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  • 07.01.2013

71 Prozent glauben an Promi-Bonus

ORGANSPENDEN Umfrage: Viele Bürger sind überzeugt, dass Ärzte Reiche bevorzugen. Spendenbereitschaft sinkt. Experte: Ärzte sollten Patienten mit geringer Heilungschance Transplantationen verweigern

BERLIN dpa | Nach dem Transplantationsskandal an der Universitätsklinik Leipzig ist das Vertrauen der Deutschen in die Organspendepraxis gesunken: 71 Prozent der Bundesbürger sind davon überzeugt, dass Wohlhabende und Prominente bei der Organvergabe bevorzugt werden. Das ergab eine Emnid-Umfrage mit 500 Menschen im Auftrag der Bild am Sonntag.

Die Leipziger Uni-Klinik hatte am vergangenen Dienstag die Manipulationen bei Lebertransplantationen in ihrem Haus öffentlich gemacht. 38 Patienten sollen fälschlicherweise als Dialysefälle geführt worden sein, um sie auf der Warteliste für eine Spenderleber nach oben rutschen zu lassen. Drei Mediziner wurden suspendiert. Sonderprüfer sollen nun Hunderte von Patientenakten prüfen.

Der Umfrage zufolge sind weniger Menschen bereit, sich nach ihrem Tod Organe entnehmen zu lassen. 37 Prozent lehnen inzwischen eine Entnahme ab, 59 Prozent würden spenden. Im August waren noch 61 Prozent der Deutschen zur Spende bereit, nur 34 Prozent sagten Nein.

Experten warnen indes vor falschen wirtschaftlichen Anreizen in der Medizin. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Karl-Walter Jauch, hatte schon vor wenigen Tagen in der taz eine drastische Reduzierung der deutschen Zentren für Lebertransplantationen gefordert. Derzeit sind es 24. Der Wettbewerb zwischen den Zentren wirke sich negativ auf die Qualität aus.

Jauch erhält Zustimmung von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Sie betonte, dass sich durch die Reduzierung der Transplantationszentren unter anderem auch die Aufsicht erleichtern lasse. "Wir fordern einen bundesweit zu entwickelnden Masterplan, der alle Aspekte im Blick hat. Bisher plant aber jedes Land für sich allein", teilte die Stiftung mit. "Länder, Krankenhausbetreiber, Bundesärztekammer, Krankenkassen und Patientenorganisationen müssen an einen Tisch, um die Bedingungen für den Betrieb der Transplantationszentren festzulegen."

Für die aktuell aufgedeckten Betrugsvorgänge macht Mediziner Jauch auch die Vorschriften bei der Vergabe von Organen verantwortlich. Mediziner, so sagte er dem Focus, müssten "den Mut haben zu sagen, dass man Patienten, die nur mehr eine minimale Chance auf Rehabilitation haben, nicht mehr einer Transplantation unterzieht".