die tageszeitung von heute

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Ausgabe von: 19.09.2007
  • Kommunikative Finte

    betr.: "Kardinal Meisner und die ,entartete Kunst'. Der Kalif von Köln", taz vom 17. 9. 07

    Was wäre passiert, wenn Meisner nicht "entartet", sondern "fragwürdig" gesagt hätte? Nichts. Dass er vor ein paar Wochen das Richter'sche Domfenster durch sein Fernbleiben adelte, rührte ja kaum jemanden wirklich. Da musste also noch mal was nachgelegt werden. Insofern, erst mal Respekt vor der kommunikativen Finte des Erzreaktionärs, auf die wir alle reinfallen, die wir uns jetzt mit seinen Ansichten auseinandersetzen. Müssen wir das? Ja. Denn das mittlerweile ziemlich beunruhigende Wiedererstarken nationalistischer und religiöser Positionen, die man nun mit Fug und Recht als reaktionär bezeichnen darf, da sie tatsächlich Reaktionen darstellen, macht die Auseinandersetzung wohl dringend notwendig.

    Dass Meisner sich die Kunst als Zielscheibe seiner rückwärts gewandten Kulturkritik vornimmt, ist dabei weder falsch noch ungeschickt. Tatsächlich kann man sich ja fragen, ob Kunst wirklich und auf Dauer als Religionsersatz taugt - mit dem modernen Kunstverständnis maßt sie sich das nicht nur an, sondern erfüllt tatsächlich exakt diese Funktion für viele, die sich heute produzierend, konsumierend oder kritisch mit ihr auseinandersetzen. Das Unwohlsein an der kapitalistischen Moderne mit ihrer zum Teil antihumanistischen und den Individualismus propagierenden Ideologie kommt nicht von ungefähr und wird von vielen, auch von mir, so empfunden.

    Meisners Provokation wird vermutlich Früchte tragen, weil wir, die Verfechter einer Kultur, für die wir eigentlich keinen Namen haben (moderne, eigene, kapitalistische, säkulare, tolle, irgendwie?), auch keine Antwort darauf haben, wie mit diesem Unwohlsein ohne Flucht in Mystizismus oder Konsumismus umgegangen werden kann.

    Im Augenblick halten wir uns an der Vorstellung fest, dass die Antworten schon von alleine kommen werden, dass sich das allgemeine Sinndefizit individuell und im freien Austausch regulieren wird. Das kann man - wenn man etwas boshaft sein möchte - auch neoliberal nennen. Und damit aus meiner Perspektive als Teil des Problems bezeichnen, dem wir das aktuelle religiöse und nationalistische Rollback verdanken. PETER WITT, Düsseldorf

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Stimmen der Jugend

    betr.: "Es geht auch ohne Gewalt", taz zwei vom 7. 9. 07

    Mit Freude habe ich den Artikel bzw. die Befragung der TeilnehmerInnen des Seminars für junge Deutsche, Palästinenser und Israelis gelesen. Prinzipiell ist es immer ein gutes Thema, wenn der Nahostkonflikt mal anders behandelt wird.

    Etwas enttäuscht war ich auch, denn das Thema hättet ihr schon früher und auch noch zusätzlich mit Syrern, Ägyptern und anderen jungen Leuten, die vom Nahostkonflikt betroffen sind, haben können. Ende Mai/Anfang Juni hat das Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt und der Schwarzkopf-Stiftung "Junges Europa" das erste Euro-Mediterrane Jugendparlament in Berlin veranstaltet. Da kamen Jugendliche aus den EU-Mitgliedstaaten und den Mittelmeer-Anrainerstaaten des Nahen und Mittleren Ostens, Nordafrikas und der Türkei zusammen, um sich zuerst zu verschiedenen Themen in Ausschüssen "zusammenzuraufen" und ein gemeinsames Positionspapier zu erstellen, das dann jeder Ausschuss für sich in ein zweitägiges Parlament einbrachte und zusammengefasst in einer Resolution für die Zukunft der Euro-Mediterranen Partnerschaft verfasste (www-goethe.de/emyp).

    Die Sensation am ersten "EMYP" war, dass es keine Sensation gab. Getreu dem Motto "Only bad news ar good news" hat das in puncto Kulturaustausch und Parlamentsergebnisse auch leider nur die Deutsche Welle und Radio Multikulti interessiert. Da frag ich mich schon, was die Stimme der Jugend von heute, die ja die Euro-Bürger von morgen sind, eigentlich wert ist und wer die hören will?

    KERSTIN FRITZSCHE, Darmstadt

  • Auf der Lauer: Wanzen

    betr.: "Der Feind in meinem Bett", taz vom 12. 9. 07

    So, so, die Wanzen sind wieder da! Na, herzlich willkommen. Und wie hilflos wir ihnen ausgeliefert sind, zeigt der Bericht von Frau Plachy über den völlig unsinnigen Bekämpfungsversuch. "Das Kind hat Wanzen", soll der offenbar gleichfalls ahnungslose Arzt gesagt haben. Man hat nicht Wanzen wie Läuse oder Flöhe, das heißt, man trägt sie nicht mit sich herum, sondern sie wohnen bei einem zu Hause, sozusagen als unwillkommene Hausgenossen. Vorzugsweise hinter Bilderrahmen oder Tapetenleisten, wo Kammerjäger in früheren Zeiten auch als erstes nach ihnen suchten. Und in der Wohnung muss man sie auch bekämpfen. Mit Lindan am Körper bringt man eher das Kind um als die Wanzen.

    Bis in die Nachkriegszeit (WK II) hinein waren alte Städte wie Paris oder Berlin völlig verwanzt, und zwar nicht nur in Rotlichtvierteln, sondern in guten alten Bürgerhäusern. Wien galt als Wanzenhochburg. Um sich ihrer zu erwehren, verließ man für ein bis zwei Tage seine Wohnung und räucherte sie mit Chemikalien aus, was einige von ihnen dann auch dahinraffte. Die meisten aber zogen auf nur Insekten bekannten Schleichpfaden in die nächste Wohnung. Ihrer Herr wurde man erst mit der Erfindung des DDT, das ihnen, großflächig eingesetzt, endgültig den Garaus machte. Endgültig? Wohl nicht. Nachdem DDT zu Recht verboten worden ist, scheinen sich die Wanzenpopulationen ja wohl wieder erholt zu haben. Na danke, geht das also wieder los. SIGRID WIEGAND, Berlin

  • Frau Doktor trägt Hosenanzug

    betr.: "Gurke des Tages", taz vom 13. 9. 07

    Frau Merkel als "trutschige Mutti im Kostüm" zu bezeichnen: ach, nee! Das ist das Niveau von Fernsehkabarettisten, denen sonst nichts mehr einfällt. Ich bin bestimmt kein Anhänger ihrer Politik, aber vor einer Frau mit einem Doktortitel in Physik habe ich Hochachtung! Meistens trägt sie übrigens Hosenanzüge. Männliche und weibliche Naturwissenschaftler legen meistens den Schwerpunkt ihres Denkens nicht darauf, auszusehen wie Popstars - gottseidank!

    CHRISTINE KLEMM, Hamburg