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  • 20.02.2009

In Ruhe radeln

Dopingsünder Floyd Landis ist tief gefallen. Seine Ehe ist zerbrochen und er sitzt auf einem Berg von Schulden. Und doch wirkt er ausgeglichen

VON SEBASTIAN MOLL

Floyd Landis hat sich im Rampenlicht noch nie besonders wohlgefühlt. Nicht, als er auf dem Gipfel des Erfolgs stand, und schon gar nicht, nachdem er des Dopings überführt und der geballten Entrüstung von Fans und Medien ausgesetzt war. Bei der Pressekonferenz unmittelbar nach seinem Tour-de-France-Sieg 2006 wirkte er unsicher und ungelenk. Später, als er durch die Lande zog, um die Leute von seiner Unschuld zu überzeugen, wurde sein Auftritt nach und nach geschliffener. In seinem Element, das war spürbar, war er vor Publikum jedoch nie.

Jetzt hat Landis das alles hinter sich. Er ist kein Sportheld mehr. Er steht aber auch nicht mehr im Kreuzverhör. Landis ist nur noch ein Radprofi unter vielen, und das gefällt ihm so. Seit Beginn des ersten Rennens nach seiner Sperre, der Tour of California, fährt er Rad und schweigt. Pressekonferenzen schwänzt er, Interviewanfragen schlägt er aus. Er will seine Ruhe haben.

"Ich glaube, dass alles, was Floyd passiert ist, ihm die Möglichkeit gegeben hat, so zu leben, wie er immer leben wollte", sagt deshalb auch Jonathan Vaughters, ehemaliger Kollege von Landis und jetzt Direktor der US-Profi-Mannschaft Garmin. "Es ist heute schwer zu glauben, aber ihm war es schon immer am liebsten, wenn alles so simpel wie möglich ist."

Floyd Landis' Leben ist sehr simpel geworden, seit die Berufungen gegen seine Dopingsperren alle abgewehrt wurden. Landis lebt allein in einer schlichten Hütte in den San Jacinto Mountains in Südkalifornien. Die Wände, so wird berichtet, sind kahl, die Einrichtung spärlich. Er trainiert viele Stunden jeden Tag, meistens allein. Sein Telefon ist oft wochenlang abgeschaltet, Besuch hat er selten. Wenn er nicht im Sattel sitzt, isst er oder er schläft. Sonst nichts.

Landis' bester Freund, der Garmin-Radprofi David Zabriskie nennt das "in den Mennoniten-Modus" gehen. Die Mennoniten, die Glaubensgemeinschaft der Eltern von Landis, lehnen alles ab, was das Leben unübersichtlich macht - moderne Technik, Unterhaltung, Ablenkung. Sie glauben an harte Arbeit, an die Familie und sonst an nichts. Diese puritanische Welt ist das, was Landis vertraut ist. Es ist die Welt, in die er sich zurückzieht, wenn alles andere gescheitert ist. Und für Landis ist vieles gescheitert. Sein Sturz vom Radsportthron war da nur der Anfang. Seine aufwendige Verteidigung danach hat ihn sein gesamtes Vermögen gekostet. Zwei Millionen Dollar haben die Anwälte ihm berechnet. Für das Haus, das er gekauft hat, als er noch für Lance Armstrong fuhr, schuldet er den Banken mehr als 800.000 Dollar. Seine Dopingstrafe von 100.000 Dollar an die amerikanische Antidopingbehörde konnte er nicht bezahlen - er muss sie abstottern.

Anfang dieses Jahres hat seine Frau Amber die Scheidung eingereicht. Sie macht keinen Hehl daraus, dass Landis' Situation daran schuld war. Sie sagt: "Das hat uns alles sehr belastet." Landis' schwere Hüftoperation sowie der Selbstmord seines Schwiegervaters, der ihm sehr nahe stand, erscheinen da beinahe wie bloße Fußnoten.

Trotz allem sagen Leute, die Landis kennen, dass er jetzt so zufrieden ist, wie schon lange nicht mehr. Landis ist wieder wie zu Beginn seiner Laufbahn, ein Profi mit kleinem Gehalt, der nur amerikanische Rennen fährt und der sich außer ums Radfahren um nichts zu kümmern braucht. So will er es haben - er habe gar nicht erst versucht, bei einer großen europäischen Mannschaft einen Vertrag zu bekommen, gab er jüngst zu. Bei der Tour of Mexico und der Tour of Utah, wo kaum jemand zuschaut und wohin sich kaum ein Journalist verirrt, fühlt er sich deutlich wohler, als bei der Tour de France.

Beinahe kann man den Eindruck gewinnen, dass er das andere alles nie haben wollte. Den Ruhm, das Geld, das große Spektakel. Und wer weiß, vielleicht hat ihn ja die Sehnsucht nach dem einfachen Leben, nach dem "Mennoniten-Modus", unterbewusst auch dazu gebracht, das alles zu sabotieren. Das raffinierteste Doping war die Anabolika-Dosis vor der Königsetappe 2006 jedenfalls nicht.

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