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Ausgabe von: 28.01.2008
  • Einst Nervenleiden, heute Burn-out

    betr.: "Burn-out? Viele Lehrer brannten nie", taz vom 23. 1. 08

    So oberflächlich sollte man es sich gerade als taz-Redakteur nicht machen. Warum muss, bevor die Sachinformationen überhaupt beginnen, erklärt werden, dass die Aussagen von Prof. Rauin den deutschen Lehrern nicht gefallen werden. Wer sind die deutschen Lehrer, woher wissen Sie, was ihnen gefällt oder nicht?

    Sie schreiben: "Von Studie zu Studie wird die Vermutung zur Gewissheit: Die falschen Studierenden wählen den Job, die Besten steigen früh aus dem Studium aus?" Das hört sich sensationell an, hat aber mit der Studie von Rauin herzlich wenig zu tun. Ein Drittel der Befragten bricht das Lehramtsstudium vorzeitig ab, davon ein Drittel - also knapp 100 - gibt als Grund für den Abbruch oder Wechsel Unterforderung an. Aus dieser schlichten Tatsache machen Sie: "Die Besten steigen früh aus dem Studium aus."

    Prof. Rauin rückt tatsächlich nicht eine ganze Berufsgruppe in ein völlig neues Licht. Rauin hat ca. 1.100 Probanden aus Baden-Württemberg über präzise 12 Jahre in 4 Etappen befragt. Von den ca. 1.100 Probanden wechselten alleine in den ersten 3 Semestern knapp 30 Prozent die Hochschule, gingen also für die weiteren Befragungen verloren. Nach 10 Jahren (schreibt Rauin selbst) blieb nur noch eine verhältnismäßig kleine Gruppe übrig. Im Referendariat kommen von den ursprünglich 1.100 noch n = 232 an.

    Von den 30 Prozent Wechslern fühlten sich lediglich 1/3 unterfordert; 25 Prozent der Probanden (= ca. 265) vom Beginn der Untersuchung wählten den Lehrerberuf als Notlösung, davon stiegen allerdings fast die Hälfte ganz aus dem Beruf aus. Bleiben ca. 130 relativ Unmotivierte übrig. Addiert man zu den 3 von Rauin beschriebenen Typen die Engagierten (44,8 Prozent) und die Pragmatischen (37,6 Prozent), ergeben sich über 82 Prozent, denen man nach den Kriterien von Rauin die Eignung für den Beruf nicht absprechen kann. Nun mögen 17 Prozent nach der Definition von Rauin "riskant Studierende" scheinbar viel sein. Mit entsprechender Unterstützung könnte aber auch ein Teil dieser Lehrkräfte vernünftige Arbeit machen.

    Im Übrigen orientierte sich Rauins Untersuchung an den Arbeiten des Schweizer Erziehungswissenschaftlers Oser, dessen wesentliches Ziel die Entwicklung von Kompetenzprofilen für 12 Bereiche des Lehrerhandelns und damit die Verbesserung der Ausbildung von Lehrkräften war. Das Positive an der Untersuchung von Rauin ist gerade, dass er als Konsequenz eine bessere Studienanfängerberatung, die Abschaffung des Beamtenstatus und nicht zuletzt die Entkoppelung von Studium und Beruf fordert.

    Bei ca. 700.000 Lehrkräften in Deutschland nimmt sich die Zahl von 232 über 12 Jahre befragten Lehrkräfte bescheiden aus. Es wird auch unterschlagen, dass die in den letzten Jahren wegen "Burn-out" vorzeitig in den Ruhestand versetzten Lehrkräfte ganz anderen Generationen entstammen und im Durchschnitt immerhin bis zum 57. Lebensjahr ihre Arbeit in der Schule gemacht haben.

    Zum Schluss ein Hinweis auf das Handbuch der Schulhygiene von Burgerstein und Netolitzki aus dem Jahre 1912: Beide Autoren zitieren Untersuchungen mit ähnlichen Zusammenhängen von "riskanten" Studierenden für das Lehramt und gesundheitlichen Problemen in den ersten 5 Berufsjahren. Man nannte das damals nicht Burn-out, sondern Nervenleiden. MANFRED TRIEBE, Berlin

  • Kinder müssen viel einstecken

    betr.: Gewalt von Jugendlichen

    Während ich hier sitze und an den Zeugnissen für meine Schülerinnen und Schüler schreibe, geht mir dauernd die Debatte durch den Kopf, die durch alle Medien schwirrt: Gewalt von Jugendlichen.

    Ich arbeite seit 15 Jahren als Lehrerin. In all diesen Jahren ist mir noch nie ein Kind begegnet, das nicht versucht, "ein gutes Kind" zu sein - und das oft unter widrigsten Umständen und mit großer Mühe. In allen Schulen, in denen ich gearbeitet habe, gab es aber Kolleginnen und Kollegen, die Kinder respektlos behandeln und voller Verachtung über sie sprechen. Ich wundere mich seit langem, dass Kinder und Jugendliche so viel einstecken und nicht noch viel mehr mit Wut- und Gewaltausbrüchen reagieren. Und diese Respektlosigkeit und Verachtung trifft sehr oft die "ausländischen" Kinder, also alle, deren Muttersprache und kultureller Hintergrund sich von dem der Lehrerinnen unterscheiden.

    Ich erzähle dazu mal eine Geschichte: Zum Halbjahr wird ein Junge in meine 3. Klasse zurückversetzt, um das Schuljahr zu wiederholen. Seine Eltern stammen aus dem Kosovo, er ist hier geboren. Die anderen Schüler fürchten sich schon, dass er in die Klasse kommt: Er ist älter als sie und droht in der Pause bei Konflikten oft an, dass er sie schlagen wird. Im Unterricht ist er ganz still und aufmerksam. Erst als ich ein paarmal mit ihm allein arbeiten kann, merke ich, dass er in Texten und Aufgaben viele Wörter nicht versteht. Wenn er mit mir allein arbeitet, fragt er sehr viel, genau und überlegt. In einem Aufsatz, an dem er auf seinen Wunsch noch allein eine Stunde länger gearbeitet hat, drückt er sich erstaunlich gewandt aus.

    Vier Wochen später zieht seine Familie aus dem Dorf weg in die Kreisstadt. Ich schreibe ihm ein Zwischenzeugnis, in dem ich versuche deutlich zu machen, dass er mit Unterstützung sehr viel leisten kann. Nach einiger Zeit treffe ich seine neue Lehrerin in der Stadt auf der Straße. Sie ruft mir schon von weitem entgegen: "Na, dem Schätzchen haben Sie ja ein gutes Zeugnis geschrieben!" Und erzählt mir dann voller Empörung, ihre Klasse habe gestern kariertes Papier mitbringen sollen. "Und da steht der ohne Papier und erzählt mir doch, er weiß nicht, was kariertes Papier ist!"

    Dass er es einfach nicht weiß, ist für sie unvorstellbar. Dass er kein Papier mitbringt, ist ein persönlicher Affront gegen sie. Und sie kommt nicht auf die Idee, dass er sich schämt nachzufragen. In der Zeit bei mir hat er einmal das Geld für einen Ausflug nicht mitgebracht. Ich habe ihn schließlich gefragt, ob ich mal zu ihm nach Hause kommen solle. Er wollte das, ich bin mitgegangen, habe mit seiner Mutter Kaffee getrunken und sie hat mir gesagt, dass sie ihm nur 2 Euro mitgeben konnte statt 4 Euro. Dafür habe er sich so geschämt, dass er gar nichts abgeben mochte. Solche kleinen Geschichten passieren in allen Schulen jeden Tag. Für die Kinder sind sie eine ständige Ansammlung kleiner Demütigungen und Beschämungen - die sie oft auf dem Schulhof mit Drohungen oder Angriffen gegen Mitschüler wieder abreagieren. GRITTA LANGE, Northeim

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.