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  • 28.07.2009

Pioniere aus Düsseldorf

REHABILITATION Vom Schimpfwort zum Gütesiegel: Krautrock hat es mittlerweile auch in Deutschland leichter als in den Siebzigern. Zahlreichen Wiederveröffentlichungen, Verneigungen aus dem Ausland und krautinspirierten Neuerscheinungen sei Dank

VON TIM CASPAR BOEHME

Sie sind viele. Sie klingen höchst unterschiedlich. Aber sie eint ihr Unwillen gegen ein zweisilbiges Wort, das auf "Rock" endet und mit "Kraut" beginnt.

Spricht man einen deutschen Musiker aus den Siebzigern auf die Zuschreibung "Krautrock" an, folgt immer eine gequälte Antwort. Keiner will's gewesen sein. Doch so sehr sich die Protagonisten auch dagegen wehren, klebt das K-Wort, wie, sagen wir, eine Klette an einem Wollpulli, an ihrer seltsamen Mischung aus Psychedelik, elektronischer Musik, Jazz und Rock, die nach 1968 in Deutschland entstand.

Es waren englische Journalisten, die den Begriff Krautrock prägten, um die schwer einzuordnenden Klänge von Bands wie Amon Düül II, Neu!, Can, Faust, Popol Vuh oder Tangerine Dream unter einen Hut zu bekommen. Dieter Moebius vom legendären Duo Cluster fühlt sich damit noch heute missverstanden. "Absolut kein Krautrock, was wir machen." Und dennoch: Cluster stehen geradezu synonym für diesen Begriff. Dabei ist ihre Musik mit den verspielt-gelassenen Ausflügen in die Welt der Elektronik denkbar weit von gitarrenregiertem Rock entfernt - ob mit Kraut oder ohne.

Neu!-Gitarrist Michael Rother geht in der Ablehnung des Begriffs sogar noch weiter. "Ich will möglichst unverwechselbar klingen. Daher ist jede Klassifizierung gegen die eigenen Interessen." Dabei begann Rother seine Karriere im Jahr 1971 bei Kraftwerk, um bald darauf mit seinem komplizierten Partner, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Klaus Dinger unter dem Namen Neu! Krautrockmusikgeschichte zu schreiben.

Entspannt vom Bauernhof

Längst taugt Krautrock als anerkannte Genrebezeichnung wie Blues oder Techno. Auch der negative Beigeschmack aus Punktagen ist verschwunden. "Es ist geradezu ein Qualitätssiegel geworden", so Rother. Schon in den Siebzigern fanden der auf kompakte Rhythmen reduzierte Minimalrock von Neu! und Clusters atmosphärische Schichtungen in Brian Eno, David Bowie oder Mark E. Smith von The Fall begeisterte englische Zuhörer. Das ist bis heute so geblieben: "The In Kraut" betitelte der britische New Musical Express im Juni einen Zweiseiter, der neben Cluster und Neu! auch andere einflussreiche Krautrockbands aufführte und junge Popbands wie School of Seven Bells oder the Horrors sich als aktuelle Krautrockfans outen ließ.

Hierzulande ist die Hipnessvermittlung schon schwieriger. Dass es überhaupt wieder Aufmerksamkeit für Krautrock gibt, ist zu einem gut Teil dem geduldigen Einsatz Herbert Grönemeyers zu verdanken. Ihm gelang es, die bis zuletzt völlig zerstrittenen Rother und Dinger zu einer Wiederveröffentlichung der drei Neu!-Alben auf seinem Grönland-Label zu bewegen, die ersten legalen CD-Fassungen überhaupt. Bei Grönland erscheint unterdessen auch Material einer weiteren einflussreichen deutschen Band: Harmonia sind als Zusammenschluss von Cluster mit Michael Rother die erste Supergroup des Krautrocks. Ihr entspannter Experimentalpop inspirierte Brian Eno 1976 zu einem Besuch im niedersächsischen Forst, wo die Musiker als Kommune auf einem Bauernhof lebten. Die gemeinsam entstandenen Aufnahmen werden im September als "Tracks And Traces" in einer von Rother erweiterten Form aufgelegt.

Rheinische Motorik

Gemeinsam mit John Frusciante und Flea von den Red Hot Chili Peppers will Rother auch Stücke von Neu! und Harmonia auf die Bühne bringen. Die Red Hot Chili Peppers sind nicht die einzigen prominenten Fans von Neu! Unter dem Titel "Brand Neu!" wurde von einem Staraufgebot ein Tributalbum für die Pioniere aus Düsseldorf eingespielt. Neben etablierten Rockgrößen wie Sonic Youth, Primal Scream oder Oasis verneigen sich auch jüngere Musiker wie Kasabian oder LCD Soundsystem vor dem rheinischen Motoriksound. Für Bobby Gillespie von Primal Scream waren Neu! sogar schon ein Einfluss, bevor er sie überhaupt gehört hatte: Die Musik von Joy Division sei voll von ihrem Klang.

Auch in Deutschland besinnen sich nun Musiker auf die Aufbruchsphase in den Siebziger Jahren. Manche von ihnen, wie die Band atelier Theremin aus Berlin, haben nicht einmal Berührungsängste vor der Bezeichnung Krautrock. Das Trio um den Künstler Manfred Miersch nennt sein aktuelles Album optimistisch "Morgen im Garten des Neokrautrock", vermeidet aber jeglichen Anflug von Retroklischees und schreibt stattdessen die Tradition anspruchsvoller Experimente fort.

Bei atelier Theremin scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Der Begriff "Neokrautrock" wurde ihnen ebenfalls von Journalisten verpasst. Ihre Plattenveröffentlichung feierten sie stilecht an einem historischen Ort, dem wieder eröffneten Westberliner Club Zodiak, wo vor vierzig Jahren schon Cluster und Tangerine Dream spielten. Für einen Abend konnte ein überwiegend junges Publikum zu Lavalampen-Projektionen alter Krautrockplatten und den Klängen von atelier Theremin lauschen.

Aktualität, Vielseitigkeit und latente Rockferne lässt sich auch am Interesse erkennen, das Krautrock aus der elektronischen Musikszene entgegengebracht wird. Immer mehr Produzenten erkennen in Musikern wie Cluster, Neu! oder Harmonia ihre Vorläufer, sowohl was die ästhetische Haltung anbelangt als auch die Produktionsweise. Cluster gaben etwa kürzlich ein umjubeltes Konzert im Berliner Kultclub Berghain.

Ein Lkw voll Synthesizer

Manche jungen Produzenten lassen ihre Vorbilder so deutlich durchscheinen, dass die Resultate fast Hommagecharakter annehmen. Besonders deutlich wird das beim britischen Duo Subway. Ihr Album "Subway II" erinnert nicht nur dem Namen nach an "Neu! 2" von Neu!, sondern hat auch dieselbe reduziert-grelle Covergestaltung. Das mit einer ganzen Lkw-Ladung alter Synthesizer eingespielte Album lässt an eine kollektive Reise von Cluster, Neu! und Kraftwerk in die US-amerikanische Technohochburg Detroit denken.

Auch der Schwede Andreas Tilliander arbeitet auf dem neuen Album seines Projekts Mokira mit direkten Verweisen. Seine dezenten Klangprozesse wirken wie eine minimalistische Version seiner Idole. Das Zentralstück "Valla Torg Kraut" führt seine Inspiration im Titel, man meint, die skelettierte Fassung eines Harmonia-Stücks zu hören.

Innovationen im Dialog mit der Vergangenheit findet man auch bei John Daly aus Irland. Auf "Sea & Sky" entwirft er eine Vision von kosmischer Disco, bei der sich Housefans und Krautrocker die Hände reichen können. Seine Überführung der entrückten Synthesizerlandschaften aus den Siebzigern in heutige Clubs findet eine Balance zwischen fragiler Luftigkeit und bodenständigem Groove.

Die Londoner Band Chrome Hoof war von einem gemeinsamen Konzert mit Cluster so begeistert, dass sie sich für ihr nächstes Album gleich Samples ihrer Helden geben ließ. "Die finden uns immer noch ganz schön modern", freut sich Dieter Moebius. Dass mit ihm weiterhin zu rechnen ist, belegt sein aktuelles Soloalbum "Kram". Bei aller Elektronik klingt er organisch, humorvoll und wie nichts anderes auf der Welt.

Passend zur immer heftiger anbrandenden Neokrautrockwelle hat das Hamburger Label Bureau B eine Reihe mit Wiederauflagen von 23 Schallplatten aus dem Katalog der Firma Sky Records vom Stapel gelassen. Neben Klassikern wie Clusters fünftem Album "Großes Wasser" und Hans-Joachim Roedelius' Solodebüt "Durch die Wüste" erscheinen auch seltene Alben. "Wunderbar" etwa das einzige Album des Düsseldorfer Multiinstrumentalisten Wolfgang Riechmann, der in den frühen Sechzigern mit Rother in der Band Spirits of Sound spielte. Das Erscheinen seines Debüts voll sphärischer, aufgeräumter elektronischer Arrangements im Jahr 1978 sollte Riechmann nicht mehr erleben. Er wurde wenige Wochen vor der Veröffentlichung in der Düsseldorfer Altstadt von zwei Betrunkenen erstochen.

Cluster: "Großes Wasser" Riechmann: "Wunderbar" Hans-Joachim Roedelius: "Durch die Wüste" (alle bei Bureau B) Harmonia & Eno 76: "Tracks And Traces" (Grönland) Moebius: "Kram" (Klangbad) Cluster: "Qua" (erscheint bei Klangbad) Verschiedene "Brand NEU!" (Feraltone) atelier Theremin: "Morgen im Garten des Neokrautrock" (Krautopia) John Daly: "Sea & Sky" (Wave Music) Mokira: "Persona" (Type) Subway: "Subway II" (Soul Jazz)

Die Londoner Band Chrome Hoof war von einem gemeinsamen Konzert mit Cluster so begeistert, dass sie sich für ihr nächstes Album gleich Samples ihrer Helden geben ließ. "Die finden uns immer noch ganz schön modern", freut sich Dieter Moebius

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