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  • 21.09.2007

"Lea oder Leon?"

Angehende Eltern können jetzt schon frühzeitig erfahren, ob ihr Nachwuchs ein Junge oder Mädchen wird. Eine Kölner Firma bietet eine Geschlechtsbestimmung an, die schon ab der achten Schwangerschaftswoche durchgeführt werden kann

VON WOLFGANG LÖHR

Seit einigen Monaten können jetzt auch werdende Eltern in Deutschland schon sehr früh erfahren, ob der Nachwuchs ein Junge oder ein Mädchen wird. Das in Köln ansässige Unternehmen PlasmaGen bietet einen "Gendertest" an, mit dem "bereits ab der 8. Schwangerschaftswoche" das Geschlecht des ungeborenen Kindes ermittelt werden kann. Humangenetiker befürchten, dass der Test dazu missbraucht werde, Föten mit einem unerwünschten Geschlecht innerhalb der gesetzlichen Frist von zwölf Wochen abzutreiben. Die bisher übliche Geschlechtsbestimmung mittels Ultraschall erfolgt in der Regel erst ab der 16. Schwangerschaftswoche. Die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik (GfH) sieht daher einen "dringenden" Handlungsbedarf. Der Gesetzgeber müsse "alle vorgeburtlichen genetischen Untersuchungen verbieten, für die es keine medizinische Begründung gibt", so die Forderung des GfH.

"Lea oder Leon? Erfahren Sie das Geschlecht Ihres Babys! Einfach. Frühzeitig. Risikolos." heißt es auf den Webseiten von PlasmaGen. Eine winzige Blutprobe reicht für den Test schon aus. Das Kölner Unternehmen untersucht dann, ob in der eingeschickten Blutprobe DNA des männlichen Y-Geschlechtschromosoms nachweisbar ist. Liegt ein positives Testergebnis vor, muss das Kind ein Junge sein. Das Testverfahren beruht darauf, dass über die Plazenta DNA des Fötus in den Blutkreislauf der Mutter gelangt. Da die Mutter selbst nur Trägerin der beiden X-Chromosomen ist, muss ein vorhandenes Y-Chromosom zwangsläufig von einem oder mehreren männlichen Kindern kommen.

Schwierig wird es, wenn die Mutter Mehrlinge in sich trägt und diese unterschiedlichen Geschlechts sind. Denn mit dem Test kann nur die An- oder Abwesenheit eines Y-Chromosoms ermittelt werden. Ein positives Ergebnis könnte somit zum Beispiel bei Zwillingen bedeuten, es sind entweder zwei Jungen oder ein Junge und ein Mädchen.

Die Treffsicherheit gibt PlasmaGen mit 99 Prozent an. Sollte das Unternehmen einmal daneben liegen, gibt es die 149 Euro, die die Untersuchung kostet, zurück. Bezahlen müssen den Test die Eltern, denn mit Ausnahme einiger weniger Fälle gibt es keinen medizinischen Grund den Gendertest durchzuführen. Er dient lediglich der Neugierde der Eltern und dafür dürfen die Krankenkassen nicht aufkommen. Medizinisch begründet kann der Test nur, wenn das Risiko besteht, dass eine geschlechtsgebundene Erbkrankheit an das Kind weitergeben wird.

Bei der Kritik, Eltern könnten den Test dazu nutzen, geschlechtsspezifische Familienplanung mittels Abtreibung durchzuführen, wäscht PlasmaGen seine Hände in Unschuld. Denn der Auftrag für die Geschlechtsbestimmung kann nur über einen Arzt erfolgen. Und dieser soll das Ergebnis laut PlasmaGen "aus Respekt vor dem ungeborenen Leben erst nach Ablauf der 12. Schwangerschaftswoche" den Eltern mitteilen. Doch gesetzlich sei die "Schweigepflicht des Arztes bis zur 12. Schwangerschaftswoche nicht vorgegeben", berichten die Mediziner Katharina Refardt und Heribert Kentenich von der Frauenklinik Westend in Berlin in einem Beitrag des Deutschen Ärzteblatts von Anfang September. Die Entscheidung, ob sie das Testergebnis früher mitteilen, liege allein im Ermessen des Arztes. Sie warnen alle Gynäkologen davor, diesen "ethisch höchst fragwürdigen Test anzuwenden".

Refardt und Kentenich befürchten zwar nicht, dass der Test hierzulande ein Renner wird. Denn in den westlichen Kulturkreisen seien Jungen und Mädchen "gleichermaßen willkommen". Sie berichten aber auch, es gebe Hinweise darauf, dass vor allem in Berlin gezielt Gynäkologen mit ausländischen Patientinnen von der PlasmaGen AG beworben werden. Und in anderen Ländern wie zum Beispiel China und Indien ist die Geschlechtsselektion immer noch weit verbreitet. So sollen allein in Indien laut einer in The Lancet veröffentlichten Studie jährlich rund 500.000 Föten abgetrieben werden, weil sie weiblichen Geschlechts sind.

Doch ob alle Gynäkologen die Warnungen berücksichtigen werden, ist fraglich. Denn für sie ist es ein Zusatzgeschäft. In einschlägigen medizinischen Informationsdiensten wird der PlasmaGen-Test als "neue Top-IGeL für die gynäkologische Praxis" beworben. Unter IGeL werden die Ärzteleistungen zusammengefasst, die oftmals ohne medizinischen Grund freiwillig und auf eigene Kosten von Patienten in Anspruch genommen werden. Für den Arzt ist es eine zusätzliche Einkommensquelle.

Der Test dient lediglich der Neugierde der Eltern, und dafür dürfen die Krankenkassen nicht aufkommen



geschlechtsbestimmung

Das Geschäft ist längst global

Geplant ist ein Gendiagnostikgesetz schon seit Jahren. Wiederholt hieß es auch aus dem Gesundheitsministerium: Demnächst werde ein Gesetzesentwurf vorgelegt. Geschehen ist jedoch nichts - es ist bei den Ankündigungen geblieben. Dabei besteht schon lange politischer Handlungsbedarf, nicht erst seitdem die Kölner Firma PlasmaGen den umstrittenen vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmungstest anbietet. Auf dem Markt sind längst schon zahlreiche Gentests, mit denen angeblich festgestellt werden kann, für welche "Volkskrankheiten" man anfällig ist. Mit dem Testergebnis erhält der Kunde dann auch gleich Empfehlungen für zukünftiges gesundes Verhalten: Was er essen darf und was er meiden sollte. Viele von diesen Tests sind wissenschaftlich nur als dubios einzustufen. Humangenetiker fordern schon seit langem, dass diesen Geschäftemachern das Handwerk gelegt werden müsse. Nur medizinisch begründbare genetische Untersuchungen dürften zulässig sein. Und: Nur ein Arzt soll sie verordnen dürfen. Doch selbst wenn eine derartige Regelung mal vom Gesetzgeber beschlossen werden sollte, das Problem wird man damit nicht in den Griff bekommen. Denn das Geschäft mit den Gentests ist schon lange international geworden. Auch die Geschlechtsbestimmung à la PlasmaGen kann man schon in anderen Ländern durchführen lassen. In den USA, in Kanada und seit vergangenem Jahr auch in Großbritannien. Die Auftragserteilung erfolgt über das Internet, und einen Arzt dazu braucht man auch nicht. WOLFGANG LÖHR

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