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  • 11.08.2008

"Vorwand für Repression"

Die Unzufriedenheit der Uiguren ist auch auf die Verwischung kultureller Eigenarten durch die Globalisierung zurückzuführen, sagt der Turkologe Julian Rentzsch

taz: Herr Rentzsch, wer sind die Uiguren eigentlich?

Julian Rentzsch: Ein Volk, das mehrheitlich in China, in der Autonomen Region Xinjiang lebt. Ein Turkvolk dieses Namens, auf das sich die heutigen Uiguren berufen, wanderte um 840 aus der heutigen Mongolei nach Ostturkestan, das heutige Xinjiang, und gründete dort das Uigurische Reich (850-1250), das Anfang des 13. Jahrhunderts unter mongolische Herrschaft geriet.

Wie kam es zur Islamisierung der Uiguren?

Die alten Uiguren huldigten zunächst dem Manichäismus, traten aber bald zum Buddhismus über. Im 13. Jahrhundert wurden sie islamisiert. Nach Ende des Uigurischen Reiches befand sich Ostturkestan bald unter chinesischer, bald unter mongolischer Oberherrschaft. Mitte des 18. Jahrhunderts geriet die Region unter Mandschu-Herrschaft. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung Xinjiang, "Neue Grenze".

Worauf berufen sich die Uiguren in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen heute?

1933 und 1944 wurde zweimal eine Republik Ostturkestan ausgerufen. Diese unabhängigen Republiken umfassten keineswegs ganz Ostturkestan. Dennoch beruft sich die heutige Unabhängigkeitsbewegung auf diese kurzen Phasen der Sezession. Mit Gründung der Volksrepublik 1949 konsolidierte China seine Macht über Xinjiang. 1955 wurde die Uigurische Autonome Region Xinjiang eingerichtet.

Wie verbreitet sind Islamismus und Terrorismus?

Heute setzen sich viele uigurische Gruppen für die Unabhängigkeit Ostturkestans von China ein, darunter säkulare wie auch religiöse. Die meisten Gruppen operieren friedlich im Ausland. Es gibt aber auch Terrorgruppen wie die Islamische Bewegung Ostturkestan (ETIM) und die Ostturkestan Befreiungsorganisation (ETLO), die für Anschläge verantwortlich sein sollen.

Wie wirkt sich deren Gewalt auf die Uiguren aus?

Anschläge mutmaßlicher uigurischer Terroristen in China haben kaum etwas bewirkt, abgesehen davon, dass sie China einen Vorwand für Repression liefern und die Uiguren unter den Generalverdacht des Terrorismus geraten. Es gibt Berichte über eine große Zahl hingerichteter Uiguren. China behauptet, es seien Kriminelle. Es besteht der Verdacht, dass darunter politisch motivierte Exekutionen sind.

Die Uiguren fühlen sich von China unterdrückt. Wie berechtigt ist der Vorwurf, China zerstöre die uigurische Kultur?

Die Uiguren sind eine von 56 anerkannten Minderheiten in China. Von den 20 Millionen Einwohnern Xinjiangs sind rund 9 Millionen Uiguren, 8 Millionen Han-Chinesen und 1 Million Kasachen und andere Ethnien. In uigurischen Schulen wird sechs Jahre in Uigurisch unterrichtet, danach auf Chinesisch mit Fachunterricht auf Uigurisch. In Xinjiang gibt es rund um die Uhr Rundfunkversorgung auf Uigurisch, auch mehrere Stunden Fernsehen sowie zahlreiche Printmedien in uigurischer Sprache.

Woher kommen dann die Vorwürfe gegen China?

Die Verwischung kultureller Eigenarten durch die Globalisierung einerseits und die Bildung regional dominanter kultureller Zentren andererseits ist ein weltweites Problem. So üben etwa in China die Han-Kultur oder in Indien die Hindustani-Kultur eine Anziehungskraft aus, der kleinere Völker - teilweise sogar außerhalb der betreffenden Staaten - sich kaum entziehen können. Diese Art kultureller Selbstassimilation ist auf Dauer viel bedrohlicher für die Identität eines Volkes als Unterdrückungsmaßnahmen, da sie aus freien Stücken oder unbewusst erfolgt.

INTERVIEW: VOUGAR ASLANOV



JULIAN RENTZSCH ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Turkologie am Seminar für Orientkunde Universität Mainz.

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