die tageszeitung von heute

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Ausgabe von: 04.01.2008
  • Ein wunderschönes Sittengemälde

    betr.: "Hiddensee - Insel sein!", taz-Reise vom 22. 12. 07

    Es versteht sich von selbst, dass ein Hiddensee-Artikel Nina Hagens wunderbaren DDR-Song zitiert. Aber euer Artikel geht sträflich nachlässig mit diesem wichtigen Dokument um. Dass der Junge nicht "Mischa", sondern "Micha", genauer "Micha-eeel!!" heißt, habt ihr wohl selbst gemerkt und in der Online-Version korrigiert.

    Aber viel wichtiger: Die Datierung ist falsch! Das Lied stammt von 1974 und nicht von 1984, wie ihr schreibt; das ist keineswegs nebensächlich. Ein Farbfilm war 1974 noch kostbarste Westware, teuer im Intershop erstanden (1984 gab es bereits Orwo-Farbfilme), absolut nicht "läppisch", wie die zitierte Gewährsfrau schreibt. Wenn Nina ihren Michael wegen des vergessenen Farbfilms zu verlassen droht, dann hängt daran die halbe DDR-Seligkeit: Ein (privater) Ostsee-Urlaub war für DDR-Bewohner wesentlich schwerer zu bekommen als zum Beispiel einer am Schwarzen Meer, und wenn dann das wichtigste Stück für späteres Schwelgen beim Blättern im Fotoalbum ("Ick im Bikini und ick am FKK, ick frech im Mini, Landschaft is ooch da" …) zu Hause geblieben ist, dann ist es kein Wunder, wenn Ninas Tränen "heiß kullern"! Übrigens heißt es auch nicht "So böse stampfte mein nackter Fuß im Sand", sondern "den Sand" - und man sieht das wütende Bikini-Ossi-Mädchen genau vor sich und möchte nicht in Michas Haut stecken! Ein wunderschönes Sittengemälde!

    BÄRBEL HAUDE, Göttingen

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • In frühester Kindheit aussortiert

    betr.: "Kommt, denkt ein bisschen um!"

    Nicht die staatliche Schule nimmt Chancen, lässt Menschen verarmen und verschüttet Potenziale, sondern eine Bildungs- und Familienpolitik welche schon in frühester Kindheit die "aussortiert" welche man glaubt nicht zu brauchen. Dass diese Kinder dann frühzeitig auf dem Abstellgleis landen, hat nichts mit staatlicher Schule an und für sich zu tun, sondern unter anderem damit, wie staatliche Schule gestaltet wird. Die Privatschulen tragen dazu bei, dass die Ungerechtigkeit noch zunimmt, und sie tragen sehr wohl zur "Entmischung" der gesellschaftlichen Schichten bei. Wer sich zum Beispiel die Zusammensetzung der Schüler/innen von Waldorfschulen ansieht, wird feststellen, wie verschwindend gering dort der Anteil von Kindern aus benachteiligten Gesellschaftsschichten ist.

    Der Wettbewerbsgedanke zwischen Privat- und staatlicher Schule, den Christian Füller in seinem Kommentar einfordert, ist ein Wettbewerb zwischen einem Formel-1-Rennwagen und einer zehn Jahre alten Familienkutsche. Erst wenn sich die Privatschulen auch in großem Umfang den Kindern aus den unteren sozialen Schichten widmen würden oder müssten und keine Abschottungspolitik gegenüber diesen betreiben würden, könnte man dem Wettbewerbsgedanken etwas abgewinnen. FRIEDHELM KRAUS-BEHRINGER, Bonn

  • Neoliberales Wettbewerbsgeseire

    betr.: "Kommt, denkt ein bisschen um!"

    Ich möchte Christian Füller erleben, wenn er feststellt, dass die von ihm so gepriesenen privaten Schulen in der Tendenz sich alle selbstverständlich ausschließlich nach wirtschaftlichen Interessen und Gesichtspunkten bei dem "Verkauf" ihrer Dienstleistung richten. (Denn darum geht es, um "Verkauf" von Bildung und nicht um Bildungsauftrag!)

    Ähnlich übrigens wie das private Fernsehen - dessen Qualität wir ja täglich schätzen können. Herr Füller ist wahrscheinlich auch ein Anhänger dieses Fernsehens, weil es ja Wettbewerb schafft. Bildungsauftrag, den das Fernsehen auch hat, aber umso mehr und sogar par excellence die Schulen, ist da nicht mehr so wichtig.

    Es ist mehr als traurig, wo der gebeutelte Bürger auch hinschaut, nichts als neoliberales Wettbewerbsgeseire. RALF ARNING, Berlin

  • Eine gruselige Vorstellung

    betr.: "Idee von Erziehungscamps bringt SPD auf", taz vom 2. 1. 08

    "Erziehungscamps" in Deutschland - eine gruselige Vorstellung, die deutlich macht, mit welcher hilflosen Ohnmacht Befürworter solcher "Maßnahmen" den Folgen eigener fehlender erzieherischer Sozialkompetenz und gravierender Mittelkürzungen im Sozialbereich gegenüberstehen. Es ist ihnen nicht mal vorstellbar, dass es auch andere Erziehungsmaßnahmen geben könnte.

    Ich wünsche mir, dass sich im Ernstfall nicht ein erwerbsloser Erzieher dazu bereit erklärt, eine solche Maßnahme zu leiten. Oder sollen hier "Arbeitsplätze" für auszumusternde Soldaten geschaffen werden, die laut Hartz IV zwangsweise angenommen werden müssen? Menschenrechtsverletzungen wären das - ihre Befürworter untergraben unseren Rechtsstaat. BARBARA RINGLAGE, Essen

  • Mangel an Argumenten

    betr.: "Kommt, denkt ein bisschen um!"

    Die Aufforderung zum "Umdenken", die Sie ihrem Kommentar voranstellen, mag löblich sein, aber - Pädagogik hin, Psychologie her - wer denjenigen, die nicht so denken wie er selbst, einfach mal "kompletten Irrsinn" attestiert, obwohl es - wohlgemerkt, aus seiner sehr subjektiven Sicht - lediglich um eine andere Sichtweise oder auch einen kleinen Irrtum geht, dürfte mit dem, was er für Überzeugungsarbeit hält, nicht sonderlich erfolgreich sein, da es sich schlicht um Beschimpfung und Beleidigung handelt, die möglicherweise einem Mangel an Argumenten geschuldet ist. MONIKA FLACH, Aachen

  • Grenzüberschreitung

    betr.: "Kommt, denkt ein bisschen um!", taz vom 22. 12. 07

    Christian Füller hat prononcierte Meinungen zum Geschehen im Bildungsbereich. Er mag sie äußern und vor allem begründen. Aber wenn er so "total" von der Richtigkeit seiner Sichtweise überzeugt ist, dass er jenen, die diese nicht teilen, "kompletten Irrsinn" attestiert, überschreitet er eine Grenze, die er selbst ebenso achten sollte wie die Redaktion, die ihn an deren Verletzung hätte hindern müssen. Denn wer sich so äußern muss, hat keine Argumente (mehr).

    RICHARD KELBER, Dortmund