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Ausgabe von: 24.09.2007
  • Sextourismus und Zwangsheirat

    betr.: "Die Muslime und der dekadente Westen" von Jörg Lau, taz.mag vom 8. 9.07

    ich kann viele argumente von jörg lau nicht verstehen. ich kann die selbstkritik, die man im westen angeblich zu bereitwillig ausübt, nur positiv finden. wer daraus den rückschluss zieht, jede ungerechtigkeit des islams sei durch das wertesystem unserer gesellschaft provoziert worden, macht es sich natürlich zu leicht.

    ich verurteile und lehne jede theorie und ideologie und gesellschaftskritik ab, an deren ende der ausschluss von frauen aus einem selbstbestimmten leben steht. natürlich muss man das kopftuch akzeptieren. das verbieten des selbigen kann immer nur undemokratisch sein. wie genau sähe denn eine demokratische rechtfertigung eines kopftuchverbotes aus? wo genau greift der staat ein, wenn er anfängt, frauen vorschriften zu machen, wie wenig sie am kopf tragen dürfen? und wenn das kopftuchtragen symbolisiert, dass frauen unterdrückt werden und nicht auf dem boden der verfassung stehen, wie kann es dann erlaubt sein, dass die putzfrau es trägt, aber nicht die lehrerin oder richterin? muss man nicht vielmehr die tatsächlichen handlungen verfolgen, die unserer verfassung widersprechen, als deren eventuelle symbole? wie konnte der ausschluss der muslimischen mädchen aus dem gesellschaftlichen leben jahrelang toleriert werden und gerechtfertigt mit dem respekt vor einer anderen kultur, und plötzlich, wenn diese mädchen unabhängig werden und gesellschaftliche positionen belegen, wird ihnen der weg versperrt mit der begründung, sie tragen ein kopftuch?

    und was hat das gegenüberstellen von sextourismus und zwangsheirat denn mit männerhass zu tun? sind alle westlichen männer sextouristen? heiraten alle muslimischen männer frauen, die dazu gezwungen werden? ist es nicht vielmehr so, dass die ausbeutung und vereinnahmung von frauen in der westlichen kultur heruntergespielt und verniedlicht wird und wir dadurch natürlich angriffsflächen bieten, besonders als selbsternannte experten der unterdrückung muslimischer frauen?

    und natürlich ist man im westen als mädchen enormer voyeuristischer gewalt ausgesetzt. ich möchte mal die westliche frau kennenlernen, die ihre sexualität in ihrem eigenen tempo freigelegt hat und sich zu keiner zeit genötigt fühlte. ich würde gerne mal all die frauen interviewen, denen mit 14 die pille verschrieben wurde, ob aus verhütungsgründen oder sonstigen, und fragen, in welchem verhältnis sie eigentlich zu ihrem körper stehen, und ob sie sich gerne mögen und sich bei ihnen alles richtig anfühlt. wenn irgendwann einmal tatsächlich und im vollen umfang ausgewertet wird, wie massiv destruktiv heranwachsende mädchen im westen den nicht zu verarbeitenden druck auf ihr körpergefühl und ihre sexualität in ihr essverhalten und ihr selbstwertgefühl einspeisen, frage ich mich, welche rechtfertigung unsere gesellschaft für diese seelische gewalt bereithält. (dass das bewahren der jungfräulichkeit um jeden preis nicht zur sexuellen erfüllung führt und auch nicht zur entspannung des gesellschaftlichen geschlechterverhältnisses, muss ja eigentlich nicht gesagt werden.)

    wenn menschen sich bewusst von freiheitlichen grundsätzen abwenden, hört der respekt vor anderen kulturen da auf, wo diese kulturen sich selbst als höherwertiger als andere einstufen und ihre bewusste unfreiheit anderen aufzwingen, auch in ihren eigenen reihen. das war schon immer so. deswegen muss man trotzdem kritisieren, was freiheit anrichten kann, wenn sie einem einseitigen wertesystem folgt. mann muss eingestehen, welche gewalt hier frauen und männern angetan wird durch die westliche versexung von allem, aber auch allem. wenn man so tut, als wäre das schon irgendwie okay, solange frauen kein kopftuch tragen und heiraten können, wen sie wollen, verspielt man jede chance von gesellschaftlicher weiterentwicklung, die demokratie bietet. in einer welt, in der es zwangsehen und sextourismus gibt, ist die kopftuchdebatte eine alibi-schlacht. hier wie da sind frauen immer noch das "andere" und repräsentieren nicht wirklich die gelebte hälfte der gesellschaft. in einer welt ohne zwangsheirat und sextourismus muss die kopftuchdebatte nicht mehr geführt werden. MAIKE VOGEL, Berlin

  • Hinter die Phrasen geschaut

    betr.: "Zu Opfern mutiert", taz vom 18. 9. 07

    Ich kann Susanne Lang in ihrer Schlussfolgerung, Anne Will solle sich die Menschen aus dem Volk verkneifen, nicht zustimmen. Das Schicksal von Frau Weser zwang die Politiker dazu, konkret zu werden und sich nicht in den üblichen Sprechblasen zu ergehen.

    Problematisch war eher das Motto der Sendung, zu allgemein gefasst, über den Wert der Arbeit zu debattieren. Hier sollte Anne Will einfach konkreter werden. "Leben mit Hartz IV?" wäre als Thema besser gewesen. Dass Beck und sein CDU-Kontrahent nicht viel für das Thema hergaben außer allgemeinen Phrasen, war dem Umstand geschuldet, dass sie als politische Generalisten nur ungenügende Detailkenntnisse besaßen. Insgesamt fand ich den Auftakt von Anne Will gut. Sie hat eine andere Perspektive in die Talk-Show hineingebracht. Exekutierte Sabine Christiansen gnadenlos die Thesen der Initiative Neue Markwirtschaft, bemüht sich Anne Will um einen kritischen Ansatz, der hinter die Phrasen schaut und auch den Blick von unten mit einbezieht. CONRAD GÖRG, Montabaur

  • Nein zur Erpressung

    betr.: "Feuer frei", taz vom 21. 9. 07

    Es gab viel Diskussion und Kritik an der Debatte und dem Beschluss der Grünen zu Isaf/Tornados. Mir fehlt ein engagierter taz-Kommentar oder eine Diskussion zu der Art, wie die Regierung hier versucht, das Parlament zu erpressen. Wie soll denn eine ParlamentarierIn nach ihrem Gewissen abstimmen, wenn flugs Punkte, für die sie ist (hier Isaf), mit Punkten, gegen die sie ist (hier Tornados), zusammengelegt werden? Abgeordnete sollten sich nicht erpressen lassen - oder? Also kann in so einem Fall die Antwort doch nur "nein zu beidem" heißen! Sollte der eigentlich mehrheitsfähige Punkt dabei unter die Räder kommen, kann der Erpresser ja aufgeben und noch mal einzeln abstimmen lassen. Ein solches "Nein zur Erpressung" als Ausstieg aus der Verantwortung und Regierungsfähigkeit zu beschreiben, finde ich haarsträubend. SILKE KARCHER, Berlin

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.