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Ausgabe von: 05.01.2008
  • Spiel auf populistischem Klavier

    betr.: "Idee von Erziehungscamps bringt SPD auf", "Dazu ist die Verfassung zu schade"

    Was wird denn aus jugendlichen Gewalttätern, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden? Die Fachleute sprechen von 70 % Rückfälligkeit. Die Ausweisung straffälliger junger Migranten nützt denen sicherlich nichts, sondern nur der Sicherheit unserer Besitzstandswahrer rund um Roland, den Chef-Koch. Obwohl seit Jahren bekannt und empirisch belegt ist, dass Verschärfungen des Strafrechts nicht zur bürgerlichen Sicherheit führen, spielt Herr Koch auf diesem populistischen Klavier, um mit Dummenfang seine Wiederwahl zu sichern. Das ist zumindest empörend.

    Was aber wäre, wenn man jugendliche Straftäter nach der Haftentlassung eine kleine Perspektive aufzeigte? Diese Frage stellten sich Dortmunder Sozialpädagogen etwa 1970. Und das Land NRW bewilligte ihnen Mittel für einen eindrucksvollen Versuch: 19 junge Männer, die Haftstrafen wegen Mordes, schweren Raubes usw. verbüßt hatten, wurden in eine für sie geschaffene Gruppe aufgenommen und begannen eine Handwerkslehre; nur einer hielt nicht durch. Um die Gehilfenprüfung abzulegen, mussten alle den Hauptschulabschluss nachholen und erhielten dementsprechenden Unterricht. Einer der damit befassten Pädagogen versicherte mir nach einigen Monaten, er hätte derart engagierte Schüler nie zuvor gehabt; im Prinzip seien sie sämtlich in der Lage, das Abitur zu machen.

    Hieraus ergab sich für mich die Frage, ob unter den jugendlichen Straftätern nicht auch besonders kreative, tatendurstige junge Menschen sein könnten, die, durch ständige Perspektivlosigkeit und Dämlichkeit ihres Umfelds gequält, schließlich einmal richtig explodiert sind. Wie hätte ich selbst mich als junger Mensch gefühlt, wenn ich nach hundert Bewerbungsschreiben ohne Antwort geblieben wäre und ohne Arbeitsstelle? Hätte es mich dann nicht schon viel früher getrieben, einen von diesen aufgeblasenen Besitzstandswahrern "in die Mangel zu nehmen"?

    Aus Kostengründen (!) ist aus dem Dortmunder Experiment "natürlich" keine Standardbetreuung junger Haftentlassener geworden. War den Entscheidungsträgern wohl klar, dass die "Unterhaltskosten" für einen Gefangenen mit jährlich etwa 28.000 Euro einen Stundenlohn von 13,80 ergeben? Entspricht die Überlegung, auf dieser Basis echte Hilfe zu schaffen, dem von Koch und Mitstreitern kritisierten "Schmusekurs"? Wenn ja, sollte man nicht besser diesen ausbauen als weitere Verknastung? CARL J. SOEDER, Dortmund

  • Chancengleichheit für alle Kinder

    betr.: "Idee von Erziehungscamps bringt SPD auf", "Dazu ist die Verfassung zu schade", taz vom 2. 1. 08

    In der Tat ist die Erweiterung des Grundgesetzes unnötig, um Kinder gegen misshandelnde Eltern zu schützen. Dafür reicht das Kinder- und Jugendhilferecht; für die tragischen Fälle von Vernachlässigung und Misshandlung gibt es Familiengerichte und das Strafrecht.

    Es ist aber wichtig zu wissen: 90 % der vernachlässigten Kinder leben in Familien, deren Alltag von Armut und Verelendung geprägt ist. Aber nicht nur überforderte und seelisch geschädigte Eltern misshandeln Kinder. Wenn Kinder dauerhaft in Armut aufwachsen, sind die Folgen vergleichbar: Das Wohl der Kinder ist gefährdet, ihre Entwicklung schwer beeinträchtigt. Arme Kinder werden viel häufiger körperlich und seelisch krank, sie sind hinsichtlich Bildung und Ausbildung stark benachteiligt und ihre Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe sind beschnitten. Sogar ihre Lebenserwartung ist um Jahre kürzer als die von Kindern, die in wohlhabenden Familien aufwachsen. All dies ist seit langem bekannt und bewiesen. Insofern ist jede staatliche Maßnahme, die Kinder (und ihre Familien) arm macht und benachteiligt, als systematische Gefährdung des Kindeswohls zu bezeichnen: Hartz IV, Umbau und Abbau der sozialen Sicherung, Niedriglöhne etwa. Solche Maßnahmen verletzen Kinderrechte elementar - umso mehr, als gleichzeitig ein obszöner Reichtum politisch gefördert wird. Denn Chancenlosigkeit und die ständige Erfahrung, zu den Verlierern zu gehören, fördern Gewaltbereitschaft und Delinquenz von Jugendlichen. Vor diesem Hintergrund ist es aufschlussreich zu beobachten, wie die öffentliche Diskussion über Ursachen und Folgen von Armut von Politikern umgelenkt wird in Forderungen nach Erziehungscamps für gewalttätige Jugendliche und Verfassungsartikel gegen misshandelnde Eltern.

    Sinnvoll kann also nur ein Staatsziel "Chancengleichheit für alle Kinder" sein. Darin sollte festgelegt sein, dass Kinderarmut einschließlich jeder Benachteiligung hinsichtlich Gesundheit, Bildung und sozialer Teilhabe verboten ist. GEORG RAMMER, Karlsruhe

  • Produkt des deutschen Systems

    betr.: "Kochs Populimus-Wahlkampf", taz vom 3. 1. 08 u. a.

    Wen möchte Roland Koch abschieben? Menschen, die in der Regel in Deutschland geboren und aufgewachsen sind? Menschen, die hier sozialisiert wurden, ihre Bildung und Erziehung in diesem Land durchlaufen haben? Menschen, die ihr "Heimatland" nur aus dem Urlaub kennen, das sie lediglich - wenn überhaupt - nur ein Mal im Jahr besuchen? Die Jugendlichen, über die zurzeit heftig diskutiert wird, sind Realität und Produkt des deutschen Systems. Dieser Realität muss sich Roland Koch stellen und das Versagen in seiner eigenen Bildungs- und Erziehungspolitik suchen.

    Der hessische Noch-Ministerpräsident Koch betreibt geistige Brandstiftung par excellence. Aus der Rhetorik von Herrn Koch scheint unmissverständlich deutlich zu werden, dass er einige wenige Stimmen aus dem rechten Milieu bitter nötig hat. Herr Koch scheint sich genau bewusst zu sein, dass er bei den anstehenden Landtagswahlen die vergangene absolute Mehrheit auf keinen Fall mehr erreichen wird. Es ist sogar nach Schätzungen mancher Meinungsforschungsinstitute fraglich, ob Koch und seine Partei - im Gegensatz zu dem smarten und freundlichen Christian Wulff in Niedersachsen - überhaupt an der nächsten Regierung beteiligt sein werden. Die unanständige Art des hessischen Noch-Ministerpräsidenten lässt sich als eine Verzweiflungstat bewerten, von der er sich so bald wie möglich distanzieren sollte. Das wird er aber voraussichtlich nicht tun. Ethisch betrachtet ist das ein Armutszeugnis für einen - an sich - gebildeten Staatsmann. YASIN BAS, Melle

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.