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  • 25.04.2012

Das Recht auf ein selbstständiges Leben

PFLEGE II Der Ethikrat fordert, die Wünsche von Menschen mit Demenz stärker zu berücksichtigen

BERLIN taz | Mit deutlichen Worten hat der Deutsche Ethikrat den bisherigen Umgang mit pflegebedürftigen Demenzkranken kritisiert: "Bisher konzentrieren sich die Maßnahmen der Politik auf die Diagnostik, das zeitweilige Aufhalten der Krankheit durch eine entsprechende Medikation und die Begleitung in der frühen Phase der Krankheit", heißt es in seiner 78-seitigen Stellungnahme zu "Selbstbestimmung und Demenz", die der Ethikrat am Dienstag in Berlin vorlegte. Der lange Weg des fortschreitenden Abbaus der Kräfte und Fähigkeiten der Demenzpatienten erfahre hingegen weniger Aufmerksamkeit. Dabei belaste dies die Betroffenen, Angehörigen und Begleiter oft enorm.

In Deutschland erkranken jährlich zwischen 200.000 und 300.000 Menschen an einer Demenz. Die Alterung der Gesellschaft führt zu einem Anstieg der Patienten auf mehr als zwei Millionen im Jahr 2050. Aktuell sind rund 1,2 Millionen Menschen betroffen. Der Ethikrat, ein von Bundesregierung und Bundestag berufenes, aber unabhängig arbeitendes Wissenschaftlergremium, unterstützt daher die Absicht der schwarz-gelben Koalition, einen "Nationalen Aktionsplan Demenz" zu entwickeln. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten, dass selbst an fortgeschrittener Demenz Erkrankte zu individuellem Erleben, persönliche Wünsche inklusive, und sozialer Wahrnehmung fähig seien, heißt es im Gutachten des Ethikrates. Umso stärker sei ihr Recht auf ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben.

Geprüft werden soll daher, ob bereits aus der häuslichen Pflege vertraute Personen einen Dementen im Krankenhaus betreuen könnten. Bei der Bedürftigkeit dürfe nicht bloß die Körperpflege berechnet werden, auch der "besondere Bedarf" bei außerhäuslichen Aktivitäten müsse zählen. Angehörige sollten zudem besser gestellt werden, indem durch Pflegezeiten - wie durch der Elternzeit - Rentenansprüche erworben werden, fordert der Ethikrat. Zur Transparenz und Kontrolle sollten die Bundesländer mindestens alle zwei Jahre einen Bericht über die Anzahl erfolgter Unterbringungen in Heimen sowie freiheitsbeschränkender Maßnahmen vorlegen. Bei gesetzlichen Betreuungen müsse regelmäßig geprüft werden, ob sie die Wünsche der Dementen berücksichtigten. Und: "Insgesamt sollten für den Bereich der Begleitung und Versorgung von Demenzkranken und ihren Angehörigen mehr finanzielle Ressourcen als bisher aufgewendet werden."

Zwar hat die Bundesregierung bereits die Erhöhung der Beiträge für die Pflegeversicherung um 0,1 Punkte beschlossen. Ab 2013 will Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) so jährlich 1,1 Milliarden Euro mehr einnehmen. Experten bezweifeln jedoch, dass mit dieser Reform, die am Donnerstag im Bundestag debattiert wird, die Forderungen des Ethikrats finanziert werden können. HEIKE HAARHOFF



Alte in Deutschland

 Demografiewandel: Die Deutschen werden immer älter - und weniger: Laut Statistischem Bundesamt wird jeder zweite Mann heute über 80 Jahre alt, Frauen leben noch mal fünf Jahre länger. Zwischen den Jahren 2045 und 2060 wird etwa die Hälfte der Einwohner in Deutschland älter als 52 Jahre sein. Heute liegt der Altersmedian noch bei 44 Jahren.

 Politikwandel: "Alle müssen sich auf eine ältere und zahlenmäßig kleinere Erwerbsbevölkerung einstellen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag zum Auftakt einer Konferenz über den demografischen Wandel im Kanzleramt. Am Mittwoch will das Bundeskabinett eine Demografiestrategie verabschieden. Die Punkte im Einzelnen:

 Familie: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll weiter gefördert werden - etwa mit familienfreundlichen Arbeitszeiten und der Weiterentwicklung der Elternzeit.

 Arbeit: Die Verteilung der Arbeitszeit über das gesamte Leben hinweg soll erleichtert werden.

 Leben im Alter: Altersgerechte Wohnformen, ambulante Wohngruppen und die Betreuung und Pflege im häuslichen Umfeld sollen besser gefördert werden.

 Bildung: Kinder aus bildungsfernen Familien, insbesondere auch mit ausländischen Wurzeln, sollen besser gefördert werden, um den Fachkräftemangel abzufedern.

 Finanzen: Eine strenge Sparpolitik soll dafür sorgen, dass Leistungen weiter finanziert werden können, wenn weniger Menschen in die Kassen einzahlen. (dpa, taz)