: Entmischung. Konstruierte "Markenkerne" und "Musterhörer"-Modelle definieren die kognitiven und kulturellen Unter- und Obergrenzen der in Inhalt und Sprache homogenisierten Wellen: Anspruchsvolles für Akademiker, Junges für die Jungen, Altes für die Alten, leicht Verdauliches für die Normalos - Standardnahrung in segmentierten Shoppingmalls, in denen der Computer die Musikteppiche ausrollt.

Was ist eigentlich Kultur?

Und nun werden noch einmal 32 Minuten Politmagazin und ein Feature gestrichen, ein Kulturmagazin mit Wiederholungen geflutet, die Musikabteilung zerschlagen. Von außen gehört, fällt das kaum noch ins Gewicht, aber es war ein Schnitt zu viel. Das Grollen der WDR-Redakteure entzündet sich vor allem daran, dass, wieder einmal, zunächst "sachgemäß auf Leitungsebene" geplant und dann top-down exekutiert wurde. "Managing the Unmanageable", so hieß einst ein legendärer Artikel des Time-Warner-Chefs Hedley Donovan; sein Tenor: Man kann Geistesarbeitern nichts aufdrücken, man muss sie mit Gedanken verführen. Nichts davon in den Papieren der WDR-Hierarchie. Unter hundert Seiten inhaltsfreier Schemata allein der lakonische Rat, die Redakteure könnten ja "bei passender Gelegenheit", nach erfolgter Reform, mit der Intendantin darüber diskutieren: "Was ist eigentlich Kultur?"

In der Antwort auf den Brief der Neuntausend bescheinigt Hörfunkdirektor Schmitz den Kritikern, sie hätten keine Ahnung vom "kleinen Einmaleins der Marktforschung", aber natürlich werde man auch in Zukunft die "besonderen Interessen einer Minderheit (!) von HörerInnen an kritischer Begleitung der gesellschaftlichen Entwicklung auch aus ungewöhnlicher Perspektive" berücksichtigen.

Durch die gewundene Formulierung zieht ein Hauch von Ekel vor sogenannt "Elitärem"; und wer Schmitz' Empfehlung folgt, die Liebhaber des "gehobenen Wortes" könnten ja das Wortprogramm WDR 3 einschalten, findet dort, von raren Stunden abgesehen, das Übliche: Magazine, Kurzbeiträge, Höreranrufsendungen.

Das Dogma der Entmischung

Sicher, die Technik, die Medien, die "Hörgewohnheiten" haben sich geändert, aber nicht ohne tätige Mitwirkung von Rundfunkräten und Intendanten. Und, das Argument mit den "Hörgewohnheiten" war schon immer zirkulär, wenn nicht zynisch. Denn wer nur Schnipsel hört, hat nie erfahren, wie schön es ist, Auto zu fahren und dabei einen Roman oder ein Hörspiel zu hören; wer nie herausgefordert wird, hat nie erlebt, wie beglückend ein neuer Gedanke ist; wer nie Fremdwörter hört, wird nie welche lernen. Dahinter steckt ein marktliberales Menschenbild - die "Präferenzen" des Kunden (den sie so sozialisiert haben) müssten "bedient" werden -, aber nicht das Ethos des Journalismus und schon gar nicht der Bildungsauftrag des gebührenfinanzierten Rundfunks.

Wäre es da nicht an der Zeit, statt als Letzter auf die Häckselmaschine zu springen, über "Markenkerne" ganz neuer Art nachzudenken? Statt immer weiter zu entmischen, eine große Debatte zwischen Machern, Hörern, Künstlern und Wissenschaftlern zu entfachen, "was eigentlich Kultur" sein könnte in einer Öffentlichkeit, die immer überreizter ist, in einer Gesellschaft, die vor lauter Diversifizierung keine gemeinsame Sprache, keine folgenreichen Debatten hervorbringt, in einer Kultur, die ihren Kanon verloren hat und ihre Gemeinsamkeiten mit Blick auf die Zukunft herstellen muss, in der die Räume für Reflexion immer rarer und teurer werden?

Stille Wut reicht nicht

Der WDR-Rundfunkrat, erschrocken über die neuntausend Protestierer, hat die Planung zurückverwiesen, aber die zum Durchmarsch entschlossene Direktion des Senders will schon in 14 Tagen eine "überarbeitete" Fassung vorlegen, die nicht groß anders aussehen dürfte. Unterschriften nützen da wenig, auch die stille Wut von Redakteuren nicht. Auch sie, die Programmmacher an der "Basis", sind nicht unschuldig an der Erosion. Sie sind gut ausgebildet, materiell privilegiert, mit Studios und Archiven ausgestattet, von denen die neuen Kollegen vom Internetradio - wo viele Sendeformen die Ur-Intentionen des Kulturradios mit billigsten Mitteln neu beleben - nur träumen können. Aber über die Jahre haben sie außer Resolutionen wenig Sand ins Getriebe des Sinnschredderns gestreut. Wenn sie sich nicht selbst mobilisieren, werden die leidenden Stammhörer aussterben. Die Öffentlichkeitsangst, der Hierarchiebammel, die Paranoia dieser (anders als ihre Printkollegen) fast unkündbaren Redakteure sind legendär: auf die-radioretter.de wird vorauseilend über mögliche "Repressionen" geklagt. Ja, wo leben wir denn? Gibt es keine Kopierer mehr in den Anstalten? Keine Flure? Keine Mikrofone? Vor allem aber: "Produkte kann man nur mit Produkten bekämpfen" (Alexander Kluge). Wo bleibt der inhaltliche, Furore machende Gegenentwurf der Redakteure, vielleicht sogar in Kooperation mit einigen der Unterzeichner?

Nur mal als, strikt persönliche, Anregung: Wie wäre es denn mit einem allsonntäglichen Philosophie-Abend mit Richard David Precht, einer Krisen-Serie mit Harald Schumann, einer vollständigen Lesung von "Tschick" durch Tim Staffel, einem wöchentlichen Blick auf den Islam von Navid Kermani? Das wäre doch mal ein Anfang, Kulturradio würde Kult, das wäre ein Radiofrühling.

Flimmern + Rauschen SEITE 17

Ein Hauch von Ekel vor "Elitärem" durchzieht die Worte des Rundfunkdirektors, als er die Marktforschung verteidigt



Mathias Greffrath 

 lebt als freier Autor und Publizist in Berlin. Er hat an der Unterschriftenaktion teilgenommen und zuletzt an dieser Stelle über das Agiprop-Theater von René Pollesch geschrieben: "Kitsch, ach was!"

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