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  • 10.01.2009

Gott ist in jeder Tomate

Der Ultra-Darwinist Richard Dawkins prügelt stets auf die Kreationisten ein - erst recht im Darwin-Jahr 2009. Und langweilt die Welt dafür beständig mit seinem erbärmlichen Rationalismus

VON HELMUT HÖGE

"Alles ausprobieren und nichts auslassen - keine Kirche und keine Kneipe." (Bohumil Hrabal)

Seit dem Zerfall des Kommunismus haben sich die Menschen erneut und das nahezu weltweit um die Kommunion gescharrt - das heißt, sie sind in religiöse Gemeinschaften zurückgekehrt (vielleicht nur, um wieder neu in Schwung zu kommen). Dem Wiedererstarken vor allem der monotheistischen Religionen traten in den letzten Jahren gleich mehrere Religionskritiken entgegen. Für Aufregung sorgte vor allem die Polemik "Der Gotteswahn" vom Goebbels der Darwinisten: Richard Dawkins. Sein ärmlicher Rationalismus beißt sich am Gottesbeweis fest und bringt dabei die Wahrscheinlichkeit ins Spiel.

Dieses ebenso alberne wie alte Verfahren hätte niemanden interessiert, wenn der Autor es nicht mit wüsten Tiraden gegen die Bibel und die ganze gläubige Welt garniert und mit seiner eigenen noch viel dümmeren Weltsicht konterkariert hätte: "Wir wissen jetzt, dass Individuen nur als Vehikel für das Überleben der Gene von Bedeutung sind", so lautet sein zentraler Glaubenssatz. Für seine Religionskritik bringt er darüber hinaus ein speziell dafür ausgedachtes kulturelles Pendant zum Gen - das "Mem" - in Anschlag. Dieses wird durch Erziehung im Individuum gleichsam eingepflanzt. Dawkins spricht von einem "Gottesvirus", den er im Gehirn der Gläubigen lokalisiert. Er kann sich dabei halbwegs auf Darwin berufen, laut dem die Verbesserung des Menschen auch nicht nur durch zufällige Mutationen und Selektionsmechanismen geschieht, sondern ebenso durch Erziehung und Religion. Letzteres hält Dawkins natürlich für eine Verschlechterung. Dabei ist er bereits als "Ultradarwinist", wie er sich nennt, näher an der "Wahrheit" der Religion, als ihm lieb sein dürfte: Just im selben Jahr, da Darwins Expeditionsschiff, die "Beagle" vom Stapel lief, 1820, fand in England der Versuch statt, die menschlichen Lebensgrundlagen völlig dem selbstregulierenden Markt unterzuordnen, mit der definitiven Liberalisierung der Arbeits-, Boden- und Geldmärkte. Die Zerstörung der Allmende (Common) und die Atomisierung aller Dorfgemeinschaften kam etwa um 1860 zum Abschluss. Theoretisch gerechtfertigt wurde diese "schöpferische Zerstörung" von den drei großen englischen Liberalen Jeremy Bentham, Herbert Spencer und Thomas Malthus.

Sie lieferten Charles Darwin die tragenden Begriffe für seine Evolutionstheorie, die 1859 veröffentlicht wurde: Er übernahm von Jeremy Bentham den Utilitarismus, den dieser begründet hatte: das Prinzip der Nützlichkeit. Daneben entwickelte Bentham panoptische Gefängnisse und Arbeitshäuser. Nach ihm dienten alle Lebensäußerungen eines Individuums der Nutzenmaximierung. Vom Philosophen Herbert Spencer übernahm Darwin die Vorstellung vom Überleben des Tüchtigsten ("Survival of the fittest"). Spencer kreierte einen Sozialevolutionismus, indem er naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf die Gesellschaft übertrug. Von Thomas Malthus übernahm Darwin den Populationsbegriff und die Idee der Konkurrenz als treibende Kraft der Evolution. Der Nationalökonom Malthus hatte berechnet, dass die Bevölkerungszahl exponentiell steige, die Nahrungsmittelproduktion in derselben Zeit aber nur linear. Die erheblichen sozialen Probleme seiner Zeit betrachtete Malthus in erster Linie als Folgen einer zu großen Bevölkerung. Er empfahl, die Armenhilfe einzuschränken, sie sei wider die "Naturgesetze" der Ökonomie. Denn direkte Hilfe würde seiner Meinung nach die Armen nur ermutigen, noch mehr Nachkommen zu zeugen - und so neue Armut schaffen. "Damit leitete er einen Wandel in der britischen Armenpolitik ein: weg von Almosen, hin zu Zuchthäusern" - so das Manager-Magazin.

Nach Erscheinen des Buches über "Die Entstehung der Arten" schrieb Karl Marx: "Es ist merkwürdig, wie Darwin unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluss neuer Märkte, ,Erfindungen' und Malthus'schen ,Kampf ums Dasein' wiedererkennt. Es ist Hobbes ,bellum omnium contra omnes', wo die bürgerliche Gesellschaft als ,geistiges Tierreich', während bei Darwin das Tierreich als bürgerliche Gesellschaft figuriert." Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese asoziale englische Weltanschauung mit Margret Thatchers berühmtem Ausspruch: "Ich kenne keine Gesellschaft, nur Individuen." Gleichzeitig erlebte die angloamerikanische Biologie mit Dawkins' geschäftstüchtigem Gen-Reduktionismus und seinen einfältigen Computer-Lebewesen-Vergleichen ihren abscheulichen Tiefpunkt. In seinem neuesten Buch "Geschichten vom Ursprung des Lebens" hat er ihn noch einmal auf 900 Seiten ausgewalzt, wobei er keine Gelegenheit ausließ, über die "bis zum Erbrechen faselnden Kreationisten" herzuziehen. Dass diese sich längst in "Prokreationisten" und "Eukreationisten" unterscheiden, ist ihm dabei entgangen (die einen gehen von einem göttlichen, die anderen von einem teuflischen "Plan" aus). Die Religion ist allerdings bei beiden auf den Hund gekommen.

Ursprünglich war sie Ausdruck und Kitt von Gemeinschaften, in der Leben und Arbeiten noch nicht getrennt waren. Noch bis ins Mittelalter kannte man vor allem diese Orientierung - das heißt auf den Orient, gemeint war Jerusalem, also der Ort, wo sich das Paradies befand (ex oriente lux). Ernst Bloch konnte deswegen in den Zwanzigerjahren noch sagen: "Ubi Lenin ibi Jerusalem". Damit war nun Moskau gemeint, wo das "Paradies der Werktätigen" (u. a. mittels Elektrifizierung) realisiert wurde. Ich habe vorweggegriffen. Schon in Friedrich Schleiermachers "Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern", 1799 anonym veröffentlicht, war die Religion lebendiger "Ausdruck" des Menschen, ein "heiliger Instinkt" (keine Lehre und keine Institution "moralischen Handelns" - wie bei Kant, gegen den sich die Schrift ebenso richtete wie gegen die protestantische Orthodoxie).

Der Romantiker Schleiermacher kam aus einem Pfarrhaus, das von der Herrnhuter Brüdergemeinde geprägt war. Diese stammten von den böhmischen Brüdern ab, die aus der Hussitenbewegung kamen, welche als Reaktion auf die Verbrennung des Theologen Jan Hus auf dem Konzil zu Konstanz 1415 entstand. Drei Kreuzzugheere schlugen die Hussiten zusammen. Dies war der eigentliche Beginn der Bauernkriege und der Reformation - wie Luther selbst 100 Jahre später einräumte.

"Was gibt es überhaupt in der Geschichte, was nicht Ruf nach oder Angst vor dem Kommunismus wäre?", fragte sich Michel Foucault. Schleiermacher, der sich als "ein Herrnhuter höherer Ordnung" bezeichnete, musste sich vorwerfen lassen, seine dialektischen Ausführungen über die Religion ähnelten der "trostlosen" Theorie von Spinoza. In der Tat neigte er wie auch die anderen Romantiker - bis hin zu Goethe - zu einem spinozistischen Pantheismus. Für den aus der jüdischen Gemeinde in Amsterdam ausgestoßenen Baruch Spinoza, einer der radikalsten Philosophen der frühen Neuzeit, war die ganze Natur beseelt: "Gott ist in jeder Tomate!" Und demzufolge besitzt alles Lebende die Fähigkeit, zu affizieren und affiziert zu werden. In dieser Sicht steht ein Ackergaul einem Ochsen näher als einem Rennpferd, "weil es mit ihm eher gemeinsame Affekte hat", wie Gilles Deleuze schreibt, der sich als Spinozist begriff. Und wenn viele Linke noch immer davon ausgehen, dass zum Beispiel ein deutscher Arbeiter einem russischen Arbeiter näher steht als einem, sagen wir, deutschen Beamten, dann sind sie ebenfalls "Spinozisten", aber gleichzeitig glauben sie auch an eine allumfassende Arbeiterkommunion.

Marx war ebenfalls Spinozist. In seiner sechsten Feuerbachthese heißt es: "Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse." Und was sagt der Oxford-Biologe Richard Dawkins - diese arme Sau? "Mein größtes Anliegen ist die Wahrheit. Ich will wissen, ob es Gott gibt oder nicht. Diese Frage will ich mit meinen Lesern erörtern. Ich bin Agnostiker. Üblicherweise sind das Leute, die eine ,50:50' -Wette über die Existenz Gottes eingehen. Das finde ich zu wenig. Ein Wissenschaftler sollte sich nie hundertprozentig sicher sein. Aber es geht um mehr als ,50:50'." Ist solch ein blödsinniges Gestammel nicht die völlige Bankrotterklärung des Geistes? In seinem neuen Buch über den "Ursprung des Lebens" finden sich übrigens gleich mehrere solcher Wetten. Aber wenn jetzt in den USA die Arbeiter zusammenkommen, um dafür zu beten, dass General Motors nicht pleite geht, dann ist das natürlich nicht minder bescheuert, wie überhaupt alle Kirchengemeinden heute "Gott", das Pferd gewissermaßen, von hinten aufzäumen. "Religion ist der Sinn und Geschmack fürs Unendliche", schrieb Schleiermacher. Dieser muss aber als praktische menschlich-sinnliche Tätigkeit erst entwickelt werden. Das sollte uns jedoch spätestens seit Monty Python geläufig sein.

HELMUT HÖGE, Jahrgang 1947, ist evangelisch und geht nie in die Kirche



Asche und Staub

Ob Jenseitsvorstellung oder Ahnenkult, auf der ganzen Welt glauben die Religionen an ein irgendwie geartetes "Danach". Damit der Verstorbene dort jedoch auch sicher ankommt, bedarf es spezieller Beerdigungsriten, die sich je nach kulturellem Bezug stark voneinander unterscheiden.


Die häufigsten Beerdigungsarten sind Erdbestattung und Einäscherung. In Deutschland gibt es seit einiger Zeit den Trend zum Friedwald, wo die Asche des Toten zwischen die Wurzeln eines frisch gepflanzten Baumes gestreut wird. Über zwanzig dieser Friedwälder gibt es bereits in der Bundesrepublik. Knapp vierzig Prozent der deutschen Sterbefälle werden eingeäschert, auch die katholische Kirche akzeptiert diese Beerdigungsart, allerdings erst seit 1963. In Judentum und Islam ist die Feuerbestattung dagegen gänzlich untersagt.


Vom Christentum unterscheidet sich die jüdische Beerdigungspraxis vor allem durch die festgelegten Trauerzeiten. Direkt nach der Beerdigung wird von den engsten Verwandten eine Woche Schiwa gesessen, daran schließen sich dreißig Tage Scheloschim an, während derer etwa das Haareschneiden untersagt ist. Ein Trauerjahr ohne Feste folgt, allerdings nur für die Eltern des Toten.


Im Islam werden die Körper der Verstorbenen in Tücher eingehüllt und ohne Sarg beerdigt. Der Leichnam wird so in das Grab gelegt, dass er auf seiner rechten Seite zu ruhen kommt und seine Füße nach Mekka zeigen. Da es in Deutschland noch immer einen großen bürokratischen Aufwand bedeutet, einen Muslim nach islamischem Brauch zu beerdigen, bleibt als letzter Weg oft nur der Rücktransport des Leichnams ins Heimatland.


Der Buddhismus kennt sowohl Einäscherung als auch Erdbestattung, wichtiger als die anschließenden Rituale ist hier der Moment des Todes. Der Sterbende soll seine letzten Gedanken auf etwas Positives, am besten auf Buddha richten; gelingt dies, handelt es sich um eine Art "Freifahrtschein" zur hohen Wiedergeburt. Auf Sri Lanka vermengt sich damit zusätzlich ein Glaube an die Möglichkeit, als Hungergeist wiederzukehren, was denjenigen trifft, der seinen letzten Gedanken dem Hass oder der Habgier gewidmet hat. Essensopfer sollen den möglichen Wiederkehrer beschwichtigen, Verwirrspiele den Geist ablenken.


Auch im hochgelegenen Torajaland auf der indonesischen Insel Sulawesi besteht die Gefahr, dass die Ahnen als Geister wiederkehren könnten. Allerdings nur die Armen, denen nicht ausreichend geopfert werden konnte. Die Mittelschicht zieht ein ins Puya, eine Art Vorort zur Oberwelt, und die Reichen, die mit vielen komplizierten Riten bestattet werden konnten, dürfen sogar in der Nähe des Gottes Puang Matua aufrücken. Puang Matua akzeptiert Gaben in Form von Büffeln, die zur aufwändigen Beerdigungszeremonie dargebracht werden. Da Büffel jedoch sehr teuer sind, kann es oft Jahre dauern, bis die erforderliche Menge für das kostspielige Ritual aufgebracht werden kann. Die Leichname verbringen die Zeit bis zur Beerdigung einbalsamiert im Haus der Verwandten.


Beerdigungsrituale können monumental ausfallen wie im alten Ägypten oder farbenfroh wie der Totenkult in Mexiko. Sie können dem durchschnittlichen Europäer auch unverständlich vorkommen: so zum Beispiel die kannibalistischen Rituale bei den Guayaki-Indianern in Paraguay. Zeigen aber wollen sie alle das Gleiche: Irgendwie geht es weiter, auch nach dem Tod. ala

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