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  • 17.05.2013

Technik fast wie zu Zeiten des Klonschafs Dolly

GENFORSCHUNG Wissenschaftler im amerikanischen Oregon sprechen von einem "Durchbruch": Sie hätten aus geklonten Embryonen Stammzellen gewonnen. In Deutschland hingegen wären die neuen Versuche nach dem Embryonenschutzgesetz verboten

VON WOLFGANG LÖHR

BERLIN taz | Das Thema "Menschenklonen" mit all seinen umstrittenen ethischen Facetten ist wieder auf der politischen Agenda. Jahrelang waren alle Versuche, geklonte Menschenembryonen zur Stammzellgewinnung zu nutzen, gescheitert. Jetzt teilte der Zellbiologie Shoukhrat Mitalipov mit, es sei ihm erstmals gelungen, aus einem Menschenklon Zellen zu gewinnen, die sich zu jedem beliebigen Typ von Körperzellen entwickeln lassen.

Sein Forscherteam von der Oregon Health & Science University in Portland sprach gar von einem "Durchbruch": Damit sei man der Heilung von Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose oder Herzerkrankungen ein deutliches Stück näher gerückt. Die Euphorie wird allerdings nicht von allen Stammzellforschern geteilt. Denn eine medizinische Verwendung - sollte sie überhaupt jemals vertretbar sein - ist noch lange nicht Sicht.

"Ich bin skeptisch, ob uns das im therapeutischen Bereich weiterbringt", sagte etwa der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle der Nachrichtenagentur dpa. Brüstle arbeitet selbst mit embryonalen Stammzelllinien. In der letzte Jahren ist er vor allem bekannt geworden, weil er versuchte, in seinem Labor geschaffene embryonale Stammzellen patentieren zu lassen. Selbst Insider sind von den Klonexperimenten in Portland überrascht.

Denn seit Jahren schon setzen die meisten Wissenschaftler bei der Forschung entweder auf Stammzellen, die aus sogenannten "überschüssigen" Embryonen gewonnen wurden - sie sind bei der künstlichen Befruchtung "übrig" geblieben - oder auf "induzierte pluripotente Stammzellen" (iPS). Dabei handelt es sich um entwicklungsfähige Zellen, die aus Körpergewebe gewonnen werden. Unter anderem durch das Einschleusen eines bestimmen Proteincocktails können diese Zellen quasi "rückprogrammiert" werden.

Diese iPS-Zellen haben zwar nicht mehr das volle Entwicklungspotenzial. Sie lassen sich aber zu verschiedenen Zelltypen entwicklen - je nachdem, ob es sich ursprünglich etwa um Muskelzellen oder um Hautzellen handelte.

Daneben gibt es zahlreiche vielversprechende Forschungsansätze mit adulten Stammzellen, die aus Körpergewebe isoliert werden. Dies ist ethisch nicht umstritten. Im Körper sind sie für die Regeneration der verschiedenen Zelltypen zuständig.

Das Forscherteam aus Portland nutzte bei der Herstellung ihrer Embryonen fast das gleiche Verfahren, mit dem 16 Jahre zuvor am schottischen Roslin-Institut das Klonschaf Dolly "hergestellt" wurde. Die Wissenschaftler transferierten nun die Zellkerne von menschlichen Hautzellen in die zuvor entleerte Hülle einer menschlichen Eizelle. Aus dieser entwickelten sich dann die Embryonen. Nachdem diese mehre Zellteilungszyklen durchlaufen haben, entnahmen die Forscher einzelne Zellen, um sie im Reagenzglas weiter zu kultivieren.

Nach Angaben der US-Forscher zeigen diese keine Anomalien oder Fehlentwicklungen. Sie hätten die "Fähigkeit, sich wie normale embryonale Stammzellen in viele andere Zellarten zu verwandeln, sagte Shoukhrat Mitalipov. Diese große Entwicklungsfähigkeit ist auch das Argument, warum embryonale Stammzellen besser als andere Stammzellen medizinisch verwendbar sein sollen. Zudem können durch das Klonen fast genetisch identische Zellen für einzelne Patienten hergestellt werden, die angeblich nicht abgestoßen werden. Ob dies tatsächlich so ist, muss aber noch bewiesen werden. Ein großen Problem ist auch, dass - geklonte und nicht geklonte - embryonale Stammzellen bei Tierversuchen Tumore auslösten.

In Deutschland wären die Klonversuche nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Schon deshalb müssten sie verboten sein, so Jochen Taupitz, Jurist und Mitglied im Deutschen Ethikrat, "weil es unzulässige Menschenversuche sind".

Ein großen Problem ist auch, dass embryonale Stammzellen bei Tierversuchen Tumore auslösten



Was sind Stammzellen?

 Stammzellen sind Vorläuferzellen von gewebespezifischen Zellen. Die Wissenschaft unterscheidet nach ihrer Herkunft (embryonal, adult) sowie nach ihren Differenzierungsmöglichkeiten in verschiedene Gewebe.

 Als totipotent werden Zellen bezeichnet, die aus einem vier- bis achtzelligen Embryo stammen und die Fähigkeit besitzen, sich nach Einbettung in eine Eihülle zu einem vollständigen Organismus zu entwickeln.

 Pluripotente Zellen können noch alle Zelltypen eines Organismus bilden. Auch im Körper geborener Menschen gibt es Stammzellen, etwa im Knochenmark, in der Leber, der Bauchspeicheldrüse oder im Hirn. Sie sind in der Regel nur noch multipotent, können also etwa Nerven- oder Herzzellen werden, aber nicht mehr Hautzellen oder umgekehrt.

 Das Problem: Die Begrifflichkeiten toti-, pluri- und multipotent sind wissenschaftlich überholt. Wann genau eine Zelle vom Stadium der Totipotenz in die Pluripotenz wechselt, ist seriös kaum bestimmbar; der Wechsel erfolgt sukzessive. (hh)