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Ausgabe von: 29.05.2008
  • Prostitution und Doppelmoral

    betr.: "Die Freier werden zum Gegner", taz vom 22. 5. 08

    Sehr geehrte Frau Mitrovic, ich habe Ihr Interview gelesen und wollte Ihnen mitteilen, dass ich vollkommen Ihrer Meinung bin. Hier in Berlin gibt es ein gutes Beispiel für die Doppelmoral gerade der CDU.

    Aufgrund der historischen Entwicklung ist Berlin in Sachen Prostitution sehr liberal. So gibt es schon seit den Achtzigern viele Wohnungsbordelle, welche folgende Dinge vereinbaren: Sie werden meistens von Frauen geführt wie Familienbetriebe - kaum Zuhälterei. Die Damen entscheiden frei über ihre Arbeitszeiten, daher auch viele Deutsche (Hausfrauen oder Studentinnen, die beispielsweise nur ein- oder zweimal pro Woche arbeiten). Sie sind polizeilich gemeldet und zahlen Steuern. Sie sind meistens nur tagsüber geöffnet, und außer Sekt gibt es keinen Alkoholausschank. Sie sind diskret in Hinterhöfen gelegen, keine Begleiterscheinungen wie Drogenhandel oder Rotlichtreklame.

    Viele davon gibt es nun im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, wo es leider den Baustadtrat Gröhler von der CDU gibt. Dieser ist nun der Meinung, dass Wohnungsbordelle die Anwohner stören (es handelt sich um Mischgebiete mit Supermärkten, Tankstellen usw., also eigentlich keine reinen Wohngebiete). Daher will er am liebsten Dutzende dieser Bordelle schließen, um die Anwohner, die das seit 20 Jahren nicht stört, vor Sodom und Gomorrha zu bewahren.

    Gleichzeitig aber hat Herr Gröhler das größte Bordell in Berlin überhaupt genehmigt - den Saunaclub Artemis, der in einem reinen Gewerbegebiet liegt und in dem pro Schicht mindestens 30 Frauen arbeiten. Allerdings haben die Damen in diesem Club nicht dieselben Bedingungen wie bei den Wohnungsbordellen, 12- bis 16-Stunden-Schichten sind normal, Oralverkehr ohne Kondom wird den Frauen nahegelegt, wenn sie dort arbeiten wollen (das kann die Frau im Wohnungsbordell selbst entscheiden), und zu 90 Prozent kommen die Damen aus Osteuropa. Außerdem wird dieses Riesenbordell von türkischen Kurden geführt, die sich nur durch ihren Anwalt vertreten lassen.

    Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg regiert zum Beispiel ein Grünen-Bürgermeister, und hier hat man sich dafür ausgesprochen, die Wohnungsbordelle in Wohn- oder Mischgebieten zu erhalten, da man weiß, dass die Arbeitsbedingungen hier besser sind als in Großraumbordellen, wo Fließbandarbeit herrscht und man eine Zentralisierung des Rotlichtmilieus in Gewerbegebieten vermeiden will.

    An diesem Beispiel sieht man, wie ernst es der CDU mit den Rechten der Frauen ist - Hauptsache, in der gutbürgerlichen Gegend ist alles sauber, und man kann schön am Sonntag mit der Familie zur Kirche gehen, und in der Woche nach Feierabend fährt Papa (Unternehmer, Anwalt usw.) in den Puff im Gewerbegebiet, der von der Russen- oder Türkenmafia betrieben wird. Das ist ein wenig überspitzt.

    Das beste Beispiel für Doppelmoral sind sicherlich Länder wie Frankreich und Schweden, wo man Prostitution ganz kriminalisiert und dann, wie in Paris nicht unüblich, die Prostituierten nach einer Massenvergewaltigung durch Polizisten nicht mal Anzeige erstatten können, da sie einen illegalen Beruf ausüben. UWE H., Berlin

  • Ökonomische Sicht auf die Natur

    betr.: "Ein Wert an sich", taz vom 24./25. 5. 08

    Vielen dank an frau fokken für diese erwiderung auf die von joachim weimann und sönke hoffmann propagierte, völlig einseitig ökonomische sichtweise der natur. Mit einem ausschließlich ökonomischen instrument können wir die uns umgebende natur in ihrer komplexität nicht einmal ansatzweise begreifen.

    Es ist gleichermaßen bezeichnend wie fatal, dass die menschheit an der schwelle des 21. jahrhunderts sich selbst in ihrem wahrnehmungsvermögen zunehmend auf genau diese wirtschaftlich-rationale sichtweise der sie umgebenden welt heruntergeregelt hat. Der erde mögen die durch einen solchen tunnelblick erwachsenden gravierenden ökologischen folgen schweren schaden zufügen, untergehen wird sie deswegen aber nicht. Untergehen im sinne eines fundamentalen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen niederganges werden aber sehr wohl wir menschen.

    Dieser prozess ist bereits in vollem gang. Denn mit einer ökonomisierung der natur geht die ökonomisierung des menschen hand in hand. Wirtschaftswissenschaftler wie john kenneth galbraith oder radikale humanisten wie erich fromm oder ivan illich haben uns schon vor jahrzehnten vor einem zunehmend sinnentleerten diktat der ökonomie gewarnt: "Alles und jedes - geistige wie materielle dinge - werden zu objekten des tausches und des konsums" (erich fromm). Am ende zerstören wir nicht nur die uns umgebende natur, sondern auch das geistige fundament unseres zusammenlebens als menschen. FRANK HEUBLEIN, Göttingen

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Der WDR zahlt am meisten

    betr.: "Das Paradoxon der ARD", taz vom 24. 5. 08

    Ihr Autor unterstellt in seinem Artikel, dass die großen Sender der ARD die kleinen "abziehen" - allen voran der WDR. Vielleicht helfen ein paar Fakten zur Aufklärung:

    Im ARD-Finanzausgleich zahlt der Westdeutsche Rundfunk am meisten: 44,5 Prozent der gesamten Summe oder rund 23 Millionen Euro jährlich. Das ist mehr als das Doppelte seiner Pflichtquote von 21 Prozent. Viele zusätzliche und bilaterale Leistungen kommen den kleineren Anstalten im sogenannten stillen Finanzausgleich zugute. Mit dem geregelten und dem stillen Finanzausgleich in der ARD macht das alles in allem einen Betrag von rund 60 Millionen Euro pro Jahr, mit dem der WDR die kleineren Anstalten unterstützt. Im Übrigen sind die prognostizierten Gebührenausfälle für den WDR exakt so hoch wie beispielsweise für den MDR.

    Im Zusammenhang mit Radio Multikulti hatte RBB-Intendantin Dagmar Reim den WDR ausdrücklich um Unterstützung gebeten. Eine "Huld", die den WDR jährlich mehr als eine halbe Million Euro an stillem Finanzausgleich kosten würde. Geld, das der WDR-Hörfunk an anderen Stellen einsparen müsste. Das geplante WDR-Programm "Funkhaus Europa" wäre eine programmlich hochwertige Alternative - kein "magerer Ersatz", der dem RBB aufgedrängt würde, und schon gar kein Frequenzgeschenk. MAGNUS SCHWEERS stellv. Unternehmenssprecher des WDR, Köln