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  • 04.06.2009

NATALIE TENBERG ÜBER KONVERSATION

Silvana und ich nähern uns einer wichtigen Phase unserer Freundschaft: wir haben jetzt die gleichen Feinde 

Gemeinsam gegen Edmund Stoiber

Letztens war ich wieder abends auf dem Sofa vor dem Fernseher eingeschlafen, da sprach plötzlich aus dem Gerät eine weibliche Stimme zu mir. Über Europa und was das alles Tolles sein kann. Die Stimme war mir völlig unbekannt, was ich aber sah, kam mir vertraut vor. Es war Silvana. Koch-Mehrin. Dr. "Meine Freundin", dachte ich nicht ganz ohne Stolz. Die Frau der abertausenden Plakate.

Beim Zähneputzen holte mich das schlechte Gewissen ein. Denn erst hatte ich behauptet, Silvana sei unzuverlässig und ihre Masche, über Facebook Freunde zu finden, nichts als reine Werbung, und dann war ich es, die sich nicht meldete. Obwohl ich doch inzwischen so nette Mails von ihr bekam. Über ihr Leben und die EU, über Pommes, belgische Waffeln und weshalb die lecker sind, aber richtige Dickmacher. "Also laufe ich viele Stufen, schleppe die Spuren kindlichen Spielens und gelegentlich die Kinder selbst rauf und runter und fahre zum Ausgleich mit dem Fahrrad ins Parlament", zog Silvana mich ins Vertrauen. Danach folgte ein Exkurs übers Kistenpacken, Bürokratie und die "Campingurlaube" des Parlaments in Straßburg, die, wie sie behauptete, den Steuerzahler mehr als 200 Millionen Euro kosteten. Sie würde gerne darauf verzichten, weil es ja in Brüssel schon alles gebe, was die EU braucht.

Ich war über diesen Wanderzirkus erleichtert. Schließlich gibt es, hatte ich mal gehört, in keiner anderen Stadt Westeuropas so viele Fahrradunfälle, wie in Brüssel. Wenn Silvana also gezwungen war, in Straßburg statt in Belgien zu radeln, konnte mir das als Freundin nur recht sein, auch wenn es eine recht teure Unfallvermeidungsstrategie ist.

Gleich am nächsten Morgen setzte ich mich an den Computer. "Ich fahre nach Belgien!", berichtete ich. Meine Schwester heiratet bald und ich sollte am Junggesellinnenabschied in der Provinz Lüttich teilnehmen. Meine Lust auf diesen Ausflug hielt sich in Grenzen. Vielleicht, so hoffte ich, wäre Silvana in der Gegend und würde das Ganze aufpeppen.

Aber nein. Ob ich ihre Heimat schön gegrüßt hätte, fragte sie mich stattdessen, als ich aus dem überraschend vergnüglichen Wochenende wieder zurück war. Sie sei ja schon seit Mitte Mai in Deutschland unterwegs, um der Bürokratie -langsam ging mit das Thema etwas auf den Zeiger, aber gut, andere Freundinnen plagen einen mit weit schlimmeren Geschichten - den Garaus zu machen. Außerdem gab sie es Edmund Stoiber noch mal richtig mit: "Wir brauchen weniger Bürokratie und nicht nur bayerische Ex-Ministerpräsidenten als Vorsitzende von Arbeitskreisen, die kein Mandat haben, um etwas zu bewirken." Wir näherten uns einer wichtigen Phase der Freundschaft. Nach dem rituellen gemeinsamen Klagen darüber, dass man immer fetter wird, identifizieren wir Frauen gerne ein Feindbild, an dem wir uns abarbeiten können. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Bei uns war es eben der aus Bayern vertriebene Stoiber.

Trotzdem, etwas störte mich noch so sehr, dass ich, trotz Silvanas Bekundung, unsere Freundschaft würde auch nach dem Wahldatum weiterbestehen, ganz traurig war. Silvana blieb bei ihrer etwas drögen Anrede: "Hallo Natalie Tenberg" und unterschrieb auch mit ganzem Namen. Solange das so bleibt, dachte ich, passt zwischen uns nicht nur ein Blatt, sondern ein ganzer EU-Aktenberg.

NATALIE TENBERG

KONVERSATION
Über wen kann man schön lästern? kolumne@taz.de
Morgen: Jan Feddersen PARALLELGESELLSCHAFT

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