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Ausgabe von: 14.11.2008
  • Väter boomen …

    betr.: "Die Väterlüge" von Ines Kappert, taz vom 4. 11. 08, "Wenn Männer zu viel arbeiten", taz vom 27. 10. 08, "Die Frau muss sagen: ich liebe dich trotzdem", u. a. taz Magazin vom 25. 10. 08

    "Man kann ohne Kinder genauso glücklich leben", sagt fast die Hälfte der Befragten unter 45 Jahren (aus der kürzlich veröffentlichten Untersuchung über den "schwierigen Weg junger Männer in die Vaterschaft"/Bertelsmannstiftung und Deutsches Jugendinstitut). Was heißt man(n) kann "genauso"? Offensichtlich haben die meisten gar keine Erfahrung mit dem, woran sie ihr Glücklichsein immerhin definieren: ein Drittel von ihnen zwischen 29 und 59 ist kinderlos.

    Angesichts der üblichen Rollenverteilung ist für die restlichen zwei Drittel in Frage zu stellen, welche Erfahrungen und Glücksbindungen sie zu Kindern haben. Geht es lediglich um Glück? So wird in den Artikeln (taz 4. 11., 27. 10.-25./26. 10. 08) nirgends erwähnt, dass man(n) sich diese Haltung nur auf der Grundlage leisten kann, dass andere (sich) das Erziehen und Leben mit Kindern "leisten" - für viele neben dem Beruf, mit schlechten oder gar keinen Kindergartenplätzen, ausfallender Schule etc. etc. Bei aller Freiheit der Neigungen ist das ungerecht. Diese - in Deutschland besonders gepflegte - Schieflage kommt in wesentlichen Teilen auch dadurch zustande, dass besonders Kinderlose die Art der Berufsstrukturen vorgeben und nicht nur die Betriebe (taz 27. 10. 08). Dazu kennt jede Frau mit Kindern den beruflichen Arbeitskick, den auch Väter spätestens nach dem zweiten Kind pflegen (Identität, Ernährerrolle, Sachzwang usw.). Grundsätzlich konnten sich die beruflichen Arbeitsstrukturen nur so unfreundlich für Familien entwickeln, weil Frauen die gesamten diversen anderen Arbeiten weitestgehend erledigten (und ohne eigenständige Existenz waren oder sind!).

    Insofern möchte ich den Appell aus dem Artikel "Wenn Männer zu viel arbeiten" (taz 27. 10. 08) gerne bekräftigen: "Die Bertelsmannstiftung (und andere am besten auch) sollte ihre üppigen Fördergelder darauf verwenden, die praktische Umsetzung familien- und väterbewusster Strukturen in deutschen Betrieben zu erforschen" und am besten im Zusammenhang mit dem ständigen Wechsel zum Familienalltag und anderen Feldern, weil sie sich gegenseitig bedingen: Wie kann es z. B. sein, dass das Jugendamt Verden Fortbildung anbietet für "Das Kindeswohl in der Familie", ausschließlich durchgeführt von Männern, wobei die Fortzubildenden auf dem Gruppenfoto fast nur Frauen sind (sonst sieht man ja eher ein "Gruppenbild mit Dame"). Das ganze Thema ist ja über den männlichen Beruf hinaus ein allgemein eingraviertes, auch mentales Problem mit vielen Wechselwirkungen und merkwürdigen Verdrehungen. Und bei der "Krise im Mann" geht es folglich nicht nur um die bekannte Wehleidigkeit von Männern bei kleineren Blessuren, sondern "um die Gesellschaft im Ganzen, ihre Ordnung, ihre Zukunft". (Ines Kappert, taz 25./26. 10. 08). HEILWIG KÜHNE, Ottersberg

  • Eine Reform sieht anders aus

    betr.: "Wir brauchen keine Justizministerien. Christoph Frank, Vorsitzender des deutschen Richterbundes, will die Auswahl und Geldmittel von Richtern neu regeln", taz vom 10. 11. 08

    Keine Frage, dass die Justiz in weiten Teilen der Verfassung nicht mehr gerecht wird. Eine Reform sieht aber anders aus als quasi eine Kastenbildung innerhalb der Gesellschaft, abgesichert durch einen auch noch selbst verordneten finanziellen Tropf. Dem Wesen nach ist dies schlicht verfassungswidrig, denn alle Gewalt geht vom Volke aus, und dem ist nicht so, wenn kleinste Zirkel von Netzwerkern ungestört ihre Süppchen kochen.

    Das sich offenbarende Gedankengut beruht auf feudalen Strukturen, und mit dem Hinweis auf Spezialistentum wird dem Volk Sand in die Augen gestreut. Der Hinweis auf andere EU-Staaten ist ohne genaue Benennung der maßgeblichen Strukturen zu dem, was man vergleichen möchte, nur Augenwischerei.

    Allerdings ließe sich auch dieser Vorschlag aufgreifen, wenn man im Gegenzug z. B. Staatsanwälte und Richter auf Zeit wählen ließe. Nach dieser Lesart aber kommen die Böcke zum Schluss, der Garten sei nicht gut bestellt (was ja stimmen mag), und schließen daraus, sie müssten sich des Gärtners entledigen. TASSILO HEINSS, Mainz

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Schwulen-Verfolgung bis 1969

    betr.: "Liebestod", taz Magazin vom 8. 11. 08

    So sehr es zu begrüßen ist, dass Sie in dem Schicksals-Beispiel auf die Schwulen-Verfolgung in der NS-Zeit hinweisen, aber die Zustände haben sich doch - abgesehen von den KZ-Dramen - bis 1969 nicht geändert. Derartige Schicksale hat es auch 20 Jahre später noch gegeben. Unter dem Adenauer-Regime wurde nicht nur der von Hitler verschärfte § 175 vom "Verfassungsgericht" 1958 bestätigt, was damit die vom Grundgesetz geforderte Menschenwürde mit Füßen trat, der Höhepunkt der Schwulen-Verfolgung - von der Anzahl der Verfahren - in der deutschen Geschichte fand im Jahre 1959 statt. Wie viel Angst, Demütigung, Erpressung und Zuchthausstrafen für fast nichts haben wir in der Zeit ertragen müssen.

    Es waren doch die von Adenauer wieder eingesetzten 131er, die die Schwulen-Verfolgung mit der gleichen Inbrunst wie vor 1945 betrieben. Ohne den Rabatz der 68er wäre das NS-Regime für uns noch nicht einmal 1969 zu Ende gegangen. HARM LOOP, Braunschweig