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  • 12.03.2013

Zu wenig Zeit für Sterbende

GESUNDHEIT Beim 8. Bremer Kongress für Palliativmedizin berieten 550 Ärzte und Hospiz-Experten über die Qualität der Sterbebegleitung

Die psychosoziale Versorgung sterbenskranker Menschen in der Palliativmedizin ist nach Darstellung von Experten neben Medizin und Pflege unverzichtbar. "Fast jeder zweite Palliativpatient braucht eine psychosoziale Begleitung", sagte die leitende Psychologin Elisabeth Jentschke beim Bremer Kongress für Palliativmedizin. Am Freitag und Samstag fand der zum achten Mal in Bremen statt. Dazu haben sich 550 Ärzte, Pflegekräfte und Hospiz-Experten aus ganz Deutschland angemeldet.

Ängste - etwa vor Schmerzen, dem Verlust sozialer Kontakte und letztlich dem Tod - spielten bei den Betroffenen eine große Rolle, so Jentschke. "Wir brauchen Mitarbeiter, die sich ans Bett setzen und über Ängste reden." Das könnten neben Psychologen und Seelsorgern auch Beschäftigte aus den Sozialdiensten und ehrenamtliche Hospizmitarbeiter sein, erläuterte Jentschke, die am Universitätsklinikum Würzburg arbeitet. Bei der Begleitung komme es darauf an, auch die Angehörigen einzubeziehen. "Wir brauchen Zeit zum Fragen und Zeit zum Schweigen." Wichtig sei es, Begegnungen zu ermöglichen, die beim Abschied eine zentrale Rolle spielen könnten: "Zum Beispiel ein Familienessen auf der Palliativstation oder den geliebten Hund ein letztes Mal streicheln."

Hans-Joachim Willenbrink, Chefarzt für Palliativmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Links-der-Weser, kritisierte die Situation in Krankenhäusern, wo Betten und Personal "immer weiter reduziert werden". Dort sei kein Platz mehr für Gespräche, so Willenbrink.

Im interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Würzburg organisiert die Psychoonkologin Jentschke neben Selbsthilfegruppen für Patienten und Trauergruppen für Angehörige auch Yoga für Krebskranke. Daran beteiligten sich Patienten aus der Palliativmedizin, berichtete sie in Bremen. Sie registriere, dass Yoga Symptome wie Luftnot, Ängste und chronische Müdigkeit lindern könne.

Palliativmedizin ist laut der Weltgesundheitsorganisation WHO die "ganzheitliche Behandlung von Patienten, die an einer fortschreitenden Erkrankung mit einer begrenzten Lebenserwartung leiden". Im engeren Sinne wird darunter neben sozialer und spiritueller Begleitung eine Schmerztherapie bei Schwerstkranken und Sterbenden verstanden.  (epd)

"Wir brauchen Mitarbeiter, die sich ans Bett setzen"