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  • 05.12.2008

"Sarkozy hat Glück gehabt"

Mit ihrem Mann Serge Gainsbourg hat sie den berühmtesten Stöhn-Song der Popgeschichte aufgenommen, nun hat Jane Birkin eine neue Platte gemacht. Ein Gespräch über den Vorteil von schöner Unterwäsche in Krisenzeiten, die französische Außenpolitik und den Geschmack von Carla Bruni

INTERVIEW DOROTHEA HAHN

taz: Frau Birkin, seit mehr als vier Jahrzehnten strahlen Sie Frische und Unschuld aus. Wie wahren Sie diese junge Aura?

Jane Birkin: Ich finde mich weder frisch noch unschuldig. Wohl aber wie eine alte Jugendliche. Ich habe keinen Mut zu einem Lifting gehabt. Aus Stolz. Aber Lächeln ist wichtig.

Lächeln als Geheimrezept?

Es macht den Effekt von einem Lifting aus. Ein vages Lächeln in die Zukunft. Und nur minimale Schminke auflegen. Die jungen Mädchen mit 15 oder 16 Jahren sind sehr hübsch, wenn sie viel Schminke und Lippenstift tragen. Aber ich benutze das strikte Minimum. Ich lasse die Augen weg.

Das sind Äußerlichkeiten. Woher nehmen Sie die innere Ausstrahlung und eine Art zu reden und zu singen, die sehr jung wirkt.

Vielleicht, weil ich keine Schutzwehr habe. Weil ich kein Hindernis einbaue. Ich sage Dinge, die ich liebe und denke. Ich genieße eine große Freiheit. Die Franzosen sind mir nicht böse, wenn ich kritisiere, weil mir die Dinge unerträglich erscheinen: Zu viele Leute im Gefängnis. Die Gefahren für die soziale Sicherheit, die öffentlichen Krankenhäuser, und die Schulen. In Deutschland haben Sie großes Glück mit Angela Merkel. Sie ist nicht nach China gefahren, um Flugzeuge zu verkaufen, sondern um über Gefangene in den Gefängnissen zu sprechen. Sie widersteht den Chinesen.

Der deutsch-chinesische Handel funktioniert trotzdem prima.

Vielleicht haben die Deutschen etwas, das die Franzosen nicht haben, aber das die Chinesen brauchen. Vielleicht liegt es auch an der Persönlichkeit von Angela Merkel. Sie ist in Ostdeutschland aufgewachsen. Vielleicht versteht sie deshalb, was Unterdrückung ist.

Wenn Sie prinzipiell gegen Unterdrückung wäre, müsste Merkel sich aber auch für Aung San Suu Kyii einsetzen.

Das tut sie, so weit ich weiß, nicht. Genauso wenig, wie die offiziellen Engländer.

Ich habe Sie nach Ihrer Quelle für Frische und Unschuld gefragt und Sie reden von China und Birma.

Weil es mich interessiert.

Hält Empörung jung?

Wir haben alle eine kleine persönliche Möglichkeit zum Eingreifen. Eine Verantwortung. Dieses Potenzial muss jeder so gut es geht einsetzen. Wenn Aung San Suu Kyii etwas passiert und ich nichts unternommen hätte, wäre das eine Katatstrophe. Dann wäre ich in meiner Mission gescheitert. Und hätte nicht erreicht, sie zu beschützen. Weil ich sie kennengelernt habe, spüre ich, dass ich ihr gegenüber eine Mission habe. Auch wenn es nur eine kleine ist. Die lautet: Keine Geschäfte mit Birma.

Die Welt ist voller Probleme. Wie identifizieren Sie Ihre Engagements? Und wie schafft eines davon - etwa jenes für Aung San Suu Kyii - es auf eine Ihrer Platten?

Ich hätte beinahe auch einen Song geschrieben, über die großen Probleme der ganzen Welt. Aber ich habe mir gesagt: bleib persönlich. Das passt dann auch auf andere Völker. Wie die Tibeter. Andere Konflikte kenne ich weniger. Ich kenne Tschetschenien. Ich war in Sarajewo im Krieg. Und ich war in Ruanda. Ich habe Asche von meinem Vater zu den Knochen der ermordeten Tutsi gelegt. Weil ich einfach nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ich habe etwas von Papa gegeben. Ich versuche, ganz einfach das Mindeste zu tun.

Warum bleibt der französische Ölgigant Total in Birma?

Ich frage mich das oft. Total bekommt nur einen Bruchteil seiner Einnahmen aus Birma. Es würde sein Image aufbessern, wenn er sich zurückzöge. Das Argument für solche Fälle lautet: Total hilft. Weil er ein Waisenheim oder eine Schule baut. Vielleicht würden die Russen oder die Chinesen das nicht tun, wenn sie den Platz von Total einnähmen. Aber ich ziehe es vor, starrsinnig mit Aung San Suu Kyii zu bleiben. Sie will keine Investitionen in Birma, weil die Leute trotzdem an Hunger sterben.

Als Sie im Krieg in Sarajewo waren, haben Sie Lippenstifte und Negligés mitgebracht.

Ich bin für das Recht auf Frivolität. Als ihre Wohnung in London im Krieg ausgebombt wurde, hat meine Mutter ihr Parfüm mitgenommen. Ihr "Chaparelli shocking pink perfume". Nicht ihre Kleider. Oder ihr Essen. In einer Katastrophe, braucht der Mensch Dinge, die gut für die Moral sind. Ich habe deswegen, als ich nach Sarajewo fuhr, nicht nur Nahrungsmittel und Literatur mitgenommen, sondern auch Negligés und Unterwäsche aus Seide und Satin. Als ich in Sarajewo ankam, waren die Mädchen natürlich sehr froh über die Lebensmittel. Und über die Bücher von Balzac. Aber als ich den Rucksack aufgemacht habe und sie die Lippenstifte gesehen haben und den Nagellack, da habe ich gewusst: Mama hatte recht.

Haben Ihre Lippenstifte und Negligés die Verhältnisse geändert?

Sie haben die Stimmung verändert. Es ist kein Problem, wenn das nur eine Minute dauert.

Als Sie nach Frankreich kamen, war das Land politisch in Aufruhr. Die Zeit von 1968. Heute sitzt ein Präsident im Elysee-Palast, der 1968 überwinden will. Wie sehen Sie Frankreich heute?

Ich führe ein privilegiertes, bequemes Leben. Ich bin kurz nach 68 gekommen. Ich war nicht in der 68er-Bewegung. Aber gleich nach meiner Ankunft habe ich gegen die Todesstrafe demonstriert. Serge hatte deswegen Angst.

Serge Gainsbourg wollte nicht, dass Sie demonstrieren?

Die Todesstrafe war sehr populär. Dagegen zu demonstrieren, war ungefähr das Unpopulärste, das ich tun konnte. Serge wollte nicht, dass ich unpopulär werde. Ich bin mit Badinter (dem späteren Justizminister; d. Red.), dem großen Rabbiner und den Chefs der Kirchen vom Friedhof Père Lachaise bis zur Place de la République gezogen. Die Leute warfen von den Balkonen mit Sachen auf uns. Später habe ich für das Recht auf Abtreibung demonstriert. Und Serge war wieder dagegen. Er fand, dass ich mich in Dinge einmische, die nicht meine Sache waren. Damals gingen Mädchen, die etwas Geld hatten, nach England, die anderen gingen zu Engelmachern auf Hinterhöfe und außerdem noch ins Gefängnis.

Fühlen Sie sich immer noch als Ausländerin?

Ja. Sowohl hier als auch in England. Gleichzeitig verteidige ich die Engländer, wenn ich in Frankreich bin, und die Franzosen, wenn ich in England bin. Die Franzosen sind Nörgler. Aber ich liebe sie. Zugleich gibt es Dinge, die ich bei den Engländern klasse finde. In London sind die Leute sympathisch und freundlich. Auch Dora gegenüber.

Woher hat Ihre Bulldogge diesen Namen?

Ich mag den Namen. Dora war eine Patientin von Freud. Er hat es nicht geschafft, sie zu zähmen. Mein Hund ist auch so. Sie kann nicht reden. Und ich bin nicht Freud. Aber Dora hat einen wunderlichen Charakter. Sie darf sich aufs Sofa setzen und mit mir essen.

Sie reden über Ihren Hund als wäre es eine Person.

Sie ist eine Person. Wenn ich Dora am Morgen sehe, bin ich glücklicher, als wenn ich niemanden sehe. So ist das, wenn man allein lebt.

Im Élysée wohnt heute eine Première Dame. Die ein wenig an Sie erinnert.

Ich würde sagen, er hat viel Glück.

Erkennen Sie sich in Carla Bruni wieder?

Ich bin weder reich noch schön noch verführerisch.

Ach ja?

Ja. So ist es. Hingegen haben wir beide eine Vorliebe für Gainsbourg. Sie ist sehr clever. Ich finde, sie hat einen guten Geschmack bei der Wahl ihrer Chansons. Die Wahl des Präsidenten ist ihre Sache.

Verstehen Sie denn die Männerwahl von Bruni?

Macht strahlt Verführung aus. Das gilt nicht nur für Präsidenten, sondern auch für Bankdirektoren, Zugführer und Dirigenten. Chefs haben viel Sex-Appeal. Ich habe mich nicht in einen Dirigenten verliebt. Nicht in einen Bahnhofsvorsteher. Und nicht in einen Präsidenten. Aber es ist verbreitet.

Serge Gainsbourg war auch ein Chef.

Als ich ihn kennenlernte, galt er als verrückt, böse und gefährlich.

Aber heute bekommt jeder beliebige Franzose strahlende Augen, wenn er den Namen Gainsbourg hört.

Stimmt. Das war vor 40 Jahren anders. Die Franzosen haben erst später entdeckt, dass sie ein Genie verloren haben.

Haben Künstler ausländischer Herkunft - Leute wie Bruni, Gainsbourg und Sie - in Frankreich mehr Möglichkeiten als in England oder Deutschland?

Die Franzosen haben Claudia Cardinale, Romy Schneider, Petula Clark, mich … Sie haben eine Zuneigung zu Leuten, die dieses Land wählen. Ich glaube nicht, dass die beliebtesten Künstler in England Deutsche oder Franzosen sind. In Frankreich sind sogar Akzente willkommen. Die Franzosen mögen den englischen Akzent.

Sie sind mit dem Song "Je t'aime - moi non plus" bekanntgeworden. Es ist eine gestöhnte Musik zur ersten Liebe. Generationen haben dazu ihre ersten Küsse ausgetauscht. Auf Ihrer neuen Platte singen Sie über das Alter und über eine letzte Liebe.

Das ist sehr ehrlich. Und etwas unverblümt. Mit dem Lied "Prends cette main" fühle ich mich viel stärker ausgesetzt als in einem Film oder einer Inszenierung. Hier zeige ich mich selbst. Die Hände sind wie ein Mikroskop. Ich habe Scham empfunden, als ich dieses Chanson geschrieben habe. Zugleich dachte ich: Vielleicht finden sich andere Mädchen wieder, wenn ich singe: Ich will eine letzte Liebe.

Früher haben Ihre Männer für Sie getextet und Filmrollen geschrieben. Heute machen Sie alles selbst.

Weil ich allein bin. Und vielleicht auch, weil ich keine Kinder mehr kriegen kann, schreibe ich jetzt mehr. Und weil man mich seltener fragt, mache ich mehr selbst. Es wäre wunderbar, auch Texte für andere zu schreiben. Wie eine Schriftstellerin. Das Großartigste ist es, Theaterstücke, Filme und Chansons zu schreiben, die dann andere interpretieren.

Was sind Ihre nächsten Projekte.

Ich würde gerne einen Film über das Alter drehen. Über eine alte Dame von achtzig Jahren, die ihre Tochter bittet, im Supermarkt den Einkaufswagen halten zu dürfen, damit sie aufrecht bleiben kann.

Kennen Sie diese alte Dame?

Das war meine Mutter.



JANE BIRKIN, 61, geboren in London, lebt seit Ende der 1960er-Jahre in Frankreich. International bekannt wurde Birkin 1966 mit ihrer Rolle im Kultfilm "Blow up" und mit dem Song "Je t'aime - moi non plus", den sie 1969 mit ihrem damaligen Mann Serge Gainsbourg aufnahm. Der Song wurde zu einem der berühmtesten Duette der modernen Musikgeschichte. Seither hat das frühere Fotomodell Birkin in zahlreichen Filmen gespielt und zahlreiche Platten veröffentlicht. Soeben erschien "Enfants d'hiver" - ein Solo-Album mit 12 selbst geschriebenen Songs. Auf einer internationalen Tournee wird Birkin ihre Platte 2009 auch in Deutschland vorstellen.

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