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  • 24.11.2010

Wo katholisch sein noch gefährlich ist

GLAUBEN Bis heute werden Katholiken in China verfolgt. Manche Bischöfe sitzen dort schon seit Jahren im Gefängnis. Weil sie sich nicht den Regeln des Regimes in Peking beugen. Tun sie das aber, geraten die allzu braven Oberhirten recht schnell mit dem Vatikan in Konflikt

AUS PEKING PHILIPP GESSLER

Das Gespräch erstirbt, sobald ein Kunde auftaucht. In einem Blumenladen irgendwo im Nordosten Pekings sitzt eine einfach gekleidete Frau Ende vierzig. Sie flüstert, denn jede und jeder könnte ein Spitzel sein. Sie erzählt von den Zusammenkünften von Christen im Untergrund. Von Messen, die in Privathäusern in der Provinz stattfinden. Von anonym auftretenden Priestern, die Sakramente spenden. Von der Polizei, die bei Katholiken auftaucht, die die Treffen organisiert haben. Glauben kann gefährlich sein in China.

Noch immer wird die katholische Kirche in China verfolgt - wenn sie sich nicht den Regeln des Regimes beugt. Da sind etwa die Bischöfe von drei Diözesen in der Provinz Hebei: Su Zhimin sitzt seit 1996 im Gefängnis, Shi Enxiang seit 2001. Im Polizeigewahrsam starb Bischof Han Dingxiang am 9. September 2007. Einiges spricht dafür, dass der Siebzigjährige den Folgen von Folter erlegen ist.

Empört reagierte die internationale Öffentlichkeit jüngst auf die Tatsache, dass der zu elf Jahren Haft verurteilte chinesische Dissident Liu Xiaobo die Nachricht von der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn erst nach Tagen und weiter hinter Gittern erhielt. Warum sind die Bischöfe Su, Shi und Han so unbekannt?

Ein Grund ist, dass ein großer Teil der chinesischen Katholiken nicht öffentlich auftritt, weil man sich als Teil einer Untergrundkirche versteht, die seit Jahrzehnten existiert. In der vergangenen Woche hat sich die Lage für die Verfolgten wieder zugespitzt. Peking und Rom schauen gebannt auf die katholische Kirche im Reich der Mitte.

Das ist in gewisser Weise erstaunlich. Denn die katholische Kirche in China ist vergleichsweise klein. In der Volksrepublik leben derzeit wahrscheinlich nur zwischen 12 und 14 Millionen Katholiken. Doch hier, im Reich der Mitte mit seinen rund 1,4 Milliarden Menschen, könnte in wenigen Jahrzehnten eine der größten Teilkirchen der Kirche Roms entstehen. Die Dynamik ist enorm: Seit Gründung der Volksrepublik 1949 hat sich die Zahl der Katholiken etwa vervierfacht - und eine weitere Expansion ist ziemlich wahrscheinlich.

Pekings Kontrollstreben

Denn die Explosion der Zahl der Katholiken in China hat Tradition. So zählte man in der Zeit der Republik China von 1911 bis 1948 über 3 Millionen katholische Christen - und das, obwohl kurz zuvor während des Boxeraufstandes im Jahr 1900 noch rund 18.000 Christen ermordet worden waren. Diese Blüte in Freiheit aber brachte Mao Tse-tung zum Stoppen, als er 1949 die Volksrepublik als einen atheistischen Staat ausrief - mit der Folge der Verfolgung aller Religionen, auch des Christentums. Vor allem in den fünfziger Jahren wurden alle christlichen Missionare ausgewiesen, chinesische Priester, Mönche und Nonnen in Gefängnisse gesteckt.

Auf Druck der Kommunistischen Partei wurde 1957 die Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholischen Kirche gegründet - es folgte eine Spaltung, die bis heute anhält: hier die romtreue sogenannte Untergrundkirche, dort die vom Staat anerkannte offizielle Kirche. Zwar wurden bei der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 auch die offiziellen Katholiken verfolgt. Nach der Öffnung Chinas in den achtziger Jahren aber erleiden dies fast nur noch die Untergrundkatholiken.

Warum? Das Wesentliche ist bis heute für die Nomenklatura Pekings die Machtfrage. Deshalb sucht sie auch die totale Kontrolle aller religiösen Bewegungen. Dieses Denken gründet auf den "Drei Selbst", die Mao schon 1950 verkündete. Das heißt: Selbst-Erhaltung, also eine finanzielle Unabhängigkeit der Kirche, Selbst-Verbreitung, also keine ausländische Mission im Lande. Und vor allem Selbst-Verwaltung, also Unabhängigkeit von Rom. Am 30. Juli 2007 aber begann mit einem Brief von dort an die chinesische Kirche ein neues Kapitel im Kampf Peking - Rom: Papst Benedikt XVI. mahnte die Untergrundkirche wie die offizielle Kirche zur Einheit.

Der Papstbrief war in der Untergrundkirche umstritten. Bitter schrieb ein anonym gebliebener junger Priester aus Nordchina: "Der Brief des Papstes erwähnt mit keinem einzigen Wort die Bischöfe und Priester, die noch im Gefängnis sind. Ich persönlich halte das wirklich für einen Mangel. Wir haben nicht erwartet, dass der Papst in seinem Brief zu großer Unterstützung für diese leidenden Brüder aufruft, weil die Kirchengeschichte uns lehrt, dass diejenigen, die, in welchem Land auch immer, ihr Leben und ihr Blut für den Glauben hingeben, am Verhandlungstisch nicht viel zählen."

Dennoch: Die katholische Kirche ist so präsent wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gab es nach der Kulturrevolution in China gerade noch zwei katholische Kirchen, sind es heute wieder über 6.000. Zehntausende Gläubige nehmen an Marienwallfahrten teil. Hört man sich unter normalen Katholiken um, scheint es vielen schlicht egal zu sein, ob sie nun eine offizielle oder eine Untergrundmesse erleben.

Inzwischen hat sich auch die Mehrzahl der ohne päpstliche Erlaubnis geweihten Bischöfe der offiziellen Kirche nachträglich um ein Placet aus Rom bemüht. Manche Kirchenexperten gehen davon aus, dass bereits etwa 80 Prozent des chinesischen Episkopats vom Heiligen Vater anerkannt wurde. Einige "Untergrund"-Bischöfe gelten in der Sicht der Behörde zwar weiter als illegal, können aber offen in einer Kirche residieren.

Zudem gibt es durchaus prächtige Bischofskirchen von Oberhirten der Untergrundkirche - darunter Gotteshäuser mit über 50 Meter hohen Türmen.

Bischofsweihe gegen Vatikan-Willen

Am vergangenen Sonntag aber gab es einen herben Rückschlag für die Annäherung zwischen Rom und Peking: Erstmals nach vier Jahren und nach dem Papstbrief wurde unter massiver Polizeipräsenz in der Provinz Hebei wieder ein Bischof der offiziellen Kirche geweiht, gegen den sich der Vatikan ausdrücklich ausgesprochen hatte. Die Polizei zwang sogar mehrere Bischöfe dazu, an der Ordination teilzunehmen, wogegen der Vatikansprecher im Vorfeld zusätzlich scharf protestiert hatte.

Mit Spannung wird auch die 8. Nationalversammlung der offiziellen Kirche erwartet, die bis Ende dieses Jahres stattfinden soll. Peking erkennt nur fünf "Religionen" offiziell an, nämlich den Buddhismus, den Taoismus, den Islam, den Katholizismus und den Protestantismus - der Rest, darunter das Judentum, gilt als "Aberglaube". Die offiziellen "Religionen" müssen alle fünf Jahre Nationalversammlungen abhalten, die ihre neue Führungsspitze bestimmen.

Zuletzt hat die offizielle katholische Kirche 2004 ihre Versammlung abgehalten, die als höchstes Selbstleitungsorgan der "patriotischen" Kirche gilt. Angeblich unter anderem wegen der Expo in diesem Jahr wurde die Zusammenkunft mehrmals verschoben. Schon vor Monaten hatte der Vatikan seinen Bischöfen empfohlen, nicht daran teilzunehmen. Zwar steht immer noch kein genauer Termin fest, aber erste Nominierungen dafür gab es in den vergangenen Wochen. Bei der letzten Nationalversammlung der Katholiken kamen neben Parteioffiziellen etwa 300 Bischöfe, Priester, Nonnen und Laien. Die Versammlung soll die offizielle "Bischofskonferenz" sowie die Leitung der "patriotischen" Kirche wählen. Beide Gremien werden jedoch vom Vatikan nicht anerkannt.

Natürlich ist die Untergrundkirche, trotz der Verfolgung, keine Gemeinschaft von Heiligen. Ein intimer Kenner der Untergrundkirche, der anonym bleiben will, berichtet von starken patriarchalen Strukturen, die sich gerade im Untergrund sogar noch stärker bewahrt hätten, als sie sowieso schon in der katholischen Kirche weltweit zu finden sind. So bietet er, obwohl selber Geistlicher, im Untergrund für Seminaristen und Nonnen Kurse zur Sexualaufklärung an - um die Schwestern vor sexueller Bedrängung, ja sogar Vergewaltigung besser zu schützen.

In der Südkathedrale Pekings haben sich an die hundert Gläubige versammelt. Die Kirche ist auf den Namen der Jungfrau Maria geweiht, ziemlich kitschig und ganz klar ein Gotteshaus der offiziellen Kirche. Gerade findet eine englischsprachige Messe statt, ein Jugendchor schmettert, mehr begeistert als gekonnt, ein paar angepopte Sakralsongs. Im Hochgebet kurz vor der Kommunion betet der Priester auch für den Papst Benedikt XVI., wie überall in der katholischen Welt. Doch hier wirkt das erstaunlich. Nach der Messe steht vor der Kathedrale in einem flachen Seitengebäude eine Tür auf. Darin ist das Büro der Gemeinde. Ein freundlicher Mann begrüßt einen herzlich, macht etwas Small Talk, weicht aber allen zaghaften Fragen nach der Untergrundkirche aus. Unvermittelt ruft er: "Welcome to China!", dann ist das Gespräch beendet. An einer Wand hängt ein süßliches Bild von Engelchen, die vom Himmel herab auf die Erde schauen - sie blicken auf den Vatikan.

Auf Druck der Kommunistischen Partei wurde 1957 die Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholischen Kirche gegründet - es folgte eine Spaltung, die bis heute anhält: hier die romtreue sogenannte Untergrundkirche, dort die vom Staat anerkannte offizielle Kirche

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