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  • 22.04.2009

PETER UNFRIED ÜBER CHARTS

DIE CHARTS HEUTE MIT: BUDE, COHN-BENDIT, BRAUNGART, WALTER, MEINEM BRUDER, OLLI SCHULZ, EDIN DZEKO UND JACKSON BROWNE

Die Bundestagswahl ist verloren

Ich bin sicher etwas voreingenommen, aber der grade zu Ende gegangene taz-Kongress war großartig. Dass ich hier richtig war, wurde mir klar, als ich nicht zur Veranstaltung des Soziologen Heinz Bude reinkam. Wegen Überfüllung geschlossen. Sehr gut. Das bedeutete Tausende, die nachher verstehen würden, was er meint. Ich ließ mich dann treiben, bis ich von Weitem ein engagiertes Krächzen vernahm. "Keine unipolare Welt mehr", hörte ich. Dann: "multipolare Welt" usw. Die Stimme wurde immer lauter, immer emphatischer, und das war dann selbstverständlich Daniel Cohn-Bendit.

Den besten Satz des ganzen Kongresses sagte ein anderer Grünen-Spitzenpolitiker bei einer Tasse Kaffee. Er lautet: "Die Wahl ist verloren." Das meint nicht (nur), dass die Bundestagswahl für die Grünen verloren ist, sondern dass die Wahl grundsätzlich verloren ist. Für die Gesellschaft, für uns alle. Es meint: Es ist ziemlich irrelevant, ob nachher eine große Koalition regiert oder CDU/FDP oder eine Ampel. Auch das Vertagen auf 2013 bringt nichts, abgesehen davon, dass grüne Spitzenposten gewechselt werden. Oder würde jemand ernsthaft behaupten, Rot-Grün-Rot werde etwas sein, was politisch genauso gesellschaftliche Entwicklung nachvollziehen würde, wie es Rot-Grün 1998 tat? Dann eher Schwarz-Grün, wenn man Franz Walter zugehört hat.

Der Moment des taz-Kongresses kam für mich dann bei dem überfüllten Vortrag des Design-Weltstars Michael Braungart über die Fehler der Ökobewegung - und seine Welt ohne Müll. Just wenn wir guten Leute uns schön eingelacht haben, wechselt er Tempo und Tonart und sagt, dass wir, verkürzt gesagt, die Millionen in Afrika bewusst verrecken lassen, um unseren Wohlstand zu verteidigen. Stille. Betretenheit. Rührung. Bei mir war es superknapp: Um ein Haar hätte man mich "Claudia Roth" nennen müssen. Aber: Für einen Augenblick ist über die Rührung hinaus das Gefühl der Erkenntnis und Läuterung spürbar. Na, und dann kamen auch Leute und sagten: "Das war eine tolle Veranstaltung von Ihnen, Herr Unfried."

Ich, geschmeichelt: "Danke."

Und sie: "Also, dieser Ökosex-Rock-'n'-Roll ist wirklich super."

Es ist die Pest, wenn man einen berühmten Bruder hat.

*

Die Charts im April

SMS-Twitter-Leinwand bei Podien: großartig. Permanente Kommunikation mit und Inspiration aus dem Publikum durch Short Message Service.

Album: Olli Schulz - "Es brennt so schön". Mal abgesehen vom wunderbaren Existenzialismus des Hits "Mach den Bibo": einige schöne Songs. Etwa: "Wenn die Sonne wieder scheint." Fußball: Grafite? Misimovic? Mein Offensivspieler dieser Bundesligarückrunde ist Edin Dzeko. Müßig zu erwähnen, dass alle drei beim VfL Wolfsburg spielen.

Live: Jackson Browne auf Welttour. Das "authentische Live-Erlebnis" für den gepflegten Spät-68er. Aber dann: "Running on Empty." Wow. 21. Jahrhundert!

PETER UNFRIED

CHARTS

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