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  • 01.07.2009

Ein schlechter Traum

BLOG Es gibt viele Tote, andere sind inhaftiert. Ärzte verschreiben Pillen gegen Angst und Schmerzen. Auch ein Mittel der Ruhigstellung. Fortsetzung des Journals einer Bloggerin

AUS TEHERAN ANONYMA*

Sonntag, 28. Juni, kurz nach Mitternacht, ich wache von einem Albtraum auf. Ich habe gerade erfahren, dass sich vor dem Evin-Gefängnis eine Menschenmenge angesammelt hat, um etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren. Offensichtlich kampieren sie vor dem Gefängnis. Ich will morgen dorthin, um mehr in Erfahrung zu bringen. Ein Freund meint, dass sie vermutlich viele Gefangene nach Karadsch gebracht haben, wo sich wahrscheinlich schon Tausende befinden. Er sagt, sie mischen sie mit brutalen Gefängnisinsassen, damit ihr Aufenthalt zum Horrortrip wird.

Samstag, den 27. Juni. Die Demonstrationen auf den Straßen haben aufgehört. Ein anderer Versuch, sich Mittwoch vor dem Parlament zu versammeln, begann ruhig, mit kleinen Menschengruppen, die sich mit Melonensaft oder Eis tarnten oder im Gras saßen. Die Versammlung wurde aufgelöst, nachdem die Menge einen kritischen Punkt erreicht hatte. Als sie sich weigerten zu gehen, wurden sie übel geschlagen, Männer wie Frauen. Mussawi zeigte sich nicht, was für viele eine große Enttäuschung war, denn er hatte sein Erscheinen angekündigt.

Es soll mehrere Tote bei Kämpfen nach Dunkelwerden gegeben haben. Es gibt keine Bestätigung, wie viele Tote es überhaupt gibt. Man weiß nicht, wohin sie die Leichen bringen. Es gibt Berichte, wonach sie sie auf Lastwagen wegbringen und sofort auf dem Behescht Sahra, dem großen Friedhof 20 Kilometer südlich von Teheran, beerdigen. Es gibt auch Berichte, dass die Bassidschi, die Volksmilizen, die Leichen aus den Krankenhäusern holen, wenn sie dort gestorben sind. Und eine ganze Menge Leute haben bestätigt, dass Familien gezwungen wurden, ihre Kinder ohne Zeremonie zu beerdigen, wenn sie den Leichnam zurückhaben wollten. Die Verhaftungen und Hausdurchsuchungen gehen weiter, wohingegen die Straßen seit Samstag ein nahezu "normales" Bild bieten. Normal heißt, dass an einigen Kreuzungen Milizposten zu sehen sind. Keine Demonstranten, keine Kämpfe, keine Menschenaufläufe.

Der große Trauerzug, der am Donnerstag zum Behescht Sahra führen sollte, hat nicht stattgefunden aus. Die Veranstaltung wurde verboten, was einen nicht verwundert, weil dies Gelegenheit gewesen wäre bekannt zu geben, wer vermisst wird oder tot ist und überhaupt mit Zählen zu beginnen. Es scheinen eine Menge Leute verschwunden zu sein, und es ist beinahe unmöglich, Informationen über sie zu bekommen. Glücklicherweise betrifft dies niemanden aus meiner engeren Umgebung, aber Freunde und/oder Familienmitglieder von Freunden sind verschwunden. Die meisten befinden sich vermutlich in Polizeigewahrsam und provisorischen Gefängnissen oder sie sind direkt ins Evin-Gefängnis gebracht worden, das seit Langem für Folter und das Brechen politischen Widerstands berüchtigt ist. Seit verkündet wurde, dass die Demonstranten "unbarmherzig und grausam" bestraft werden sollen, mache ich mir Sorgen, dass es eine Exekutionswelle geben könnte. Der Gedanke daran macht mich krank.

Mein Magen hat sehr sensibel auf die Ereignisse reagiert und mich mit einem weiteren Aspekt politischen Widerstands vertraut gemacht. Jeder, der in den vergangenen Wochen auf der Straße unterwegs war, hat in emotionaler und physischer Hinsicht anders auf die angespannte Atmosphäre, die Gewalterfahrung, Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit reagiert. Wie viele andere hatte ich sehr schmerzhafte Magenkrämpfe. Donnerstag entschloss ich mich, zum Arzt statt zu einer Demonstration am Baharestanplatz zu gehen. Der Arzt konnte keine physische Ursache für die Schmerzen feststellen. Er fragte mich, ob ich die Geschehnisse nach den Wahlen verfolgt hätte und ich bejahte dies. Er meinte, die Schmerzen seien eine Folge dessen, dass ich aufgewühlt sei, und er empfahl mir, verschiedene Tabletten zu nehmen. Die Apotheken hier geben einem oft die Tabletten ohne Verpackung, weshalb ich nach meiner Heimkehr gegoogelt habe, was er mir verschrieben hat. Es stellte sich heraus, dass zwei der drei Mittel Antidepressiva waren, die "solche Symptome der Schizophrenie wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen, dissoziatives Denken und Sprechen abbaut oder dämpft". Bei dem anderen Mittel stand: "Es dient zur Behandlung schwerer Depression und nächtlichen Bettnässens bei Kindern." Das dritte Medikament war eine "Substanz, die den Neurotransmitter Acetylcholin im zentralen und peripheren Nervensystem blockiert". Mit einer Menge erstaunlicher Nebenwirkungen. Die verblüffendste: "visuelle, akustische oder andere Halluzinationen der Sinnesorgane, wie das Krümmen oder Flattern von Oberflächen und Kanten, strukturierter Oberflächen; ,tänzelnde' Linien, ,Spinnen' und Insekten, Musterbildung, täuschend lebensechte Objekte, die halluzinierte Anwesenheit von Menschen". Ich malte mir aus, wie jeder so einer Behandlung unterzogen wird. Es würde besser funktionieren, als Leute zu schlagen und zu erschießen oder was die iranischen Medien mit den Köpfen der Leute angestellt haben. "Wahnvorstellungen, dissoziative Störungen, die halluzinierte Anwesenheit von Menschen", das alles ergibt absolut Sinn. Das Verabreichen von Medikamenten als letztem und wirkungsvollstem Mittel der Repression gegenüber Volkes Stimme, Dissens, Information, Kommunikation, emotionaler Anteilnahme an den Ereignissen, Ungerechtigkeit, Gewalt, Gleichgültigkeit. Ich muss dieses große Wort wiederholen: Gleichgültigkeit.

Ich erinnere mich an einen Cousin, der ein Gespräch von vier Frauen im Bus belauschte. Sie redeten über den Tod von Neda. Eine von ihnen sagte, sie hätte ihren Tod verdient. Warum ist sie auch rausgegangen? Es war ihr Fehler, dass sie nun tot ist. Die anderen stimmten ihr zu.

Ich habe meinen Freunden erzählt, was mir der Arzt verordnet hat, und sie berichten, dass sie ebenfalls Tabletten gegen die Angst und Schmerzen nehmen. Valerin scheint hilfreich für Leute, die mit den jüngsten oder auch früheren Erfahrungen von Gewalt umgehen müssen. Dieser Aspekt von Dissens war mir bisher fremd. Man muss bestimmte physische und emotionale Reaktionen in den Griff kriegen, um weitermachen zu können. Das ist etwas für die zukünftige Traumataforschung, was auf unsere Gesellschaft als Ganzes zukommen dürfte. Im Moment merke ich stark, dass ein Großteil der in Teheran jetzt zu sehenden Gleichgültigkeit Tarnung ist - wie das Eis und der Melonensaft. Nach diesen Wahlen und ihren Auswirkungen wird der Riss in den Mauern dieses Hauses wachsen und sein Dach wird eines Tages einstürzen.

* Der Name der Verfasserin ist der Redaktion bekannt

Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Seifert

Der Arzt konnte keine physische Ursache für meine Schmerzen feststellen

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